[rezension] Erbgut | Bettina Scheiflinger

Diese Sprache lässt die Hände ihrer Mutter und der Nachbarinnen tanzen. Es ist die Sprache der Mutter, die Rosa nicht versteht.

Multiperspektivisch konzipiert, erzählt dieses Buch die Geschichte von vier Frauen und einem Mann, der das Bindeglied für die unterschiedlichen Biografien dieser Frauen darstellt. Rosa ist dabei eine von fünf Stimmen, die sich in Bettina Scheiflingers Debütroman „Erbgut“ erhebt. Sophia und Johanna bilden dabei die älteste Erzählriege, bei der auf drei Generationen angelegte Geschichte. Trotzdem gleicht ihr Leben der jeweils anderen nicht:

Sophia kämpft mit Rassismus aufgrund ihrer Ehe mit einem Schweizer namens Emil. Mehr als nur einmal hören Sophia, Emil und ihre Töchter Maria und Rosa, dass sie eine Tschinggenfamilie sind – im Dialekt eine abwertende Bezeichnung für Familien, in denen ein Teil davon ItalienerInnen sind. Das Suchen nach Identität und Ruhe führt die Familie an verschiedene Orte, genauso wie die Verweigerung seitens Sophia ihren Töchtern Italienisch beizubringen.

Johanna lebt auf einem Hof, der gleichsam ein Gasthaus ist. Sie führt allein gemeinsam mit ihren Kindern Frieda, Ilse und Arno den Betrieb, da sich ihr Ehemann Franz aufgrund seiner nationalsozialistischen Vergangenheit in einem Gefangenenlager befindet. Mit Johanna erlebt man das Schicksal einer tapferen, unabhängigen, alleinstehenden Frau, die trotz der Rückkehr ihres Ehemannes separat und isoliert bleibt.

Arno entkommt im Laufe des Romans dem Vater-Sohn-Konflikt nicht. Häufig physisch schwer vom Vater misshandelt, kämpft er Zeit seines Lebens mit seinen Rollen als Sohn von Franz und Sophia, Ehemann von Rosa, als auch Vater von der Anna und der Ich-Erzählerin. Arno und Rosa erzählen jeweils als zweite Generation im Buch über die eigene Biografie, die zweifelsohne um die Suche nach Zusammenhalt, Krankheit, familiäre Beziehungen und Selbstverwirklichung dreht.

Frieda, als Schwester von Arno, Schwägerin von Rosa und Tochter von Sophia, zeigt sich dabei wesentlich für die Erzählung. Sie stellt in diesem Roman mit ihrer Lebensgeschichte einen weiteren Erzählstrang dar, an dem das Thema Abtreibung, Unabhängigkeit und Verlust von Lebensentscheidungen abgearbeitet wird.

Das Ich, das als Tochter von Arno und Rosa Platz in der Erzählung findet, durchwandert im Laufe der Erzählung die Phasen der Abnabelung ihres Elternhauses, des eigenständigen Wohnens in Wien und der Suche nach einer Liebe, die sich gut anfühlt. Als jüngste Erzählstimme in den Roman eingeflochten, erfährt man über die Suche einer jungen Frau nach dem Verständnis für ihren Körper, der häufig von einer Hassliebe begleitet wird, auch in Zeiten einer unerwarteten Schwangerschaft:

Ich stehe nackt vor dem Spiegel im Bad. Ich frage mich, ob dieser Körper, mein Körper, gut genug ist. Ich suche Stellen, die es mir beweisen. Ob es möglich sein wird, ihn zu akzeptieren, irgendwann, frage ich mich. Er verändert sich dauernd, innen und außen.

Scheiflingers Roman „Erbgut“ benötigt Durchhaltevermögen, Anstrengung und Konzentration beim Lesen, aber: Es lohnt sich. Wenn man davor nicht zurückscheut und sich auf die vielen Perspektivenwechseln einlassen kann, wird man mit einer Geschichte belohnt, die facettenreicher nicht sein könnte.

Wenngleich der Konflikt zwischen Arno und Franz sich wiederholt auflädt und nie zu einer Entladung kommt und dieser bedauerlicherweise keine Entwicklung widerfährt, wird diese den Frauenfiguren immerhin auf sehr vielen Ebenen zugestanden.

Sehr beeindruckend ist der Umgang mit dem Thema Körper und Schwangerschaft, die nicht nur als etwas Positives beschrieben wird. Alle Körper, ob alt, jung, dick, dünn, gesund, krank, schwanger oder nicht, werden thematisiert und jede Erzählfigur bekommt Raum und Zeit, diesen auszuverhandeln:

Meine Haut kräuselt sich wohlig unter meiner Berührung und es rieselt in meiner Brust.

Bettina Scheiflinger verwebt in die Geschichte dreier Generationen, die unterschiedlicher nicht sein können, krass schöne Sätze, die hängen bleiben und für sich alleinstehen können:

Dabei berühre ich mich und ihn mit meinen Händen, an den Schülern, am Hals, bis zu den Beinen. Wir sind ein Knäuel aus Haut und Gliedern und Atemstößen.

Die Hürde, personale und auktoriale Perspektive zu vermischen und dabei noch Sinn zu ergeben, wurde meisterhaft genommen. Die Dynamiken im konzipierten Figurenensemble sind spannend, vielschichtig und gut erzählt. „Erbgut“ von Bettina Scheiflinger, im Verlag Kremayr & Scheriau kürzlich erschienen, gliedert sich damit mehr als verdient in die Reihe gelungener Debütromane ein.

[Information] Erbgut. Bettina Scheiflinger. Verlag Kremayr und Scheriau. 192 Seiten. ISBN: 978-3-218-01329-1. 22 Euro.

Das Rezensionsexemplar wurde von der PR-Agentur für Öffentlichkeitsarbeit des Verlages zur Verfügung gestellt. Ein großes Dankeschön hierfür.

katkaesk

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