[rezension] Die Königin von Troisdorf // Andreas Fischer

Ich bin ein Luftschlucker. Das gefällt mir. Ich will gerne ein Luftschlucker sein.

Andreas schluckt viel mehr als die Luft in diesem Buch. Er ist als Kind dazu gezwungen, die Vergangenheit seiner Vorfahren zu „schlucken“, immer ohne Kontext und viel zwischen Zeilen. Er schluckt verbale Entgleisungen wie körperliche Gewalt, Bedrohung wie Streit, großelterliche Diffamierung wie Lieblosigkeit.

Alle Bezugspersonen um Andreas sind Erwachsene und tragen jeweils ihr Päckchen Trauer, Trauma und Trostlosigkeit mit sich herum. Oma Lena scheint ihren Enkel zu hassen, wie sie verbal häufig kundtut. Mutter Ilse tritt als Verbündete der Großmutter auf, Vater Reinhold trinkt, raucht und versucht, die Vergangenheit zu vergessen. Onkel Bruno ist gewalttätig und lässt Andreas diese Abneigung spüren, da er sehr hart zu dem Jungen ist. Einzig Tante Hilde, sein „Herzlieb“, zeigt mit Güte und Warmherzigkeit Andreas eine andere Welt.

„Die Königin von Troisdorf“ ist ein Kriegsenkelroman, der sich so individuell gestaltet und trotz alledem eine typische deutsche Nachkriegsfamiliengeschichte erzählt. Der Aufbau Westdeutschlands atmet man nebenher ein: Nach den zwei Weltkriegen arbeitet sich die Familie mit dem Fotogeschäft hoch, baut Mietshäuser, wird vermögend – eine typische Aufstiegsgeschichte, die vor allem den Satz mit sich trägt: Leistung lohnt sich. Zu bedauerlich, dass Andreas dies vermeintlich nicht versteht und seine gutsituierte Lage nicht zu schätzen weiß. Er ist jener Sohn, der nie in den Krieg musste, keinen Verlust zu beklagen hat und den herben Verlust des Endsiegs nie zu tragen hat. Dies zeigt sich in der Tonalität des Kindes gegenüber, ebenso der Ansicht, wie ein Kind zu sein habe. Andreas weiß sich nicht zu helfen und nennt Mutter und Großmutter daher Hindenburg und Ludendorff:

„Ich habe zu gehorchen, nur ein gehorsames Kind ist ein gutes Kind. Ich habe nichts zu wollen und schon überhaupt nicht etwas nicht zu wollen. Ein Infragestellen der Befehlsgewalt bedeutet für Hindenburg und Ludendorff Hochverrat, eine Gefährdung der Herrschaftsstruktur an und für sich, und an dieser Stelle kennt die Oberste Heeresleitung kein Pardon.“

Fischer erzählt autobiografisch seine Geschichte, die in neunundfünfzig Kapitel gegliedert ist und sich über 100 Jahre (1914 – 2014) zieht. Es geistert viel in diesem Roman. Die Geschichte des gefallenen Onkels Günther, der via Feldposteinträge vorgestellt wird. Ein glühender Verehrer der Härte; sie geistert Jahrzehnte später im Wohnhaus der Fischers weiterhin herum. Ebenso geistert Opa Paul herum, der im ersten Weltkrieg war. Auch die Nähe zwischen Andreas und seinem Vater geistert herum, die ab und an schöne Momente erleben wie den Kauf einer Enzyklopädie, sofern dieser nicht betrunken bei Korn und Kippen in der Küche sitzt.

Schmerzhaft und sehr detailgetreu wird die familiäre Situation beschrieben, dessen Epilog länger als der tatsächliche Epilog ist. Der Roman liest sich nichtsdestotrotz als Zeitdokument der 1970iger Jahre und den technischen Erfindungen, die Andreas eine neue Welt eröffnen. Fischer sucht die Nähe zu den Leser:innen in den Orten seiner Kindheit: Baggergruben, Kirchen, kleine Kinderzimmer, Küchen und die Straßen von Troisdorf. „Die Königin von Troisdorf“ ist harter Tobak, Fischer hinterfragt Glaubensgrundsätze und historische Ereignisse, er geht mit selbst dabei am härtesten ins Gericht.

Wenn dieser Roman eines zeigt, dann das:  Von der eigenen Kindheit erholt man sich nicht. Aber Schreiben lindert den Umstand etwas.

[Information] Andreas Fischer : Die Königin von Troisdorf. Als der Endsieg ausblieb. eschen4 verlag: 473 Seiten, 22,50 Euro, ISBN 978-3-00-070369-0.

Ein herzliches Dankeschön an Birgit Böllinger für das Rezensionsexemplar.

katkaesk

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