1. Akt, Exposition.

Er blickte auf. Das Geräusch der ratternden Straßenbahn riss ihn aus seinen Gedanken. Er starrte auf den gegenüberliegenden Park. Die Blätter rieselten bedächtig von den Bäumen. Ein Farbenspiel für die Gedanken. In zehn Minuten würde die nächste Straßenbahn kommen, die musste er nehmen, sonst würde er zu spät kommen. Die Erfindung der Zeit war ihm ein Gräuel, er lebte lieber nach Worten und Versmaßen. Zeit konnte nichts anderes als nur zu lange dauern oder zu schnell vergehen. Er hasste Vergangenheit. Die Straßenbahn ließ ihn diese Vergangenheit spüren, der Geist hauchte noch immer durch die Straßen und Gassen.

 Er drehte sich um. Dieses Monstrum an Gebäude hatte ihm schon so oft den Atem geraubt, zu oft war Zeit darin zu schnell vergangen. Besonders lange hielt er inne, wenn er die wunderbaren Deckengemälde von Gustav Klimt und Ernst Matsch bewunderte, es war ihm immer als bliebe die Zeit stehen. Heute Nachmittag blickte er Apollon auf dem Giebeldach an. Worauf zeigte er? Was wollte er aufzeigen? Er fühlte sich ertappt. Er hatte verloren. Vor allem Menschen. Sein Leben lang war er unterwegs gewesen, so rastlos, von seinen Gedanken getrieben und so kam es, dass er nun hier stand, vor dem ehrwürdigen Gebäude, dass Illusionen jeden Abend neu präsentierte und Leute sogar dafür bereit waren zu zahlen. Er hatte auch Eintritt bezahlt. Für das Theaterstück des Lebens.

Der halbrunde Vorbau erinnerte ihn an die Semperoper in Dresden, an das Pantheon in Rom. Er liebte die Städte; besonders ganz alte. Nur seinen Freunden zuliebe war er letzten Sommer mit an den Strand gefahren und hatte sich in den Sand gelegt, noch nie hatte ihn so eine große Langeweile überfallen. Während seine Freunde in die Wellen stürzten, las er “Willkomm und Abschied” von Goethe immer und immer wieder. Der Abschied, wie bedrängt, wie trübe!
Seinen Freunden hatte er zu gesehen. Unbekümmert waren sie in die Wellen gesprungen und nun war in all den Freundschaften Ebbe entstanden. Die Flut an Kontakten hatte nachgelassen. Die Winde schwangen leise Flügel. Er blickte auf den gegenüberliegenden Park. Die Freundschaften waren damals buchstäblich im Sand verlaufen.

Er setzte sich auf den kalten Boden. Aus seiner Tasche holte er sein Notizbuch. Sein Notizbuch fasste all seine Gedanken zusammen, bewahrte sie auf, er wollte sich von ihnen nähren, sobald die Luft noch kühler wurde, sobald von Worten wieder genug Wärme ausgehen konnte. Worte wärmten. Wie Freundschaften. Mein Geist war ein verzehrend Feuer, mein ganzes Herz zerfloss in Glut. Damals war er davongelaufen. Auf der Suche nach einer besseren Welt, auf der Suche nach besseren Leuten, aber vor allem auf der Suche nach Anerkennung. Er holte sie sich bei Menschen, die den meisten Dingen kaum Wert beimaßen und am allerwenigsten Freundschaften. Sie setzten sich die Masken auf, und sahen dann so aus wie diese hinter ihm links und rechts vorm Haupteingang. Oft war es nur die Angst, alleine zu bleiben in einer Welt, in der man alles konsumieren konnte, seinen Tee vor diesem Gebäude genauso wie Freundschaften, solange sie zu etwas nützlich waren.

Er ertappte sich erneut dabei, wie er den Blättern beim Fallen zusah. Freundschaften mussten so sein wie die Bäume, beständig und in jeder Jahreszeit bestaunenswert, so wie im Winter, wo diese immer mit Lichterketten verziert wurden. Menschen waren nicht dazu da, dass man sie als Accessoire verwendete, so wie seine neue Ledertasche, die in ihrem Aussehen an den guten Zeiten erinnerte, Zeiten, an denen Freundschaften so belastbar waren wie Ledertaschen aus gegerbten Rindsleder.

Jede Freundschaft hatte ihre guten Seiten, und ihre schlechten Seiten, die oft nicht sichtbar waren, wie die hintere Ansicht des Gebäudes in der Löwelstraße. Er spielte jeden Tag eine neue Rolle, lernte neue Texte, nur um ein bisschen Anerkennung zu bekommen. Er war sich nie zu schade gewesen, die Beigabe für Menschen zu sein, nur um in deren Schein, der wohl keiner war, zu glänzen. Er hatte sich eine Leine anlegen lassen, sich vorführen lassen, die goldenen Momente genossen und die dunklen Momente einfach überstrichen mit den schönen Gedanken. Er war wie diese Haus, so wunderschön, so bewundert, und doch einen Widerhall, den man nicht wollte. Für Einzelaufführungen buchte man ihn, aber das Abo wollte man nicht.

Sein Schein glänzte schon lang nicht mehr. Er glich der Straßenlaterne gegenüber, deren Glas mittlerweile eingetrübt war, so wie seine Laune mittlerweile. Die alten Menschen waren weg, die, auf die man sich verlassen konnte, er hatte sie mit den neuen Menschen betrogen, die neues Theater versprochen hatten und so taten, als könnten sie jegliche Obsession bündeln, wie die Kronleuchter im Inneren.

Er stand auf, packte sein Notizblock in seine Ledertasche und verschloss sie wieder sorgfältig. Er seufzte. Du gingst, ich stand und sah zur Erde und sah dir nach mit nassen Blick. Danach setzte er einen Fuß vor den anderen, schlurfte sich langsam zur Haltestelle, den Kopf auf den Boden. Diese Vorstellung würde noch ewig dauern.