[rezension] Lento Violento | Maria Muhar

Vorsichtig löst Ruth eine hauchdünne silberne Scheibe vom Dach. » Ein Vollmond «, sagt sie leise und legt ihn in Daniels Hand. Man kann ihn kaum halten, so zerbrechlich sind seine Ränder.

Ruth lernt Daniel in der Nähe des Wiener Praters kennen, als sie betrunken ist. Als sie allein nicht mehr nachhause findet, bringt Daniel sie zurück in die unweit gelegene WG, die sich die queere, Skateboard-affine Ruth mit ihrer Mitbewohnerin Alex teilt. Ruth und Daniel werden Freunde, und als er sich seine Wohnung nicht mehr leisten kann, zieht er kurzum zu Ruth und Alex. Die drei könnten unterschiedlicher nicht sein: Daniel, der zurückgezogen und still mit seiner Umwelt verschwimmt; Ruth, die sich danach sehnt, dass die Tage vergehen und Ordnung in ihr chaotisches Leben kommt; Alex, die Schriftstellerin ist und gegenwärtig an einem Roman über die Musik und Jugendkultur der 1990iger und frühen 2000er Jahre arbeitet. Dabei werden Daniel und Ruth zwangsbeschallt mit den Beats ihrer Jugend und Alex bringt diese dabei an die Grenze des Ertragbaren. Mit ihrem Therapeuten spricht und schweigt sie über den Roman, der Therapeut sorgt sich um ihre psychische Stabilität. Als sie in den Westen Österreichs fährt, um auf dem Land zu schreiben, verbarrikadieren Ruth und Daniel die Wohnung und bauen das Sammelsurium an Gegenständen und Büchern in einen öffentlichen Bücherschrank aus, der ganz und gar privat ist. Spätestens jetzt ist nicht mehr klar, was Realität ist und Fiktion.

Muhar lässt es krachen, sie rantet und raved literarisch über die Zeiten des Eurodances, des Lento Violentos hinweg. Millennials, das sind die letzte Generation mit neuen Erfindungen, seit der Jahrtausendwende ist man laut des Buches in einer Zeitschleife, man hängt in den Neunzigern fest, so das hier häufig zitierte Wien am Prater. Der Ton ist hart und unnachgiebig dabei:

Kotze, wenn ich dieses Wort… Die Seele, wie ein nasser Seelöwe am kalten Beckenrand im Zoo. Fütter dich doch einmal in deinem scheiß Leben selbst, nasser Seelöwe. Ich weiß. Du kannst nicht.

Die Figuren entwickeln sich nicht, sie sind selbst in der Zeitschleife der neunziger Jahre gefangen. Enttäuscht, entsetzt darüber, welches Bild sie selbst von sich in der Zukunft hatten, und was sie nun darstellen. Die große Orientierungslosigkeit schwemmt auf Lesende über, bei der man zunächst nicht weiß, wem sie gehört, bis man im Verlauf des Buches darauf gestoßen wird: Niemand weiß so recht, wohin er/sie gehört, alle wissen nicht, wohin mit sich.

Die zitierten Textpassagen reichen von U96, Scooter, Gigi D’Agostino und landen schließlich bei Blümchen, STS und den Vengaboys. Eine wilde Mischung, die Millennials und Fans der Neunziger zweifelsohne den ein oder anderen Ohrwurm gratis dazu liefert.

Geordnete Textpassagen, stringente Handlungsstränge und Figuren mit Entwicklungsdrang sucht man in „Lento Violento“ vergebens. Fast euphorisch drängen sich in diesem Roman Themen wie Drogen, Depression, Ängste und Zwänge den Lesenden auf. Muhar kratzt sarkastisch an oberflächlichen Lebensverläufen und bringt einen zwangsläufig zum Lachen, wenn sie ihre Figuren einem Sautanz-Buffet aussetzt oder zu den Vengaboys am Ballhausplatz tanzen lässt.

Lento Violento ist eine musikalische, literarische Reise in die Vergangenheit, die besonders für jene interessant sein dürfte, die sich zu den elektronischen, bassbasierten Beats die Füße in Clubs kaputt getanzt haben, als man zu diesen noch Diskotheken sagte.

[Information] Lento Violento | Maria Muhar. Kremayr & Scheriau. ISBN: 978-3-218-01325-3. 208 Seiten. 22 Euro.

Ein großes Dankeschön an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

katkaesk

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