Review:: Unterwegs mit Jacqueline

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Jacqueline ist Fatahs größter Stolz – Jacqueline ist wohlgemerkt eine Kuh, die mit ihrem Besitzer in einem algerischen Dorf ein ödes Leben fristet. Dies ändert sich schlagartig, als Fatah mit seiner Kuh nach Paris zur Landwirtschaftsausstellung und zum Rinderwettbewerb eingeladen wird. Mit Unterstützung seines Dorfes reist Fatah das erste Mal in seinem Leben nach Frankreich und macht sich per Pedes auf nach Paris. Ein Abenteuer der Sonderklasse beginnt, von Backpacking bis hin zu Verhaftungen erlebt Fatah Einiges auf seiner Reise und es scheint ungewiss, ob er je in Paris ankommt…

Die französische Komödie besticht durch Warmherzigkeit und Tollpatschigkeit der Protagonisten. Fatah erinnert etwas an den alten Louis de Funés, und Fatsah Bouyhamed wird dieser Rolle mehrfach gerecht. Komplementiert wird der Film durch die Schauspieler Lambert Wilson, der einen pleite gegangenen Graf mimt und  Jamel Debbouze, welcher den lauten und polternden Schwager Hassan spielt. Es bilden sich somit Rollen heraus, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

„La vache“ wie der Film auf französisch heißt verdreht Stereotypen und bildet doch wieder welche: der Film geht von Menschen aus, die allesamt muslimischen Glaubens sind und führt nebenbei die Religionsdebatte ad absurdum, als Fatah das erste Mal eine Kirche betritt und mit einer gefälschten Swatch Muezzinrufe ertönen lässt, zum ersten Mal Alkohol trinkt und dem „Willi“ die Schuld gibt und einen Liebesbrief als funktionaler Analphabet schreiben will.

Besonders nett erweisen sich die Details im Film: Der lockere Umgang mit Depressionen, Schnurrbartfernsehen, Gmundner Keramikhäferl in Paris und der Zeitgeist, der durch Facebook und Twitter ebenso Eingang gefunden hat, wie bereits der legendär gewordene Film „Ich und die Kuh“. Lobenswert ist die positive Einstellung bezüglich Algeriens, die sich durch den ganzen Film zieht und sogar Lust auf eine Reise macht.

Eineinhalb Stunden im Kino, die sehr kurzweilig sind und die Lachmuskeln ordentlich strapazieren, wenn es manchmal auch etwas banaler Slapstick ist.

Hier geht zum Trailer: Unterwegs mit Jacqueline

 

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Projekt [txt] Narrenfreiheit.

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Ich hab dich gehen lassen, einfach so.  Du bist tot neben mir im Bett gelegen und hast aufgehört zu atmen. Dabei warst du doch noch jung. Also nicht mehr ganz so jung, mittlerweile warst du schon ein Mensch, der nicht mehr alle Hoffnungen neben sich aufm Bett geparkt gehabt hat. Du hast schon manchmal vom Sterben geredet, bloß so ein bisschen. Aber du hast auch über Kinder geredet und wie das ist, wenn man mit jemanden sein ganzes Leben verbringen kann, du hast auch über Elektroautos geredet und jeden Tag über das Wetter. Jeden Tag bist du aufgewacht, hast auf dein Smartphone gesehen, hast das Wetter gecheckt und dich dann entschlossen, was du anziehen sollst. Diesen Moment werde ich nicht vergessen, wie du in diesem einen kühlen Sommer deinen Schrank aufgemacht hast, und deinen Pullover mit den Pferden herausgenommen hast. Ich habe dich deswegen ausgelacht, weil es einfach zu lächerlich war, so ein Teil in deinem Alter anzuziehen, aber du meintest, dass du denn später gar nicht mehr anziehen kannst, weil dann bist du wirklich zu alt dafür. Alt bist du nicht geworden, du liegst jetzt steif neben mir, wo ist dein heatbeat, deiner, den ich immer wieder und andauernd hören will, ständig, because a heartbeat skipped a beat. Da ist kein Heartbeat mehr, kein Atem und deine Augen geschlossen. Deine Augen waren nie geschlossen, wenn ich schon eingeschlafen war, du warst damit beschäftigt mich anzuschauen, mir die Haare aus dem Gesicht zu streichen und voller Glück zu lächeln, wenn ich meine Hände in deinen Bart vergraben hatte. Oft lief Musik noch, du zeigtest mir damals vor Begeisterung den Indie Release Radar, und will ich deinen Radar spüren, nur du bist nicht mehr da. Du wirst immer unbeweglicher und wirst langsam kalt. Du warst immer so warm, ich hab kaum mehr eine Decke gebraucht, du hast dann immer kalt geduscht, weil du so warm warst und nun wirst du kalt und ich kann nichts dagegen tun. Diesen Moment, ich will niemanden anrufen, nicht die Rettung, nicht meine Eltern, nicht deine, ich will niemanden anrufen, denn alles was ich dann sage erklärt dich endgültig tot. Ich will dich nicht tot sagen, ich werde dich wachrütteln, ich werde dich solange schaukeln bis du wach bist, ich werde dich küssen, oder kneifen oder beides zusammen, damit du wieder aufwachst, damit du nicht tot bist, und du bist nicht tot, wenn ich nicht sage, dass du tot bist. Ich will dich anschreien, dass du zurückkommst, ich will dir sagen, dass du doof bist, und so war das mit Narrenfreiheit nicht gemeint.  Du kannst nicht sterben und so tun, als wäre es etwas, dass man tun kann, einfach so, was andere nicht einfach so machen, was hast du dir dabei gedacht. Dein Wecker läutet, hinein in diese Stille, nein, hinein in das potentielle Hyperventilieren, das kommt, wenn ich deinen Wecker abdrücke, weil das bedeutet, dass du dann tot bist. Dein Wecker läutet, ich lasse ihn läuten. Tot bist du nämlich erst, wenn ich es sage. Ich hätte aufpassen sollen auf dich, ich hätte merken müssen, dass du gestern wieder todtraurig warst. Du hast gesagt gehabt, dass es dir nicht gut geht, du hast gesagt, dass die Welt nicht besser wird, die Welt ist grausam und schlecht, genau das hast du in den Raum geworfen und ich habe schief gegrinst und dir recht gegeben. Du bist gestern ins Bad verschwunden, du sagtest, du wolltest noch etwas Wasser trinken. Hast du auch, aber deine Tabletten auch, in Überdosis, ich sehe deine leeren Schachteln auf dem Boden liegen, die Badezimmertür ist offen. Das hast du nicht getan, du nicht, du würdest nicht diese Art von Narrenfreiheit wählen, du hast gesagt, dass du eines Tages umfallen wirst, einfach so, von der Blödheit, mit der die Leute auf der Straße herumlaufen. Ich kann nicht laufen jetzt, ich sitze apathisch neben dir, stupse dich an, aber da kommt nichts mehr. Du hast mich alleine gelassen, in diesem Grau der Welt. Jetzt habe ich niemanden mehr, höre ich mich weinend sagen. Meine Hand greift zu deiner Zigarettenschachtel, auf der der Hinweis „Rauchen kann tödlich sein“ steht, ich lache, stecke mir eine an. Auf dich, du Narr.

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Review:: Frühstück bei Monsieur Henri.

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Monsieur Henri hat schon sehr viel erlebt, nur eines nicht: das Zusammenleben mit einer Mitbewohnerin. Per Zufall wird ihm diese in Form von der Mitzwanzigerin Constance in eine wunderbare Pariser Altbauwohnung gestellt. Monsieur Henri wäre nicht er selbst, wenn er nicht granteln und torpedieren könnte, vor allem seinen vierzigjährigen Sohn Paul. Da er die Frau seines Sohnes nicht leiden kann, schlägt er Constance ein unmoralische Angebot vor: sechs Monate darf sie gratis bei ihm wohnen, wenn sie nur die Ehe zwischen Paul und seiner erzkatholischen und humorlosen Ehefrau sabotiert. Constance hat ohnehin schlechte Karten und nimmt dieses Angebot an…

Neben diesen Hauptstranges wird Constances Leben als Mitzwanzigerin in feinen, aber traurigen Zügen nachgezeichnet – im Clinch mit den Eltern, Versagensängsten, Zukunftsängsten, OneNightStands, Alkoholexzessen, das Skizzieren einer Quaterlife-Crisis, voller Kunst, Nebenjobs in Bars und ihrem musikalischen Träumen, die zunächst nicht getraut werden.

Indie-Fans werden bei diesem Film auf ihre Kosten kommen – immer wieder werden nette Stücke angespielt – als Klangteppich für die Postteens, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben.

Bewundernswert auch die Dialogie zwischen Constance (gemimt durch Noémie Schmidt) und Monsieur Henri (Claude Brasseur) hart am Antiwitz vorbeistreifend, keifende, bissige Dialoge, die Witz und Weisheit miteinander verbinden.

Der Regisseur Ivan Calbérac schafft damit eine Tragikomödie, die neben dem Antiwitz zeigt, wie Antiliebe geht, fernab von der Erfüllung von Klischees und scheut sich auch nicht davor, kein Happy End zu zeigen, weil das wahre Leben nun mal  so spielt.

Der besondere Reiz in diesem Film liegt zweifelsohne an der  Theatervorlage, die erst das Leben zwischen WG-Streithähnen, verschnupften Apple Crumbles und klassischen Klavierstücken möglich machen.

Hier gehts zum Trailer: Frühstück bei Monsieur Henri

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Review :: Der Wert des Menschen // The measure of a man.

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Vor kurzem habe ich beschlossen, einige Reviews über Filme zu schreiben, die ich mir manchmal in einem kleinen Programmkino ansehe, da ich Filme liebe! Besonders jene, die der französischer und schwedischer Machart entspringen. Meine erste Review diesbezüglich ist der Film „Der Wert des Menschen“ oder auch „The measure of a man“ (so der englischsprachige Titel).

„Der Wert des Menschen“ zeichnet das Leben von Thierry (51) auf die Leinwand, welcher seit 20 Monaten arbeitlos ist und keine Arbeit findet, sich während der Suche immer wieder fragen muss, welche Prinzipien in der heutigen Arbeitswelt noch bestehen können und in wie weit Werte für den freien Markt verhandelbar sind.

Der Film erzählt in 93 Minuten kurzweilig, aber schwer anhand der Geschichte von Thierry nach, welche Gesetze auf dem freien Markt gelten, lässt Töne anklingen, die prekäre Arbeitssituationen als auch monetäre Zwangslagen in wenig gutem Licht zeigen. Stéphane Brizé schuff ein Werk, dass extrem leise aber eindrucksvoll auf die schlechte Stellung von älteren Menschen am Arbeitmarkt hinweist und auch nicht scheut, Themen wie zweite Bildungswege oder Umschulungen in das Blickfeld zu rücken.

Vincent Lindon erhielt für diese Rolle den Europäischen Filmpreis 2015 in Cannes für den besten männlichen Hauptdarsteller. Kein Wunder, wenn man den Film näher betrachtet: lautlos und stoisch erträgt er in der Rolle die Folgen des Kapitalismus, lässt psychische Ausbeutung demütig über sich ergehen und quält zudem unfreiwillig in seinem neuen Job als Kaufhausdetektiv Arbeitskollegen, um der Lohnarbeit gerecht zu werden.

Ein packendes Sozialdrama, das sehr zum Nachdenken und Diskutieren einlädt – vor allem aber zum Umdenken, in wie weit man sich für den Arbeitsmarkt verbiegen kann und soll und entflammt die alte Debatte an der Zäsur zwischen Kapitalismus und Kommunismus.

Hier gehts zum Trailer: The measure of a man

 

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Bis bald.

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Immer diese leeren Verabschiedungen, wenn du deinem Gegenüber ein „Bis bald, ruf mich an“, oder ein „Bis später“ in den Mund küsst. Dann diese Höflichkeit folgend, dass es schön war, ja, dass es bald einer Wiederholung bedürfe, dass man sich bald wieder sehen müsse, unbedingt oder zumindest anrufen. Nicht mehr über Verabschiedungen sagen,  weil alles immer nur hohle Phrasen sind, niemand sich je wieder meldet und dieses „Bis bald“ groß im Raum steht, immer größer wird und dann wie ein Luftballon auf Überdruck zerplatzt. Sag nicht mehr „Bis bald“, wenn du „Auf Nimmerwiedersehen“ meinst, will ich dir hinterher rufen und nichts mehr in den Mund küssen und nichts mehr auf Wangen küssen, schon gar keine leeren Versprechungen mehr.

Was ist das für ein Unding mit Verabschiedungen will ich dich fragen, wo man etwas anderes meint als man sagt und wieso tut man das, höre ich mich fragen, leise im Kopf und nicht dich, obwohl du gegenüber stehst und auf deinen Füßen umher trampelst und verwegen grinst und dann bald ein „Ich muss los“ auf den Gehsteig kotzt, statt mir zu sagen, dass ich dich ankotze. Man kann ja nicht sagen, dass man sich die Höflichkeit sparen kann, und sich nicht verabschieden, das wäre viel ehrlicher, nämlich, in einer Bar zu sitzen, was zu trinken und bloß ein „Ich geh jetzt“ in den Raum zu werfen, ohne Verheißungen und Lobgesänge auf Abende, aufzustehen, zu gehen und sich nicht mal umzudrehen, einfach gehen und getan haben, was man tun musste und keine Luftballone produzieren, wenn man Angst hat, dass es knallt. Ich mag dir auch eine knallen, mitten ins Gesicht, so dass du rot bist, weil du dieses „Bis bald“ ausgespuckt hast, statt runtergeschluckt und was tust du mir das an, will ich dir fragen. Das weißt du nicht, weiß ich mich jetzt schon wissen, aber irgendwie muss man sich ja verabschieden, nur kennst du das bloß temporär. Sich verabschieden, als würde man bald sterben, das wäre wohl das Ehrlichste irgendwie, nur bringst du das nicht über das Herz. Dein Herz ist diesbezüglich eine Hafenkante, ein „Bis bald“ fällt nicht in das Meer der Endgültigkeit, höre ich mich sagen, im Kopf natürlich, während ich bloß ein „Ja, bis bald oder so“ dir auf deine Hafenkante spucke.

Dieser ganze Gehsteig ist schon so vollgekotzt von den ganzen Verabschiedungen, und auch die ganzen Bahnhöfe, danach riecht es nämlich immer, das ist der Geruch von leeren Verabschiedungen. Einmal bin ich gegangen, einfach so, ich hab einem Kerl ein „Ich geh dann“ in die Lederjacke gekuschelt und das wars dann. Das war weniger schmerzhaft, will ich dir sagen und steck dir noch ein „Danke. Schön wars“ in dein Haar, bevor ich die Tram nehme, irgendwohin, weg, bis du mich vergessen hast. Eigentlich wollte ich dir sagen, dass du sagen musst „Auf Immerwiedersehen“ und das dann so meinen, aber nur wenn du das wirklich so meinst und dann zum Schluss statt „Auf Wiedersehen – Our feet are the same“ zu sagen, aber nur wenn du das so meinst. „Bis bald“ hauche ich der Scheibe ein, sie hat mich schon vergessen.

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Zimtwind.

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Du stehst inmitten eines Zimtwindes
und strahlst wie eine Sonne aus Pfeffer
Luftpostbriefe muss man dir schreiben
in einer Schrift aus Blütenhonig
dich will man tanzen
bis Mehlstaub über die Erde zieht
goldene Vögel stehen am Firmament
und ziehen silberne Kreise
und dein Zimtwind wirbelt
dir näher kommen wollen
und dich hermeneutisch streicheln
bis du schwarzer Zucker bist
deine Fuße treten
in das Meer von Verzweiflungstaten
Versagen schmeckt immer süß
so wie Zimtwinde
und nach etwas grünem Kardamom

 

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Wahrheitsgemäß.

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Das da voll und ganz
lieben und die Wirklichkeit
verschmähen irgendwie
und Realität ist
auch nur ein Begriff
für eine Welt
die nicht so geht
wie der Kopf es will
jammern bringt doch nichts
wenn die Wirklichkeit
bloß Wahrheit wäre
aber wollen wir das wirklich
dann lieber in Utopien hausen
und sich in Visionen verkriechen
und Wahrheit ist
auch bloß ein Begriff
was andere erzählen
die Welt vor der Wirklichkeit
retten und ihr das Wahre zeigen
und Sturzflüge üben
über Treppen landen
und das da voll und ganz
wirkliche Wahrheit nennen.

 

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Abstrakte Lagerhausmäntel.

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Vielleicht Kleinigkeiten
wenn man nicht ganz so weiß
was denn sowas Abstraktes
wie Liebe ist
das ist, wie wenn du
mitten auf der Straße sagst
„Die Leute tragen jetzt
auch schon viel weniger
Lagerhausmäntel, die grünen“
und dann lieg ich eines Tages
alleine im Bett oder
lauf deine Straße hinauf
die diesem Letten gewidmet ist
nichts mehr wünsch ich mir
als dieselben Wörter noch einmal
zu hören, die mit dem
Lagerhausmantel mitten in der Stadt
und ich mag nochmal sehen
wie du da ausgesehen hast
und nochmal genau das hören
wie du das gesagt hast
und vielleicht war das doch
sowas Abstraktes

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[txt] Verklärte Welt.

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Diese Welt hatte sich gefangen in ihrer dreisten Übertreibung und Poesie, die sie selbst nicht wollte. Nichts von alledem, was real und überschaubar war, ist ihr geblieben. Die Welt hatte sich die letzten Jahre in einem dieser unheilvollen Orte der Visionen verwandelt, in welcher jeder träumte, er könne alle erleben. Jeder meinte, es bräuchte nur etwas mehr Zeit, dann würde es werden. Jeder war der Ansicht, dass man alles erreichen konnte, wenn man es nur wollte. So ging es auch Herrn T. T war an Hoffnungen und an Träume gewohnt worden. Man erzählte ihm all die Lügen, die in der Zeitung standen und auch die Lügen, welche man zwischen den Zeilen, zwischen den Gesprächen, zwischen den Tagen und Nächten bei Menschen, die sich ebenso ihre Lügen auftischten, war er emporgekommen, wie eine Pflanze, die die Sonne scheute, wenn es zu hell war. T wollte seine Zeit nicht weiter mit Lügen verbringen und so kam er zu dem unredlichen Schluss, so würden es jedenfalls Andere bezeichnen, dass er mit dem Denken aufhören wollte. T überlegte sich zunächst, wie er das angehen könne, nicht zu denken. Aber wenn er überlegte, so dachte er doch auch und so war sein nächster Gedanke, mit dem Denken kann man über das Denken nicht aufhören. Seine Wohnung begann er auszuräumen, jede einzelne Erinnerung zu vernichten. Kein Gegenstand bliebt mehr in der Wohnung. Wenn er nicht essen konnte, nicht lesen konnte, nichts hätte, als die weißen Wände, dann würde er sein Leben in den Griff bekommen, realistisch sein, nicht denken, in den Tag leben, irgendwann sterben. T. saß nun in der Wohnung, die weiß war, in den Ecken grau, an der Decke schwarz, er hatte nichts zu tun, als über das Rauchen nachzudenken. Eine nach der anderen steckte er sich an, Rauch qualmte an die Decke, fing sich in der Luft. Das Fenster wollte er nicht öffnen, denn da war die Welt draußen, die große Welt, die viel verhieß, nichts hielt, sich oft in Luft auflöste, heiße Luft. T saß da, am Boden, in einer Wohnung, die sich so anfühlte, wie er sich selbst im Inneren gestaltete. Nach außen war er immer so bunt gewesen, innen war es schwarz. Diese Schwärze wollte er übertragen. T kaufte sich schwarze Farbe. T strich die Wände, alle Wände in schwarz.  Die Fenster verklebte er in Schwarz.  Er saß im Schwarz, er war schwarz.  Endlich schwarz. Er dachte nach. Noch immer. T legte sich auf den Boden, atmete tief ein und aus, wie er es gehört hatte auf einer dieser Yoga-CDs, die man Menschen schenkte, wenn man nicht wusste,was man ihnen sonst schenken sollte. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Atem. Er hielt die Luft an. Herzschlag hören, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, zuwenigzwanzig. Ich muss sterben, um nicht zu denken, nur der Tod hilft mir, dann muss ich nicht denken, dachte T. . war sich eins mit sich und der Welt, dieser Beschluss musste gefasst werden, tot konnte man nicht denken. Weiß half nicht beim Nicht-Denken, schwarz half nicht beim Nicht-Denken. Rauch half nicht, nicht nicht zu denken. Erinnerungen bauten sich auch so in seinem ohnehin viel zu schweren Kopf auf. T. beschloss, nicht mehr existieren zu wollen. Existenz ist das Übel jeden Lebens. T legte sich hin, schloss die Augen, hielt die Luft an. Diesmal würde er nicht mehr ausatmen. Oder einatmen. Oder zählen. Oder existieren.

 

 

 

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[txt] Dein Lächeln, ich weiß.

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Du machst kaputt, was mich eventuell zerstört
baust Türme an der See für harte Zeiten
was weiß ich, was dir so viel daran liegt
in manchen Augenblicken find‘ ich Schlüssel
zu Schlössern, die du alleine kennst
alles macht immer nur dein Lächeln, ich weiß.

Wir sind nicht alt, eigentlich nicht erwachsen,
nur Teenager, die die Zeit vergessen haben
ich hab gesehen, woran dir so viel liegt
erzählst du mir Geschichten, sind es neue
oder alte, was weiß ich, haben alle neuen Anstrich
alles erweckt immer nur dein Lächeln, ich weiß.

Du fliehst, wenn du kannst, und bleibst doch
kannst das Leben ohne Kinder und großem Haus
lebst dein Nomandenleben, woran dir liegt
baust lieber Ideen und manchmal Ängste auf
rennst du weg, bin ich allein, nur
alles macht nur dein Lächeln weg, ich weiß.

Du blendest mich mit deinem Lachen, brauche einen Schirm
den nimmst du dann für den Sommerregen
was weißt du schon, woran mir soviel liegt
schlag ich dich mit meinem Lächeln – manches Mal
gehst in Selbstverteidigung und greifst mich an
das alles kann dein Lächeln, ich weiß.

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