[rezension] Kaltes Herz fast Eis | Michaela Kastel

„Ich bleibe stehen und verschnaufe. Ich habe die Teufelsmauer erreicht. Zwei Stunden bin ich bereits unterwegs, zwei Stunden nichts als Frischluft, Kälte und das Ausschöpfen dieser Kraft, die sich in den quälenden Tagen des Nichtstuns wie etwas Fauliges in meinem Körper aufgestaut hat und dringend ausgeschieden werden muss. Manchmal komme ich mir vor wie ein weit geöffnetes, tiefes Gefäß vor, das jeden Sonnenstrahl, jedes Molekül in sich auffängt und in pure elektrifizierende Energie verwandelt.“

Caro versteht nicht, was ihren Verlobten Alex immer wieder in die Berge gezogen hat. Selbst nach seinem baldigen Tod in den Bergen versteht sie es nicht. Mit ihrem Bruder Ben begibt sie sich in seinen Ferien nach Schirau, der Ort, an dem ihr Verlobter gestorben ist. Alte Wunden klafften hier erneut auf, genauso wie die schroffe und kantige Oberfläche der Berge rund um sie: Das Sterben ihrer Eltern hat sie und ihren Bruder in ein tiefes Loch gezogen, genauso wie der unerklärliche Tod von Alex, der als versierter Kletterer nie hätte umkommen dürfen. Mit dem Profikletterer Samuel Winterscheidt kommen endlich Antworten in ihr Leben, war er es doch, der bei der Rettungsaktion für ihren Verlobten beteiligt war. Samuel zeigt sich dabei zunächst alles andere als zugänglich. Abweisend und herrisch weist er jede:n in seine Bahnen, wenn ihm jemand zu nahe kommt. Caro schafft es dennoch und bekommt Sami dazu, ihr das Klettern beizubringen. Was Caro nicht weiß, ist, welche Geheimnisse der Kletterer vor ihr verbirgt.

Es ist furchterregend und wunderschön zugleich. Eine fremde, wilde Welt, die dich genauso schnell begeistert, wie sie dich umbringt.

Kastels Roman ist ebenso furchterregend und wunderschön zugleich. Eine fremde, wilde Welt tut sich da auf: Sie blickt in menschliche Abgründe und stellt die Lesenden vor Dilemmata: Darf man sich zugunsten von anderen retten? Geht Eigenschutz tatsächlich immer vor Fremdschutz? Welche Zugeständnisse muss man machen, wenn man in der Schuld von jemand anderen steht?

So muss es sich anfühlen, wenn man auf dem Weg ins Paradies ist. Oder in die Hölle. Ich schon immer, dass eines wie das andere ist. Nur durchs Klettern erreicht man den wahren Himmel. Und genau das werde ich jetzt tun.

„Kaltes Herz fast Eis“ liest sich wie eine Hymne an das Klettern, ist jedoch mehr als nur ein Bergsteigerroman, sind die Berge als rahmengebende Handlung zu verstehen und die Beziehungen der Figuren untereinander viel wesentlicher für das Fortkommen der Geschichte. Neben Caro und Samuel sind vor allem die Oliver, Samuels Bruder und Jana, Freundin und Angestellte von Samuel und Oliver wesentlich für den Roman. Manfred, als jüngste und manipulativste Figur, sowie der Wolf entpuppen sich als netter, wenn auch nicht nötiger Sidekick für die Geschichte.

Es war dumm zu glauben, meine Welt gegen seine eintauschen zu können, bloß weil meine in Trümmern liegt. Die Teile passen nicht zueinander, und versucht man sie gewaltsam zusammenzustecken, wird nur alles zerbröckeln.


Dieser Roman entscheidet sich nicht gewaltsam, was er sein möchte: Zwischen Thriller, Liebesgeschichte und Krimi eingebettet wird hier eine Geschichte erzählt, die trotz all der Kälte und dem Eis, es zumindest ein bisschen schafft, das Herz warm werden zu lassen für die gute Ausgestaltung der Charaktere. Liebhaber:innen von schnell erzählten Romanen und dem unbändigen Bedürfnis, von Literatur unterhalten und zeitgleich informiert zu werden, finden mit Kastels „Kaltes Herz fast Eis“ eine Erzählung, die dies mit Sicherheit abdeckt. Wer handlungsgetriebene, perspektivreiche Romane mag und gern einmal in die Thematik des Kletterns einsteigen möchte, erklimmt dieses Buch so einfach wie die im Roman beschriebene, fiktive Teufelsmauer.

[Information] Kaltes Herz fast Eis. Michaela Kastel. Emons Verlag. 352 Seiten ISBN 978-3-7408-1242-3, 22,70 €.

Danke an die Literaturagentur Wildner für das Rezensionsexemplar.

katkaesk

Zurück nach oben