Galant reiben.

Wo sollen wir anfangen
oder aufhören
unseren Lauf nehmen
oder dastehen
bloß für den Moment
oder betören

Wo sollen wir beginnen
oder enden
unser Sein transzendieren
oder spüren
wo unsere Grenzen sind
bloß einmal

Wo sollen wir gehen
oder bleiben
unser Selbst adaptieren
für die Welt
dass wir sein können
was sie will

Wo sollen wir tanzen
oder schnaufen
unser Herz aeridieren
frei heraus
dass wir Freiheit
von außen spüren

Wo sollen wir rasten
oder eilen
unsere Beine abstrahieren
wild herum
dass wir glühen
oder hitzen

Wo sollen wir enden
oder sein
unsern Kopf assekurieren
leise sacht
dass wir wissen
wo wir sind

Wo sollen wir sterben
oder leben
unsere Haut auskultieren
still und heimlich
dass wir atmen
bloß elendiglich.

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Fuchs | Möwe | Ungetier.

Wäre ich ein Fuchs,
wärst du die Möwe,
lieb ich den Wald,
dann du die Höhe
du bist so laut
und brüllst hernieder
deine theoriegewordenen
unbiegsamen Überflieger

Wäre ich ein Schaf
wärst du der Löwe
bin ich leise
brüllst du Gelöbe
von Schmerz und Pein
und schreist hinein
deine Unvernunft
ganz kochend rein.

Wäre ich ein Elefant
und du die Eule
bin ich traurig
auf meine ganz eigene Weise
Trauer mein Ungetier
trampelt dich tot
deine Bäume sterben
du kennst die Not.

Wär ich ein Wolf
wärst du Fisch
greife reißerisch
und du um mich
all die Wut in mir
verletzt dich
du Schuppentier
ich transformatives
Ungetier.

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cage of memory.

lamps on the ceiling
and headstones on the wall
fences look all the same
clefts in your teacups
torn pages of broken bones
smut on some flaggings
white rust around jars

memories between the dust
and abashment on the floor
defiance at the smeared windows
selfhate through the back door
and doubt caused erosion
I shot myself inevitable
in that cage of mine.

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Deine Manifestationen plagen.

Nach all den Jahren
kann ich dich immer
noch nicht fassen
oder halten
in all den Wortgestalten,
-hüllen und vollständig
das Vokabular
mit deiner Existenz
ein bisschen füllen
von null auf hundert
oder ein paar tausend
in deinen Körper
mich anpassen
herantasten, fühlen
dich anfassen
das ist zu einfach
uns zerstören
einen Moment lang
bloß zwischen
Nacht und morgen
deine Zweifel
hören, verhören
deine Zweifel
stören, betören
verstören
ist unsere Disziplin
Deprimierende Gedanken
über Selbstzerstörung
Verschwörung auf all
deinen Gebieten
und wir kommen
aus dem Nichts
küss mein Über-ich
geh den Strich
dagegen
verwegen
deine Existenz
berühren
Schicht für Schicht
im Licht
möglicherweise ist das
unser Problem
wir wollen einander
zu sehr verstehen
bestehen
hochgestellte Kragen
tragen und fragen
Manifestationen
plagen

 

 

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17 | 27

Hallo, meine Name ist Katka und ich bin heute 27 Jahre alt geworden. Nein, keine 17 mehr, sondern 27. Zehn Jahre älter, zehn Jahre weiser oder zehn Jahre mehr Lebenserfahrung, zehn Jahre mehr Freude oder Leid und zehn Geburtstagskuchen älter. Zehn Jahre viel zu oft im Internet aktiv, zehn Jahre Digitalisierung hautnah mitbekommen, zehn Jahre (gesellschafts-)politische Veränderungen mitbekommen, mitgezittert, gefreut, geärgert, darüber geschrieben, manchmal zehn Tweets oder Facebook-Status zu viel. Zehn mal Neues ausprobiert, zehn mal zu oft geträumt, oder auch vielleicht zehn mal zu wenig. Zehn mal die Finger in der Liebe verbrannt, zehnmal mehr geliebt, als zehn Jahre zuvor. Zehnmal mehr Menschen kennengelernt, und noch immer zehnmal die falschen, einmal genau ein paar Richtige, und die zehnmal mehr geliebt. Zehnmal mehr Gedanken gehabt, und zehnmal mehr diskutiert. Zehn Jahre nicht so geworden, wie es andere wurden, und zehnmal an allen Entscheidungen gezweifelt. Zehnmal mehr verzweifelt und zehn Jahre mehr in Hoffnung geübt. Aber zehn Jahre später weiß ich mehr:

 

  • Meine Liebe zu Jack White und den White Stripes besteht immer noch und ich denke, dass wird eine lebenslange Liebe. In Wien hab ich Jack White sogar mal getroffen. Das war großartig. Ich hab mir sogar zum Geburtstag einige Vinyls besorgt von seinen Bands – dafür bin ich schrecklich retro geworden und höre via Plattenspieler.
  • Meine Vorliebe für alte Möbeln hab ich immer noch, ich will aber nicht mehr in einem Museum wohnen, ich mag den Mix aus Alt und Neu.
  • Ich trage immer noch zerrissene Jeans und fühle mich definitiv nicht zu alt dafür.
  • Bei Geschirr bin ich mir nun zu 100% sicher, dass ich das nicht bedruckt mag. Steingut hab ich am liebsten.
  • Ich sehe Menschen definitiv kritischer als noch vor zehn Jahren. Manche Menschen erträgt man nur in Distanz, manche sind trotz ihrer Entfernung sehr nah, manchen Menschen kann man auch verzeihen.
  • Ich schreibe immer noch – 10 Jahre später ist das Ganze professioneller geworden – von einem Myspace-Blog bin ich auf vielen Umwegen zu eigener Domain und Publikationen gekommen. Mein Schreiben ist komplexer, ich hoffe, ich werde noch besser.
  • Ich mag Farben noch immer nicht wirklich. Ich mag auch weiterhin bloß schwarz |grau | weiß.
  •  Der schönste Ort ist bloß nur mehr manchmal das Bett, ich mag auch Kaffeehäuser und Zugabteile.
  • Ich mag mittlerweile nur mehr französische Spielfilme am liebsten. Dafür mag ich Starwars jetzt. Und auch sonst bin ich irgendwie durch die Boyfriends zum SciFi-Fan geworden.
  • Musik mag ich immer noch nicht gerne teilen – ich mag nicht wenn an Songs Menschen kleben, die Vergangenheit sind.
  • Ich bin noch ein paar Mal ans Meer gefahren, der Norden steht immer noch aus.
  • Meine Katzenliebe ist ausgeprägter als vor zehn Jahren – I´m getting an old crazy catlady.
  • Es ärgert mich, dass mich Jugendliche im Alter von 17 Jahren als alt ansehen, wann genau dieser Übergang stattgefunden hat, weiß ich nicht. Auch außerberuflich sagen sie „Sie“ zu mir, es schreckt mich immer sehr.
  • Ich mag selten nur mehr Mixgetränke. Ich mag nur mehr vieles Pur – bis auf Gin Tonic. Meine Liebe für Schnaps hab ich die letzten zwei Jahre erst entwickelt.
  • Mir fehlen meine Lehrer/-innen. Sie haben mir so häufig gute (Literatur-)tipps gegeben und mir sehr viel an Stoff zum Denken mitgegeben. Ich hätte sie gern noch viel länger gehabt.
  • Musikerin bin ich nicht geworden, dafür Lehrerin für Kinder mit sozial erhöhtem Förderbedarf. Ich unterrichte freiwillig Mathematik und finde es plötzlich nicht mehr so schlimm. Manchmal träume ich immer noch davon, irgendwas anderes zu machen. Ich hadere immer noch damit, ob ich nicht doch besser als Architektin, Kunsthistorikerin oder Musikerin besser aufgehoben gewesen wäre.
  • Ich hab in 10 Jahren an vier verschiedenen Orten gewohnt und einmal davon im Ausland. Diese Entscheidungen bereue ich nicht. Ich wohn gern wo anders. Schade, dass das mit Wien und mir nie was Längerfristiges wurde.
  • Meine Haare habe ich in den zehn Jahren in jeder erdenklicher Farbe gehabt. Ich lasse sie jetzt 10 Jahre später auswachsen – irgendwie sind sie trotzdem verdammt rot.
  • Mein Pflichtgefühl hat nachgelassen, ich wohne viel mehr im Moment. Ich genieße es, manche Menschen nur für den Moment zu haben und davon monate- und jahrelang zu zehren. Ich halte auch aus, Dinge nicht abgeschlossen zu haben, in der Vorsorge, nicht komplett auszubrennen.
  • Ich hab an vier Unis studiert und bedaure, dass ich den Bildungsbetrieb nicht mehr so mag wie früher.
  • Die letzten zehn Jahre entwickelte es sich definitiv von Butterkeks und Sanostol zu Sex, Drugs & Rock ´n´roll. Es ist in den letzten drei Jahren doch etwas eskaliert.
  • Ich kann mittlerweile Pflanzen am Leben halten und etwas gärtnern.
  • Ich sehe Kinder- und Heiratswünsche sehr skeptisch.
  • Suppen und Kartoffelpüree hab ich immer noch am liebsten.
  • Elefanten und Katzen habe ich zu meinen Lieblingstieren auserkoren.
  • Ich habe in den 10 Jahren 4 Autos besessen, 2 Unfälle gehabt, einer davon wird mein ganzes Leben beeinträchtigen.
  • Laufen kann ich immer noch nicht, dafür mag ich Wandern und Schwimmen ganz gerne.
  • Ich mag Regen und Schnee immer noch sehr.
  • Herbst und Winter sind seit 10 Jahren meine Lieblingsjahreszeiten.
  • Meine Dioptrin haben sich in diesem Zeitpunkt von -6,25 zu – 10,00 verschlechtert.
  • Von meiner Mathematik – Matura (Abitur) träume ich noch immer regelmäßig.
  • Ich habe innerhalb der letzten zehn Jahre verdammt gut kochen gelernt, ich beweise es dir gerne!

 

Zehn Jahre im direkten Bildervergleich:

17

27

 

 

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[review] Meine Zeit mit Cèzanne

Meine Zeit mit Cézanne ist ein Historienfilm, der die Geschichte rund um den berühmten Maler Paul Cézanne und dessen lebenslange Freundschaft mit Emile Zola nachzeichnet. Beide bereits in den Jugendjahren von Kunst, Liebe und Kultur beseelt, ziehen beide nach Paris, um ihre künstlerische Freiheit zu entfalten. Zola hat bald Erfolg und wird in vielen Kreisen sehr bekannt, Cézanne, egozentrisch und cholerisch, vergönnt ihm diesen Ruhm nicht. Gabriéle, eigentlich Alexandrine, steht zwischen Cézanne und Zola, heiratet dann aber den Schriftsteller und nicht den Maler. Dies lässt die Männerfreundschaft beben. Cézanne zieht sich immer weiter von Menschen zurück, bleibt in Aix-en-Provence. Die Zeit vergeht, geliebte Personen sterben und die Freundschaft verläuft in Sand. Cézanne wird erst viel später als Maler berühmt, zu spät, um die Freundschaft mit Zola zu retten…

Ist dieser Film Kunst oder Geschichte? Geschichte oder Kunst? Eindeutig geht dies aus dem Film nicht hervor. Der Film wirkt zu kunstvoll, die Figur von Cézanne viel zu hoch sterilisiert, als dass er als eindeutiger Historienfilm hervorgehen kann, enthält aber zu viele realgeschichtliche Details, die den Film unmöglich als Kunstfilm gelten lassen können.  113 Minuten Freundschaft auf Leinwand – Emile Zola (in der Rolle: Guillaume Canet) eindeutig zu milde und blass dargestellt, Paul Cézanne (gemimt von Guillaume Gallienne) als dauerwütender Künstler mit regelmäßigen Wutausbrüchen. Die feinen Nuancen fehlen besonders den Protagonisten. Auch Alexandrine (Alice Pol) wird sehr ausdruckslos dargestellt.

Pittoresk hingegen machen den Film die Bilder in der Provence: warme Töne, passende Musik, klischeehafte Szenen wie Picknicke am See und Boot fahren. Paris bildet den Kontrast dazu und doch wird es wunderschön dargestellt.

Regisseurin Daniele Thomson hat versucht Paul Cézanne in einen Historienfilm zu stecken und dies mit Landschaft zu manifestieren. Die Zeitsprünge sind hilflose Versuche, die angespannte Freundschaft zwischen Cézanne und Zola zu deeskalieren, was sich nicht positiv auf den Spannungsbogen des Filmes ausgewirkt: Der Film dauert an, wirkt trotz landschaftlicher Bilder verloren, und es wird unmöglich Cézanne auch nur auf irgendeine Art und Weise sympatisch zu finden. Die Regisseurin schlägt sich damit voll und ganz auf die Seite von Emile Zola, was dem Film leider nicht zu Gute kam.

Trailer zu Film: Meine Zeit mit Cézanne

Webseite des Filmes: Meine Zeit mit Cézanne

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[txt] Hoffnungschimmer.

Hej baby, du wirst mein Spätherbst sein
und mir deine Farbkleckse
zwischen die Beine schmieren
mach den Reißverschluss auf
ich hab da etwas Lyrik auf den Lippen
womöglich werd ich
meinen Verstand verlieren
und mein Hemd sowieso
leg dich auf mich
und walz mir eine Story auf
mach einen Roman aus uns
oder drei oder vier
du hast schöne Augen, baby
und deine Zunge
fühlt sich nach Gin Tonic an
wenn du willst
kannst du damit
meine Metaphern lecken
oder halt meine Handgelenke
bis aus mir Hoffnungsschimmer
wie Bier und Honig fließen
bleib oder geh
haste oder zögere
in auf hinter mir
sehe ich dein
unterüberseitliches Beben
deine Fingern sind Stifte
so wie ich dein Papier
zerknüll und entfalte mich
will Spannung erzeugen
und mich komplett entladen
ich habe soviel Laub
für dich
eine Farbexplosion
auf deinem Zögern.

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Projekt [Sterbenswörtchen]: Matthias G. Kreitner

Wer sind die großartigen Autoren und Autorinnen, die die Welt Blick um Blick bereichern? Einer davon ist Matthias G. Kreitner und wohnt derzeit abwechselnd in Bremen und Wien. Matthias beschäftigt sich mit Theatertheorie und widmet sich viel seinen Inszenierungen. Daneben schreibt er auf seinem Blog erstgewesen theoretische Samplings, als auch Icareae, also Arbeitsthesen. Mehrfach wurde Matthias bereits veröffentlicht in Anthologien, als auch in Literaturzeitschriften. Mehr dazu kann man auf seinem Blog lesen. Matthias war so herzallerliebst und hat sich Gedanken über den Tod gemacht:

 

Was bedeutet Tod für dein Schreiben?
Erstmal ist der Tod im Text Perspektive. Ich kann ihn ja mit meinem Schreiben nie erreichen und/oder adäquat beschreiben. Aber gleichzeitig muss mein Text immer auf ihn zusteuern, wenn ich irgendetwas Real-Fassbares rüberbringen will. Er ist im Geschriebenen wie wohl auch im Leben jener Punkt, in dem alle Linien zusammenlaufen und als solcher ist er mir fast schon zwangsweise immer – manchmal an der Oberfläche, öfters unterschwellig – Thema in meinen Texten.
Das Ganze jetzt aber auf ein memento mori festzumachen, wäre aber ein wenig banal und billig. Der Tod taucht nicht in meinen Texten auf, um meine Figuren das Leben beizubringen und die verbliebene Zeit schätzen zu lernen, das müssen sie schon selber hinkriegen. Der Tod ist nur ein Zustand. Ich suche in meinem Schreiben weitestgehend danach, wie Menschen mit Situationen umgehen. Tod ist auch eine Situation, mit der wir Menschen wohl oder übel umgehen müssen.
Abgesehen davon kann ich mich extradiegetisch ehrlich gesagt noch nicht ganz von dem Wunschtraum, was zu schreiben, was mich in irgendeiner Form überdauert, trennen, auch wenn das wohl ein Fragment meiner bürgerlichen Existenz mitten im Markt ist. Aber neben der eigenen Wertfixierung über den Tod hinaus liegt trotzdem noch ein kleines Moment an Subversion drinnen, irgendwo, denke ich. Irgendwer wird dabei ausgetrickst. Ob das der Tod ist oder ich, weiß ich nicht.

 

Wie politisch ist der Tod?
Per se ist der Tod ja gar nichts, erstmal. Aber wir oder unser soziales Gefüge haben den Tod wohl zu einem Politikum gemacht, insofern, als dass das Hauptziel der Politik ein möglichst weitgehendes zeitliches Zurückdrängen des Todes im Sinne des Ermöglichen und Forcieren eines möglichst würdevollen Lebens sein soll. Also ist der Tod eigentlich das große Anti-Politikum. Wenn man Politik als gesellschaftliches Handeln annimmt, dann lässt sich ja auch sagen, dass der Tod das Ende jeder Politik ist. So kommt es auch, dass es eine der großen Herausforderungen und Aufgaben, mit denen sich die institutionelle Politik am schwersten tut, neben einem würdevollen Leben auch ein würdevolles Sterben in den Parametern der sterbenden Person zu ermöglichen. Das führt dann zu untragbaren Zuständen für Sterbende, die Wolfgang Herrndorf in seinem Arbeit und Struktur mit folgendem Satz beschrieb: „[…], und wenn man wochen- und monatelang durch das Labyrinth geirrt ist auf der Suche nach dem sicheren Ausgang, versteht man irgendwann, wie vollkommen vernünftige und zurechnungsfähige Menschen auf die Idee kommen können, sich auf eine ICE-Trasse zu stellen im vollen Bewusstsein, einen Lokführer für den Rest seines Lebens zu traumatisierten.“ (19.11.2012, S. 371)
Die Politik klammert sich ans Leben, solange sie Einfluss auf die Lebenden hat. Das Problem, welches die institutionelle Politik mit dem Tod hat, liegt, denke ich, in der Natur des Todes, der etwas zutiefst Einzelnes ist. Politik kann die Person nicht fassen, sie denkt und handelt immer mit lebenden (oder sterbenden) Massen.

 

Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?
Kurz: Schlecht.
Wir haben ja gerade das inoffizielle Jahr der öffentlichen Trauer in den sozialen Netzwerken hinter uns. Darüber, ob ein Tweet zum Tod einer Person öffentlichen Interesses sinnvoll ist oder nicht, will ich mir kein Urteil anmaßen, ebenso mit den Witzen über eben jene öffentliche Trauer. Jeder und jede trauert auf eine eigene Art und Weise.
Der Tod hat ja immer schon nach Ritualen geschrien, förmlich. Dass soziale Medien unser Trauern beeinflussen und nachhaltig verändern, ist klar- Das hat jede Veränderung des sozialen Raumes zuvor auch getan, sei es die zunehmende Urbanisierung oder die Gemeinschaftsbildung im Neolithikum. Das ist weder die Frage, noch das Problem. Mir scheint aber, dass wir der Veränderung im neuen Trauerraum hin ins Internet in Sachen Ritualbildung noch hinterherhinken. Diese Rituale beschränken sich nämlich scheinbar bisher auf genau solche Trauerbekundungen und die darauf folgenden Witze. Da muss doch noch mehr und auch Differenzierteres drin sein. Aber dieser Entwicklungsstand korreliert ja ganz gut mit dem status quo der allgemeinen Gesprächskultur in diesem Räumen.
Mehr beschäftigt mich jedoch der Umstand, dass es mit der Zeit notwendig geworden ist, seinen Tod online zu managen. Ich zumindest habe mittlerweile zuhause einen Brief deponiert, in dem recht minutiös festgeschrieben steht, welche Accounts im Falle des Falles geschlossen und welche offen bleiben sollen und außerdem mit welcher Ausführlichkeit diese verbleibenden Online-Existenzen von meinem Ableben informiert werden sollen. Da liegt ein struktureller Hund begraben, denn es liegt mir eigentlich nicht besonders nahe, jenen, die mich Überleben, auch noch dieses Management aufzuhalsen. Doch mein Leben online macht diesen posthumen Apparatschik unabkömmlich, so wie die Dinge momentan stehen.

Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?
Erst einmal eine Menge Bürokratie , dann Erinnerungen. Die sind keine absoluten, sie sind Veränderung unterworfen, auch wenn die aktive Produktion dieser Erinnerungen abgeschlossen wird. Nun lässt sich die Bewegung von Erinnerungen nicht allgemein festmachen, ich denke jedoch, dass es eine Tendenz zu einer Entwicklung von zunächst sehr konkreten Erinnerungen auf gedanklicher Ebene hin zu einer mit der zeitlichen Entfernung erstarkenden körperlichen Erinnerung gibt.

Irgendwann wenn die physischen Andenken quasi aufgebraucht sind, bleibt wohl von einem Menschen nur die Lücke, die er lässt. Es bleibt nur das soziale Netz, dessen Teil jemand war und in dem jetzt ein Mensch fehlt. Wenn Menschen gehen, bleiben Menschen, von denen sie gegangen sind.

 

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?
Anschließend an das oben Geschriebene will ich sagen, eine Lücke. Wie groß diese Lücke ist und welche Form und Bedeutung sie für jemanden hat, ist nicht für mich zu entscheiden. Ich als Einzelner kann nur versuchen, mich klar zu machen und Material, sei es Text oder anderes, zu produzieren und irgendwann zurückzulassen. das mögliche Fragen, die jemand an meine Lücke haben könnte, zu beantworten versucht. Darüber hinaus ist alles Spekulation.
Ich hoffe ja, dass sich jemand über meine doch recht gewissenhaft kuratierten Sachen freuen wird, ganz nach John Keats: „My chest of books divide among my friends- -„
Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild, Musik) drückt den Tod am besten aus?

Für die zwei Seiten des Todes habe ich für mich auch zwei herausstechende Werke.
Das Sterben als Prozess habe ich bisher nirgends besser gelesen als im schon vorhin zitierten Blog Wolfgang Herrendorfs, das nach seinem Tod in Druck erschien.
Die andere Seite der Münze, die Trauer, findet sich in Joan Didions The Year of Magical Thinking wie sonst in keinem Text, den ich kenne, verortet. Sie beschreibt darin ihr Jahr, nachdem ihr Mann John Dunne an einem Herzinfarkt starb, während ihre Tochter im Koma lag. Gerade aus dem Wissen, dass Quintana Roo Dunne wenige Tage vor dem Erscheinen ebenfalls von ihr ging, gibt den Reflexionen, die auch oft von fachkräftigen Zitaten unterbrochen sind, etwas schwer Fassbares. Ansonsten findet meine Auseinandersetzung mit dem Thema oft sehr vage statt, oftmals aber auch in wichtigen Zeilen zu dem Thema eher in journalistischer Arbeit wieder. Ein paar Beispiele, die lesens-, hörens- oder sehenswert sind:

„How Social Isolation Is Killing Us“, von Dhruv Khullar, NYT
„Elephant“, Jason Isbell
Nobody’s Son“, Mark Slouka,

Und ganz besonders wichtig: „Body in a Box“, City and Colour, Dallas Green mit der unglaublichen Zeile „It’s like a man’s best party only happens when he dies.“

 

Wie viele Tode kann man sterben?
Physisch einen. Einen einzigen. Zumindest, solange uns noch kein albtraumartiges Hochladen in die Cloud wie in miesen Filmen mit Johnny Depp glückt. Der Tod als Metapher ist aber ständig und er ist überall. Man kann den sozialen Tod sterben, die allermeisten Jugendlieben sterben irgendwann den Beziehungstod und ganze gesellschaftliche Überzeugungen verschwinden periodisch im Systemtod. Der Tod als Begriff für ein unwiderrufliches Ende, ein von der Bildfläche Verschwinden ist unserer Sprache so inhärent wie das Und und das Naja. Manches Mal mag er wohl überstrapaziert sein, aber aus kommen wir ihm nicht.

 

Welchen Zustand hat der Tod?

Nun, den Tod ist ja selbst Zustand, insofern finde ich es schwierig, ihm einen Zustand beizumessen.

Gesellschaftlich, im Sinne eines „State of the Nation“-Zustandes, ist er zwar in Bewegung, aber wohl immer noch eines der großen Tabus. Allerdings nicht eines über das man gar nicht reden darf, man darf nur die Konditionen des Darübersprechens nicht anzweifeln oder gar ändern, sonst schreit irgendwer. Glücklicherweise nehmen in dieser Materie immer wieder Personen, die wissen, wovon sie reden, sei es aus Erfahrung oder aus theoretischen Zugängen, Schreie in Kauf.

Ich würde sagen, den Zustand könnte man als „in flux“ beschreiben.

 

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Ich denke, (stark ausgeprägter) Glaube kann erheblichen Einfluss auf sehr viele Bereiche und Entscheidungen im Leben von gläubigen Menschen haben, so auch auf ihre Wahrnehmung von Tod. Das Pendel kann natürlich in beide Richtungen ausschlagen: Glaube kann einem Hoffnung auf ein Danach geben und so das Loslassen einfacher gestalten, er kann einem aber auch Angst vor göttlicher Vergeltung machen und so problematisieren. Ähnliches lässt sich vermutlich in den meisten religiösen Traditionen beobachten.

Ob mein Nichtgläubigsein meine Idee vom Sterben als solche maßgeblich beeinflusst, weiß ich nicht und kann es von innen nicht sicher sagen, aber Abwesenheit von Religiosität heißt nicht Abwesenheit von Reflektiertheit. Nichtglauben heißt traditionell nicht Nihilismus jeglicher Überzeugungen, sondern schlichtweg die Abwesenheit einer speziellen Überzeugung, namentlich des Glaubens an die Anwesenheit eines göttlichen Prinzips irgendeiner Form. Lange Rede, kurzer Sinn: Mein Nichtgläubigsein hindert mich nicht, mir ab und zu Gedanken über diverse Szenarien nach dem Ableben zu machen, sie sehen nur vielleicht anders aus, als bei religionsgeleiteten Menschen.

 

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Ich.

Dankeschön für das Interview.

 

Matthias im Internet:  twitter / facebook / instagram / blog

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[review] Die Blumen von gestern.

Totila Blumen ist Holocaust-Forscher. Und Nachfahre bekannter NS-Täter. Mit seiner Vergangenheit nie wirklich abgeschlossen, erforscht Totila die Vergangenheit seiner Vorfahren. Gebrochen mit seiner Familie, die gegenwärtig immer noch als nationalsozialistisch eingestuft werden kann, ist der berühmte Holocaust-Forscher überfordert mit seinem Leben. Wütend und inmitten seiner tiefsten Lebenskrise bekommt Totila die Forschungsassistentin Zazie zur Seite gestellt, welche ihre Großmutter in Auschwitz verloren hat. Dies nicht genug, versucht Totila einen Auschwitz-Kongress im Sinne seines verstorbenen Freundes Orkus nicht zu einem Medienevent verfallen zu lassen. Besonders brisant wird der Film erst, als sich Totila und Zazie näher kommen und durch ihre Forschung feststellen, dass Totilas Nazi-Großvater nicht nur mit Zazies Großmutter  gemeinsam das deutsche Gymnasium in Riga besucht hat, sondern auch für deren Tod in Auschwitz verantwortlich ist…

Der Film zeichnet sich durch vorrangig durch seine wunderbare Färbung ab und den verschiedenen Städten, in denen man gedreht hat. Neben den Einblicken, die man in Riga und dessen alten jüdischen Friedhof, als auch in das alte staatliche deutsche Gymnasium Riga gewinnen konnten, war Wien ein zentraler Knotenpunkt für die Geschichte. In Wien bediente man sich des Flakturms im Augarten, als auch dem Albertinaplatz, der das Mahnmal gegen Krieg und Faschismus beherbergt. Ganz zentral im Film war auch das Cafe Tirolerhof in der Fürichgasse. Weiters sind Berlin, Stuttgart und New York zu sehen. Schade allerdings ist, dass man keine Genehmigung von Ludwigsburg erhalten hat, wo sie sich die zentrale Aufklärungsstelle nationalsozialistischer Verbrechen befindet. Diese Stelle musste in einem Studio in Berlin nachgebaut werden.

Besonders lobenswert ist die schauspielerische Leistung von Lars Eidinger, der Totila Blumen mimt. Besonders liebenswert wird der Film durch Jan Josef Liefers, der Totilas Konkurrenten Balthasar Thomas mimt, als auch Bibiana Zeller, die die Rolle der demenzkranken Großmutter von Totila spielt.

Der Film entstammt der Feder von Chris Kraus. Dieser wurde für das Drehbuch mit dem Thomas Strittmatter Drehbuchpreis ausgezeichnet. Kein Wunder, die Dialoge sind in den richtigen Momenten bissig und streitbar, in den besonderen Momenten leise und verletzlich. Ein frischer, oft kalter Wind, der in die Vergangenheit der NS-Zeit bläst und Lachmuskeln genauso bedient, wie die Tränendrüsen.

Der Film erscheint am 12. 01.2017 in den deutschen und am 13.01.2017 in den österreichischen Kinos.

Link zum Film: Die Blumen von gestern

Link zum Trailer: Die Blumen von gestern

 

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Out with the old, in with the new. Ein ganz und gar leiser Jahresrückblick.

Wie jedes Jahr schreibe ich einen Jahresrückblick bzw. einen Beitrag über die Bestrebunngen für das neue Jahr. Dieses Jahr kombiniere ich das und halte Abrechnung mit den Dingen, die ich mir am Jahresanfang vorgenommen habe, außerdem werde ich mir neue Vorsätze fassen, aber dazu später.

// get my things done

habe ich tatsächlich fast. Meine Masterarbeit ist fertig, gerade wird sie durchkorrigiert und abgeben werde ich sie sobald als möglich. Ich freue ich, dass ich es trotz Umzug und neuen beruflichen Herausforderungen trotzdem irgendwie geschafft hab, das Ding fertigzustellen.

//reductionism

Das mit dem Reduktionismus ist eine schwere Tugend und es sei sogleich gesagt, dass ich diesen Vorsatz absolut nicht geschafft habe. Mein Ziel war es, ein Jahr nur Dinge zu kaufen, die ich tatsächlich brauche. Das ist in der ersten Jahreshälfte ganz gut gelungen, ab Sommer weniger. Es ist ganz schön schwierig, zu entscheiden, was man braucht und was man kauft, weil man meint es zu brauchen. Dazu kommt die Schwierigkeit, dass man Dinge kauft, damit man sich etwas Gutes tut und sich belohnt, diese aber nicht nötig wären. Ich habe jedoch Sachen erneut weggegeben, auch Bücher, die ich nicht mehr brauche. Diese standen gut an einem Ort, an welchem man Bücher hinbringen kann und sich wieder andere Bücher nehmen kann.

//wanderlust

Anfang des Jahres habe ich davon geträumt ans Meer zu fahren, weil ich mehrere Jahre ohne ihm auskommen musste. Ich war am Meer. Ich habe tief eingeatmet, vor Glück zerplatzend das Meer stundenlang angesehen, ich hab viele Fotos vom Meer gemacht. Es war schön die wiederzusehen, Meer.

//new people, new friends

Meine Bestrebungen dieses Jahr war unter anderem neue Leute kennenzulernen. Da das mit fast abgeschlossenen Studium und außer dem Berufsfeld kaum Möglichkeiten gibt, neue Leute kennenzulernen, war dieser Vorsatz am schwersten. Aber ich habe neue Leute kennengelernt! Großartige! Danke an Markus für die vielen cattalks und schlagfertigen Gespräche, ein großes Dankeschön an Martin, fürs DaSein und sprachliche Spielchen treiben. Ich muss außerdem noch Danke sagen an Sarah, die mich dieses Jahr sehr häufig inspiriert hat und ein Danke geht auch an Christiane, ohne die mein Projekt Sterbenswörtchen nie zustande gekommen wäre. Ich freue mich auch, mit Marlies immer wieder quatschen zu können und bewundere sie sehr. Danke auch an Philipp fürs immer wieder nett sein und Smalltalk halten. Und sonst: Ich freue mich sehr, dass ich mit Menschen, die ich schön länger kenne, nun neue Projekte angehe und daher viel mit ihnen zu tun habe. Danke an Dominik, mein ewig grandioser Optimist <3 und danke an Matthias fürs Theoretisieren. Ansonsten danke, dass ich euch kennenlernen durfte, ihr wunderbaren Menschen ohne Blogs: Christina, Lisa, Bernadette, Elli, Soren, Lukas, Meli, Steffi und Susanne.

//newoecological paths

Eine meiner Bestrebungen war, weniger Plastik zu verwenden und auch keine Plastiksackerl mehr zu kaufen, wenn ich einkaufen gehe. Das ist mir soweit ganz gut gelungen. Lediglich zweimal das ganze Jahr, musste ich dann doch auf Plastiksackerl zurückgreifen, weil a) H&M leider keine anderen Tüten vertreibt und ich eine Möglichkeit zum Einpacken nicht mithatte und b) weil eine Tasche meinerseits riss und nur mehr Plastiksackerl verfügbar waren. Ich möchte dies jedoch weiterhin beibehalten auch 2017.

 

// verbatim

Ich habe dieses Jahr sehr viel veröffentlicht und habe auch sehr viele Blogs im Internet  gelesen. Diese Bestrebung habe ich meines Erachtens gut erfüllt – mein bester Monat war der April  – bei welchem ich anlässlich des Napowrimo jeden Tag etwas Lyrik verfasst habe. Ebenso habe ich für jedes Wort des Projekt*.txts etwas geschrieben und neu Reviews in meine Blogging-Liste aufgenommen.  Im Oktober startete ich das Projekt [Sterbenswörtchen] und bin auch hier ganz gut dabei. Leider kam ich dieses Jahr nicht ganz soviel zum Lesen,wie das Jahr zuvor. Ich habe jedoch mehr gelesen, als dies 2013 der Fall war. Mein Plan diesbezüglich ist für nächstes Jahr jeden Tag ein paar Seiten wenigstens zu lesen, wenn schon kein Buch pro Woche.

 

Meine Ziele für 2017 sind deswegen

Roman starten
neue Projekte mit coolen Autoren bereichern
jeden Tag ein paar Seiten lesen
keine Plastiktüten das ganze Jahr
in den Norden, dort ans Meer
neue Leute, gute Freundschaften
die Sache mit onleihe mal probieren
mehr Lesungen besuchen

 

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