Projekt [Sterbenswörtchen]: Marlies Hübner

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Wo sind die großartigen Autoren und Autorinnen, die die Welt Blick um Blick bereichern? Eine davon ist mittlerweile in Wien wohnhaft und hat ein wunderbares Buch geschrieben: „Verstörungstheorien – Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne“. Darin beschreibt sie das komplizierte Da-Sein für Autisten und über all die Kämpfe und Sinnwidrigkeiten, die das Leben für jene Menschen bietet. Über den Tod hat sich Marlies auch Gedanken gemacht:

Was bedeutet Tod für dein Schreiben?

Er ist immer gegenwärtig, aber nie im Vordergrund. Meine Figuren haben in der Regel ein schweres Leben, ich schaffe es nicht, ihnen Unbeschwertheit zu schenken, ihnen gerade, helle Lebenswege zu schaffen. Der Gedanke, sie durch das Sterben zu erlösen, ist oft präsent, ich habe ihn aber noch nie umgesetzt.

Wie politisch ist der Tod?

Der Tod ist ein politisches Instrument. Auf der einen Seite ist er nicht politisch genug, denn nichts wird so einseitig diskutiert wie der selbstbestimmte Tod. Gerade das Thema Sterbehilfe wird meiner Meinung nach noch zu traditionell und christlich betrachtet und vor allem von denen geführt, die es nicht betrifft.
Zeitgleich sehen wir zu, wie Menschen zu hunderten und tausenden umkommen in Kriegen und auf der Flucht vor diesen, und statt uns für sichere Fluchtwege und das Ende der Kriege einzusetzen, denken Menschen hier nur daran, wie man den ohnehin schon hilflosen Menschen noch mehr existenziell wichtige Hilfen verwehrt, indem man Obergrenzen festlegen will und am besten gar keine Asylwerber mehr zulassen möchte. Die einen dürfen nicht sterben, die anderen überlässt man dem sicheren Tod.

Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?

Verändert. Man begegnet ihm in den sozialen Medien meist in Form des öffentlichen Trauerns. Da sind die, die den Tod eines geliebten, fremden, berühmten Menschen betrauern und die, die sich darüber lustig machen. Dazwischen: Schweigen. Vielleicht helfen soziale Medien, mit der den meisten Menschen innenwohnende Angst vor dem Tod umzugehen, indem man sich öffentlich und kollektiv damit beschäftigt. Vielleicht ist diese Art der Trauer aber auch nur ein Mittel, um sich selbst zu inszenieren. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?

Viele Kilogramm organischer Abfall und Erinnerungen.
Ich sollte sagen, dass nach meinem Ableben meine Texte bleiben, doch tatsächlich kann ich das kaum beeinflussen. Ich möchte nicht darüber nachdenken, ob das, was ich schreibe, jemals Bedeutung erlangen wird, denn das würde einen Druck erzeugen, in dessen Folge ich nicht mehr schreiben würde, weil ich jedes meiner Worte schon vorab für unbedeutend erachte.

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?

Bleibe ich, geht die Zeit.
Gehe ich, bleibt die Veränderung, die mein Sein verursacht hat und die für manche bedeutungslos, für andere lebensverändernd sein kann. Ich maße mir nicht an, den Umfang einschätzen zu können, auch, wenn ich nicht anders kann, als mir zu wünschen, dass die Veränderung groß ist.

Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild, Musik) drückt den Tod am besten aus?

Das hängt sehr stark vom Urheber des Kunstwerkes ab, und wie gut er den Tod in seinem Medium vermitteln kann. Sicherlich kann ein Film den Tod am Plastischsten darstellen, gleichzeitig ist die Grenze zur Farce, zur Karikatur schnell überschritten. Aber auch ein Roman über den Tod kann unfreiwillig komisch sein. Deshalb hängt es immer davon ab, wer das Kunstwerk schafft.

Wie viele Tode kann man sterben?

Wir sterben jeden Tag ein bisschen und am Ende doch nur einen Tod.

Welchen Zustand hat der Tod?

Ich verstehe die Frage nicht ganz, aber ich denke, er ist noch immer im Zustand des Wandels. Vor Jahrhunderten war der Tod etwas, das ganz selbstverständlich seinen Teil im Leben hatte. Man gebar, lebte und starb im Kreis der Familie. Heute ist er fremd und beängstigend. Er riecht nach Desinfektionsmittel und Formaldehyd und geschieht irgendwo da draussen, weit weg von uns. Er berührt uns nicht. Nur die Veränderungen, die er in unsere Leben bringt, sind für uns spür- und greifbar.

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Der Glaube ist ein akzeptables Mittel, um die Sterblichkeit zu akzeptieren. Es macht Menschen scheinbar weniger Angst, vor einem grausamen, richtenden Gott zu stehen, der jeden Moment des gelebten Lebens nach seinen Regeln bewertet und als Maßstab für seinen Richtspruch heranzieht, als in die bloße Nichtmehrexistenz überzugehen.

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Dafür reicht ein Leben nicht.

 

 

Dankeschön für das Interview.

 

Marlies im Internet:  Verlag // twitter // instagram

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[txt] Fingerspitzengefühle.

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Soviel Achtung
von dir haben
gerade so viel noch
wie man tragen kann
in diesen Taschen aus Jute
in die du hin und wieder
deine Angst in der Welt
und dein Scheitern packst
und damit spazieren gehst
bist das Loch im Herz
auch eins in die Tasche reißt
und all die Halbwahrheiten
herauspurzeln
die wir uns erzählt haben
zwischen als den Lügen
den Sabotagen und
dem Meer an Befindlichkeiten
Es an die Spitze treiben
für ein bisschen Gefühl
in den Händen und Füßen
und Fingerspitzengefühle
für den jeweils anderen
aufbringen und sich daran
wärmen wie an Maronen
und sich mit Knopfaugen
nicht eingestehen
dass wir zwei Handschuhe sind
du der rechte und ich der linke
in denselben Farben
aus dem selben Material
gestrickt

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Weg.

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Seit dem 15. bist du weg. Du bist einfach gegangen, hast nicht gefragt, ob ich das will. Du bist weg. Da liegt noch deine Zahnbürste, diese Eventualitäten-Zahnbürste, die du nie mehr wieder anrühren wirst. Die liegt da im Bad, neben dem Staub, der mehr wird, aber vielleicht bist du das, das neben dem Staub. Oder wie der Staub am Bahnhof, den man nicht sieht, weil Bahnhöfe nie mit Staub verbunden werden. Bahnhöfe verbindet man mit Abschied und Ankommen, mit Gehen und Wiederkommen, mit Kälte und Wind und Laufen und Koffer in die Hacken bekommen. Ich verbinde Bahnhofe mit Nie-mehr-Wiedersehen, mit der Endgültigkeit, mit dem Weggehen, mit dem Nicht-mehr-Ankommen-Können, mit dem Suchen nach jemanden, der nie wieder kommt. Ich mag Bahnhöfe nicht mehr. Bahnhöfe sagen mir, dass manche Züge abgefahren sind. Manche Abteile werden auf immer abgesperrt sein. Manche Bahnsteige sind einfach abgerissen, nicht mehr vorhanden, so wie du. Du bist auch nicht mehr da. Ich habe dich nie besucht. Das wollte ich nicht. Dann wärst du für totgesagt. Ich wollte nicht diesen grauen Stein sehen, nicht die Blumen, die verdürren, diese seltsamen Engeln, vor denen ich mich fürchte, und nicht deinen Namen eingraviert in Gold, in einer Schriftart, die nicht mag, du bist kein Mensch, der Serifen mochte.  Ich hab noch eines deiner Bücher im Regal. Da steht es, das Mahnmal für den Tod, mein Bücherregal stirbt, da sind Bücher von Menschen, die genauso nicht mehr leben und du bist dazwischen. Dein Grabstein ist in meinem Bücherregal. Da steht dein Buch, ohne Serifen, dein Lieblingsroman, ich sollte den noch lesen, bevor du weg gehst, hast du damals gesagt. Ich hab dein Buch gelesen, immer und immer wieder oder einmal, ich weiß es nicht mehr. Seit 10 Jahren schaue ich auf dein Buch. Manchmal verstohlen, manchmal bewusst. Ich mag es nicht mehr anfassen. Das tut noch immer weh. Grabsteine fasst man auch nicht an. Das wird dir doch einleuchten. Spätestens jetzt, am 15. nach 10 Jahren. 

 

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Review // Bauer unser

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Ein kritischer Blick wirft der Regisseur Robert Schabus auf die heimische Landwirtschaft. Bauern sollen schneller, ökonomischer und billiger produzieren. Der Film wirft die Frage nach dem Wert von Lebensmittel auf, die Patt-Situation zwischen dem Milchpreis und Mineralwasser, das teurer ist. Die Botschaft: So kann es nicht weitergehen.

Heimische Bauern suchen ihr Heil in der Expansion ihrer Betriebe, ein Wettkampf um mehr Pachtgründe, mehr Technologie, mehr Gewinn. Aufhorchen lässt ein Bauer, der erzählt, dass er sogar etwas bezahlen muss, um seine Schweine liefern zu dürfen. Ein anderer wiederum spricht von einem glücklichen Leben der Hühner, wenn sie per 18 Stück auf einem Quadratmeter zusammen leben „dürfen“.

Ein Interview mit Landwirtschaftsminister Andrä Rupprechter gibt Aufschluss darüber, dass die Intention dahingehend verläuft, Österreichs Lebensmittel für den Weltmarkt wettbewerbsfähig zu machen. Auch die Ausbildung der jungen Menschen wird kritisch beleuchtet – längst haben Interessensvertreter Einfluss auf die Bildung im Land  und wollen ihren Einfluss geltend machen.

Gegenentwürfe werden in Form von Direktvermarktung und Kleinbetrieb gezeigt, diese machen in Österreich nur mehr 2% der heimischen Landwirtschaft aus. Die Conclusio daraus ist vor allem eine neue Achtung für das Essen und Trinken zu haben. Dieser Trend gehe so laut dem Film vor allem von städtischen Menschen aus.

Ing. Josef Braunshofer, Geschäftführer der Berglandmilch GmbH, weist darauf hin, dass der Neoliberalismus das geringere Übel im Vergleich zu geordneten Märkten ist. Das sei vor allem aus an den ehemaligen Oststaaten zu beobachten.  Dass viele Bauern dem Neoliberalismus unkritisch gegenüber stehen und daher in Nöten kommen, weil das Gebot von Angebot und Nachfrage wenig verstanden wurde, ist eine weitere Erkenntnis, die die Dokumentation zulässt.

Ein Aufruf zum nachhaltigerem Wirtschaften mit dem System möchte die Dokumentation sein. 40% der weltweit produzierten Kalorien gehen auf dem Weg zwischen Produktion und Handel verloren. Ohne radikale Umstellungen würden sich 12 Milliarden Menschen ernähren lassen laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), wenn nur der Wille für eine gerechtere Aufteilung und kleinflächiger Landwirtschaft möglich wäre.

Interessant zu sehen, wie beschämt die heimischen Bauern nach der Dokumentation aus dem Kino kamen. Voller Schmach, dem Neoliberalismus so derart auf dem Leim gegangen zu sein, Weltzerstörer zu sein, in dem man den Regenwald abholzt, damit man Futter für die heimische Fleischproduktion hat. Ein Hinweis zu billig zu produzieren, zu viel qualitätsloses Fleisch zu konsumieren. Ein Weckruf, in einem ganz unaufgeregtem Ton, gegen das System aus Zwängen und Abhängigkeiten, auf den die offizielle EU-Propaganda hinarbeitet.

 

Hier gehts zum Trailer: Bauer unser

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Review // Ungeheuer

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Einen Krimi in das Mittelalter verlegen? Geht! Martin, Ritter kommt zurück ins Mühlviertel zu seiner Familie. Der Herzog befiehlt Martin zwei Tagesritte entfernt ein Lehnswesen zu überwachen,  dessen Lehnsherr auf mysteriöse Art und Weise. Marx, der Dorfsprecher bringt Unruhe in das Dorf, Siegfried, selbsternannter Drachentöter, als auch der Pfarrer mischen ordentlich mit. Martin versucht aufzuklären, wer den grausamen und ungerechten Lehnsherren umgebracht hat, doch jeder Dorfbewohner hat ein Motiv.  Je mehr sich der Ritter einmischt, desto mehr droht ihm Gefahr, schließlich gibt es Ungeheuer….

Josef Lichtenberger, oberösterreichischer Regisseur, schuf den Film als Abschlussarbeit für seinen Bachelorstudium zum Thema Zeitbasierte und interaktive Medien an der Kunstuniversität Wien. 2014 startete Josef Lichtenberger gemeinsam mit mit Filmemacher Maximilian Rottensteiner das Projekt und schrieb 1.5 Jahre am Drehbuch. Die Dreharbeiten für den Film waren über vier Wochen verteilt auf der Burg Kreuzen, der Ruine Windegg, im Erdstall Perg, in der Wolfsschlucht in Bad Kreuzen und im Keltendorf Mitterkirchen.

Josef Lichtenberger stand uns nach dem Film Rede und Antwort. Auf die Frage, warum der Film im Mittelalter spielt und nicht in die Gegenwart versetzt wurde, antwortete Josef damit, dass das Mittelalter sehr symbolbeladen ist und mehr von dem Sinngehalt des Filmes transportieren kann, als dies die Gegenwart könnte. Die Gegenwart ist den Menschen nicht so fremd, im Mittelalter kommt die Thematik besser zur Geltung.

Josef berichtete von den Schwierigkeiten in der Tonspur. Die moderne Welt machte es notwendig, die Tonspuren nochmals neu einzusprechen, einzuspielen und dann aus fünf Tonspuren neu zusammen zu schneiden. Besonders Mopeds und Traktoren störten bei der Aufnahme.  Josef zeigte sich sehr dankbar über die Hilfe und das Sponsoring. Ein Film in der Größenordnung wäre sonst nicht möglich gewesen.

Der Regisseur erzählt eine Geschichte mit geringem Budget, dass Fragen bezüglich Schichtzugehörigkeiten stellt, Religion in Symbolen erzählt und mit schönen Bildern des Waldes aufwarten kann.

Trotz kleinerer Filmfehler kann der Film nur als gelungenes Erstlingswerk gesehen werden, Ungeheuer sind uns näher als man denkt. Danke an Josef  nochmal für die Beantwortung der Fragen.

//Infos:

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Projekt [Sterbenswörtchen]: Dominik Leitner

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Das Projekt [Sterbenswörtchen] lädt jeweils einen Autor/eine Autorin ein, Fragen über den Tod und über das Leben zu beantworten. Der Oberösterreicher und Wahlwiener Dominik Leitner war mein Gast im Monat Oktober. Dominik, ein großartiger Journalist als auch Autor, ist das Sterben und der Tod  nicht unbekannt.  Auf seinem Literaturblog schreibt Dominik zum Teil autobiographische Sachen, die sich mit dem Thema Abschied nehmen und Sterben beschäftigen, sowie poetische Auseinandersetzungen wie das Gedicht „Augen auf“ .

Hier gehts zum Interview!

Was bedeutet Tod für dein Schreiben?

In meinem literarischen Schaffen musste der Tod schon allzu oft als Inspiration herhalten. Er ist ein ständig begleitendes Thema. Vor ungefähr zehn Jahren begann ich damit, Texte von mir online zu stellen und nicht ohne Grund waren die ersten davon Briefe an Menschen, denen ich auf ewig verbunden sein werde, obwohl sie schon Jahre bevor ich das Licht der Welt erblickte, bereits von hier verschwunden waren. Der Tod ist für mich als literarisches Thema auf einer Ebene mit der Liebe. Die Liebe verfolgt einen auf Schritt und Tritt; der Tod macht nichts anderes.

Wie politisch ist der Tod?

Wenn ich die Frage richtig verstehe: Sehr. Wer bestimmt, wann es okay ist zu gehen? Das Thema Sterbehilfe wird bis heute in unserem Land nicht ernsthaft diskutiert. Mich haben dabei die letzten 100 Seiten von Kluuns Buch “Mitten ins Gesicht” nachhaltig verändert. Darin geht es um eine junge Familie, die zerbrechen wird, weil die Frau an Krebs erkrankt ist und schlussendlich keine Heilung mehr in Sicht ist. Sie beschließt Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Das war das erste und bislang einzige Buch, bei dem ich irgendwann zu weinen begann und nicht mehr aufhören konnte. Weil eine Krankheit das vermeintliche Idyll zerstört und weil die mutige Frau selber entscheiden möchte, wann es zu Ende sein wird. Dass ein Ende kommen wird, ist absehbar, aber sie hat durch die Sterbehilfe die Möglichkeit, in Würde zu gehen. Wenn die Krankheit schon Besitz vom ganzen Leben ergreift, so behielt sie trotzdem die Macht, über ihren Tod zu entscheiden. In Österreich kann man nur mittels Patientenverfügung entscheiden, dass keine lebensverlängernden Maßnahmen ergriffen werden. Das ist gut und wichtig, aber ich würde mir wünschen, dass es noch weitere Möglichkeiten gibt.

Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?

Ich hasse den Tod in sozialen Medien. Zumindest in den letzten Jahren. Sterben Berühmtheiten, so fühlt sich scheinbar jeder dazu verpflichtet ein RIP-Posting zu veröffentlichen. Diese kollektive Trauer ist mir zuwider. Andererseits sehe ich manchmal auch Texte über persönliche Schicksalsschläge, über Todesfälle in der Familie. Da ist es immer schön zu beobachten, wie viel Anteilnahme, wie viel Empathie und Mitgefühl da geschenkt wird, von Menschen, die man vielleicht nur auf virtuellem Wege kennt, mit denen man aber durchaus auf mehreren Ebenen verbunden scheint.

Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?

Am Anfang bleiben diese beschissenen Kleinigkeiten. Dinge, die einem zuvor nie aufgefallen sind, die einem aber kurz nach dem Tod plötzlich auffallen. Die einen unvermeidlich mit dem Verschwinden konfrontieren und den unmessbaren Schmerz noch vervielfachen.

Danach werden einem die Erinnerungen an den Tod mit Erinnerungen an das Leben der Person vermischt. Jedes Mal, wenn man an den Menschen denkt, denkt man unvermeidlich auch an den Tod. Eine brutale Mischung.

Und irgendwann, manchmal dauert das viel zu lange, aber irgendwann kommt dann der Punkt, wo die schönen Erinnerungen überwiegen. Das ist auch der Punkt, an dem vieles zu verblassen scheint. Aber das sind auch die Momente, wo man an den Menschen denkt und ein Lächeln die Erinnerung wach hält.

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?

Mein Traum? Wenn ich einmal nicht mehr bin, soll es ganze Bücherregale mit meinen Geschichten geben. Ich möchte Erzählungen hinterlassen, die noch Generationen nach mir zum Denken anregen werden. Ich möchte kurze Anekdoten hinterlassen, über die meine Nachfahren noch einige Zeit schmunzeln. Es ist eine große Angst von mir, dass ich genau das nicht erreiche, bevor ich sterbe. Und vielleicht erlaube ich es mir deshalb auch nicht, diesen Traum jemals aufzugeben.

Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild) drückt den Tod am besten aus?

Ben Harpers Lied “Walk away” ist für mich ein unglaubliches schönes, berührendes Lied über Tod. Wo sonst hört man so ehrliche Textzeilen wie diese: “They say if you love somebody / Then you have got to set them free / But I would rather be locked to you / Than live in this pain and misery”. Manche Menschen sehen darin ein irdisches Trennungslied, für mich hatte der Text aber seit dem ersten Hören die Bedeutung, dass Harper hier über den endgültigen Abschied sing.

 Wie viele Tode kann man sterben?

Keinen. Man wird einen Tod sterben, aber man kann ihn nicht sterben. Selbst, wenn man sich für den Weg selbst entscheidet, den Tod selbst kann man nicht kontrollieren. Der wird einfach nur sein.

 Welchen Zustand hat der Tod?

Der Tod bringt die letzte Entspannung. Ich erinnere mich immer gerne an die Erzählung meiner Mama. Sie war mit dabei, als mein Opa vor fast fünfzehn Jahren gestorben ist. Nachdem er jahrelang an Alzheimer, Parkinson und mehreren Schlaganfällen zu leiden hatte, nachdem er in den letzten Jahren kaum mehr Worte formen konnte, und sich im abschließenden Kampf seine Gesichtmuskeln mehr und mehr verkrampften, so sah er nach dem letzten Atemzug wieder jung aus. Seine Falten glätteten sich, seine Lippen entspannten sich. Ich habe ihn dann im Sarg gesehen und er sah entspannt aus. Fast glücklich.

 Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Den wirklichen Todesakt, diesen Übergang vom Sein ins Nichts, der passiert einfach. Da hilft kein Gott oder Nichtglaube. Der ist einfach. Aber ich denke, dass der Glaube einem den letzten Weg erleichtern kann. Einem die Angst nehmen kann. Oder man an diesen Gott da oben die Bitte richten kann, einen zu erlösen. Ich weiß es nicht wirklich. Aber das Sterben passiert, ob mit oder ohne Gott.

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Ach, es gibt so vieles, was sich verändern soll, bevor ich gehe. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen nicht aus so vielem ein Tabu machen. Niemand redet gerne darüber, dass er Angst vor dem Tod hat. Oder dass er eine Therapie in Anspruch genommen hat, um Verluste zu verarbeiten. Alle schweigen über Schwächen, dabei sind es doch gerade die, die uns so menschlich machen. Also, wenn ich mir etwas wünschen darf, dann hätte ich gerne, dass man von diesem “Funktionieren” wieder abrücken könnte und zu einem “Sein” zurückkehren würde.

 

Vielen Dank für deine Worte.

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[txt] Schatz.

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Heute bist du fast neben mir gesessen. Im Wartezimmer beim Arzt.  Krank hast du nicht wirklich ausgesehen, aber du kannst dich gut schminken und Augenringe hat schließlich jeder zweite Mensch. Aufrecht sitzt du da, siehst in die Menge an kranken Menschen, und ekelst dich ein bisschen, das sieht man dir an. Es ist dir zu laut, du ziehst eine Augenbraue nach oben, machst das rechte Auge zu und ziehst die auf derselben Seite sitzende Schulter Richtung Kopf. Du siehst nun auf deine Schuhe, deine Lippen bewegen sich. Es sieht aus, als würdest du zu deinen Schuhen reden, einen Schlachtplan ausmachen, fliehen wollen, immer weiter, einfach weg aus dieser Realität. Neben dir sitzt ein Mann, er hat dich schon beim Hereinkommen begrüßt, du kennst ihn von früher. Der Mann sieht dich an, und du versuchst zu lächeln, aber mehr als ein schiefes Irgendetwas in deinem Gesicht verzogen zu etwas bekommst du nicht mehr hin. „Wie gehts dir denn?“, fragt er dich und schaut dich erwartungsvoll an. Du willst nicht antworten, nicht jetzt, man sieht es dir an, du blickst ihn kurz an, und wieder zu deinen schwarzen Halbstiefeln. „Ich hab gehört, was passiert ist“, bohrt er weiter und du willst in dich zusammenfallen, dich selbst unsichtbar machen, ihn unsichtbar machen, nur damit du ihm nicht antworten musst. Du presst deine Lippen zusammen, ich weiß, du denkst Lippenbekenntnisse sind schwer und was geht es ihn an, wie es dir gerade geht. „Ja, muss gehen“, wirfst du in den Raum hinein. „Das kann ich mir vorstellen, dass es dir gerade nicht so gut geht, jetzt wo sich alles verändert hat“, haut er dir entgegen. „Ja, schon“, sagst du, deine Stimme klingt heiser. Niemand soll hören, wie es dir geht. „An deiner Stelle wäre ich ganz fertig, dass mit deinem Schatz und so und würd nicht mehr so gerade dasitzen wie du gerade“, schwadroniert er ungeniert, „ist echt arg, was dir so passiert ist.“ Du willst nichts sagen, es reicht dir, du willst aufstehen und gehen und die ganze Welt anschreien, und dich auf deinen Namen berufen und so sein wie eine Königin, erhaben, mutvoll, und furchtlos. Du setzt an, fährst deine Messer aus, redest lauter als notwendig, damit es jeder hören kann, Angriff ist immer die beste Verteidigung, fällt einem ein. „Ja, es ist ein Wahnsinn, das mit ihm, und es geht, wie es einem halt gehen muss, wenn plötzlich alles auseinander fällt, und zwar alles, was man je gehabt hat, so ist das nämlich, wenn das Leben absolut ist, es führt unweigerlich zum Tod, es gibt keinen Ausweg, auch für dich nicht und für mich nicht, es gibt nichts, was gegen den Tod hilft außer das Leben und wenn man das Leben verliert, dann ist das auch weg!“, wirst du ihm in den Rachen, dieses Gesöff aus Verbitterung und Verwundbarkeit und er zuckt bloß mit den Schultern. Eine Dame kommt herein, wechselt die Prospekte aus, oberhalb von dir, an der Halterung für die ganzen Prospekte. Du siehst ihr zuerst zu, wendest deinen Blick dann ab und wirfst Speere aus deinen eiskalten Augen in seine zuckenden Schultern, er soll endlich still sein ja. „Eh“, sagt er dann. Das reicht dir nicht, du setzt erneut an: „Es ist kein Spaß, im selben Jahr nachhause zu kommen und seinen Vater an der Decke baumeln zu sehen,  mit seinen toten Augen, die eine Stunde zuvor noch lebendig waren, nichts hat dagegen geholfen, der Tod holt alle, auch ihn, aber er hat mit dem Tod ja freiwillig gespielt und verloren. Und was jetzt? Im selben Jahr hab ich mit ansehen müssen, wie mir das, was ich am liebsten hab, genommen wird, einfach so, nichts konnte ich dagegen tun, gegen manche Krankheiten hilft nichts außer das Sterben. “ Das Wartezimmer hat aufgehört zu atmen, deine Geschichte wollte niemand hören, aber niemand wendete sich ab. Das ist wie mit dem anderen Tratsch, den hört man sich auch an, auch wenn es einen betrifft, nur damit man etwas zu erzählen kann. Die alte Frau neben dir schämt sich. Sie schämt sich für ihr Alter, sie will sich für ihr Altsein entschuldigen, ihr wäre es lieber ein paar Jüngere gerettet zu haben, als dich jetzt dazusitzen sehen und sich für ihr Sein nonverbal entschuldigen zu müssen. „Ja, blöde Geschichte, so spielt das Leben“, sagt der schulterzuckende Mann neben dir und du verspürst den Drang, ihn leiden zu lassen. Dein Blick ist starr auf ihn gerichtet. „Diese Woche Freitag ist Begräbnis um 11.00“, gibst du schlussendlich von dir. Der Doktor lässt ihn aufrufen. Er bewegt sich etwas geplagt Richtung Ordinationstür. „Ich muss jetzt zum Arzt rein, war schön dich getroffen zu haben“, floskelt er in deine Richtung. „Man sieht sich“, gibst du ihm mit in das Ordinationszimmer, und deine Füße scharren am Boden.  Außer diesem Geräusch ist nichts mehr zu hören, alle atmen so leise wie sie können und blicken zu Boden, niemand will dich ansehen. Zwei Minuten dauern ewig, wenn niemand redet, und versucht unsichtbar zu sein, damit du und dein Leid Platz genug haben. Du bist dran, stehst auf, gehst in Richtung Ordinationszimmer und schlängelst dich an dem schulterzuckenden Mann vorbei. Ich atme auf, aber die Luft ist verpestet in diesem Wartezimmer, das weißt du.

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Projekt [txt]: Mucksmäuschenstill.

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Ich habe da diesen einen Traum, kennst du das, wenn du einen Traum immer wieder träumst, so wie diesen einen Traum, den alle haben, diesen einen vom Fallen in die Tiefe. Meiner ist genauso. In meinem Traum kommt ein glatzköpfiger Mann vor. Nie klein, nicht groß, nicht dünn, nicht dick. Er fällt nicht auf, bis auf diese Glatze. Ich bin in meinem Traum ein Kind, weißt du? Ich sitze in meinem Traum in meiner alten Klasse in der Grundschule, wie immer zweite Reihe ganz rechts außen, damit ich nicht soviel aus dem Fenster schauen kann, weil ich dann immer die Züge beobachte, mit denen ich immer mitfahren will. Jetzt schaue ich zur Tür und vorne steht meine Lehrerin, die mit dem glatzköpfigen Mann redet. Er sagt, er sei mein Onkel und meine Mutter hat gesagt, er muss mit mir zum Zahnarzt gehen. Wir sind in einer Kleinstadt, da glaubt man solche Dinge einem Onkel, und er sieht ja irgendwie auch wie mein Onkel aus, so mit der Glatze, die keine Sinne trübt. Hinter mir da gibt es eine Geheimtür, die nur ich sehen kann, ich weiß, dass ich da hinlaufen kann, ohne dass der glatzköpfige Mann weiß, wo ich hinlaufe. Ich muss nur warten, bis er sich wegdreht von mir, dann laufe ich weg. Der glatzköpfige Mann fragt, wie es um meine Noten bestellt ist und die Lehrerin erwidert ihm, wie gut ich bin und das ich sehr klug bin. Genau das habe er hören wollen, dass ich ein kluges Kind bin, das sogar weiß, wann es schweigen muss und sehr froh ist, dass ich gut lerne, sonst hätte er mir den Hintern versohlen müssen, sagt er, sagt er lächelnd. Ich laufe zu Tür und laufe weg. Der glatzköpfige Mann läuft mir hinterher, er sagt noch, dass ich immer schon so Angst vorm Zahnarzt gehabt habe, aber das stimmt nicht, ich habe Angst vor ihm. Ich laufe auf den Dachboden, da ist alles voller weiße Wäsche und ich weiß, dass du mich da nicht finden kannst, glatzköpfiger Mensch. Ich bin klein, ich kann mich hinter den Laken verstecken, wenn du magst. Wir spielen ein Spiel, sagst du dann drohend. Das ist derselbe Ton, wenn du sagst, dass wir ein anderes Spiel spielen. Das Spiel mag ich auch nicht. Das Spiel tut mir weh und nur dir gefällt es und außerdem macht es keinen Spaß, dass keiner von dem Spiel wissen darf. Du reißt die Laken herunter und ich fürchte mich zu Tode. Jetzt wirst du mich finden, und ich kann sicher nicht mehr davon laufen. Du bist viel größer als ich, und du hast größere Beine, die schneller laufen als meine. Du hast mich gleich, sagst du, und dann spielen wir das schöne Spiel, dass mein lieber Onkel so mag. Ich will heute nicht spielen. Deine Hände umklammern mich am Handgelenk und du fängst an, mich mitzuschleifen, zu deinem Auto, ich weiß, wo du mit mir hinfahren willst. Es fällt mich schwer, mich zu wehren und du sagst, wenn ich doch weniger bockiger wäre, dann ginge das Ganze schneller. Ich beiße dich in den Finger. Der letzte Funke von Rettungsanker, der mir noch bleibt. Du schreist, und lässt mich los, ich laufe weg, in den Keller, weit weg von dir, du wirst mich nicht mehr kriegen und dein Spiel spielen wir auch nicht mehr. Dein Spiel ist doof, da braucht man keine Karten und keine Figuren, nicht mal Würfel. Du sagst, die besten Spielzeuge sind die Hände und der Mund, aber das ist Blödsinn, was du da sagst. So viele Stufen muss ich laufen und ich höre dich, wie du mir wieder nachläufst, ich habe große Angst. Ich bin nun in einem Raum. Der Raum hat dreizehn Türen, der Raum ist rund, ich weiß nicht, wo ich hingehen soll. Ich höre dich lachen. Ich rüttle an der ersten Tür links von mir, doch sie ist verschlossen, ich probiere die zweite Tür. Sie mag auch nicht aufgehen. Ich probiere hektisch die dritte, vierte, fünfte und sechste Türe, keine der Türe will sich für mich öffnen. Auch nicht die siebte, achte, neunte, zehnte. Schon gar nicht die elfte, zwölfte oder dreizehnte. Ich entkomme dir nicht mehr, ich kann mich nicht mehr wehren. Du kommst die Treppe herunter, und plötzlich öffnen sich alle dreizehn Türen, hinter jeder einzelnen Tür stehst du, glatzköpfiger Mann. Dann ist es mucksmäuschenstill.

 

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review // Heimat in Großdeutschland – Teil 2

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Die lange Nacht der Museen bot die Möglichkeit, das Museum der Friedensgemeinde Erlauf zu besichtigen. Eine Dauerausstellung auf 250 Quadratmeter bietet Einblicke in die Heimat während es zu Großdeutschland gehörte, vor allen aber danach die Geschichte des Totalitarismus erzählt und zeitgleich versucht herauszufinden, was den Frieden ist und wie man ihn bewahren kann.

2016-10-02-09.03.27-1.jpg.jpegIn der langen Nacht der Museen waren Zeitzeugen geladen, die zum zweiten Weltkrieg befragt wurden. Den Teilnehmenden wurde schnell klar, dass jene Zeitzeugen, die den zweiten Weltkrieg wirklich bewusst miterlebt haben, eine kleine Minderheit sind und diese Generation im Prinzip schon ausgestorben ist. Die Zeitzeugen, die bei der langen Nacht der Museen geladen waren, waren noch sehr jung, als der zweite Weltkrieg passierte, sie konnten sich fast nur mehr an die Besatzungszeit erinnern. Die Geschichten der eigenen Eltern war Hauptaugenmerk der Zeitzeugen. Manche Geschichten rühren so tief in die Gegenwart, dass manche Namen nicht genannt wurden. Interessant an dem Dialog der Einblicke in die Regionalgeschichte bot, war vor allem die Verbindung zu Russland und Weißrussland. Ein Zeitzeuge, Johann Pfaffeneder, erzählte von der Zwangsarbeit in der Molkerei für Gefangene. Weiters wurde auf den kommunistischen Widerstandskämpfer Josef Munk hingewiesen, der in Folge für seine Aktionen zur Wehrmacht musste, und mit viel Glück lebend                                                                           wiederkehrte. Seine Freunde jedoch wurden hingerichtet.

2016-10-02-09.04.09-1.jpg.jpegEin klein wenig wehmütig wurde man bei der Besichtigung der Ausstellung. Es stellte sich die Frage, inwieweit Krieg alleine als Mahnmal für den Frieden dient und eine Referenz darauf, wie man Frieden tatsächlich schaffen und bewahren kann. Die Zeitzeugen fanden ihrerseits wohl kaum Frieden mit sich selbst, zu sehr brodelte die Geschichte in ihnen immer wieder hoch.

 

link zur homepage des museums

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Projekt [Sterbenswörtchen]: Sarah Riedeberger

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Das Projekt [Sterbenswörtchen] lädt jeweils einen Autor/eine Autorin ein, Fragen über den Tod und über das Leben zu beantworten. Die Autorin Sarah Riedeberger macht den Anfang. Sarah beschäftigt sich seit Jahren mit dem Tod und ist eine Expertin zu diesem Thema. Auf ihrer Seite „Wir sind noch immer hier“ schreibt Sarah sehr viel zum Sterben und Abschied nehmen. 

Hier gehts zum Interview!

Was bedeutet Tod für dein Schreiben?

Alles. Früher war eine Art „Todessehnsucht“ ausschlaggebend. Heute ist meine Auseinandersetzung mit dem Tod schon eher verwandt mit einer Lebenssehnsucht. Und nicht grundlos sind die Sätze „Ich schreibe dir den Tod zu Füßen“ und „Der Tod spielt hier die Muse“, seit einer langen Zeit meine Begleiter. Im letzten Jahr hat mich der Tod durchweg beim Schreiben beeinflusst, deswegen habe ich irgendwann angefangen, hauptsächliche darüber zu schreiben. Aber auch bei Texten, die scheinbar nichts mit dem Tod zu tun haben, war und ist der Imperator nicht weniger der Tod, bzw. meine eigene Löchrigkeit nach einem Verlust.

Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?

Der wirkt seit einer Weile ganz schön arg, geht viral, ist ehrlich, wahr und manchmal leider auch katastrophal. Aber die Frage ist ja, inwieweit man den Tod, der in sozialen Medien/Netzwerken präsent ist, zu dem zählen kann, was einen wirklich berührt oder beeinflusst. Denn obschon der Tod für mich sicherlich keine Belanglosigkeit ist – im Gegenteil – bin ich relativ abgeklärt, wenn es um den Tod einer prominenten Person geht. Manchmal habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen, aber im Grunde kann ich ja auch nicht für jeden Menschen, der lebt, Liebe empfinden, weshalb dann Betroffenheit, wenn jemand geht? Aber was fernab von populären Nachrufen in kleinen Nischen so vor sich geht, finde ich ziemlich groß. Dass Menschen da ehrlich von ihrem Erlebten erzählen, von ihren Verlusten und dem darauffolgendem, neuen Leben. Das ist wirklich schon fast magisch, und schützt ein bisschen vor dem Versinken in der schonungslosen Einsamkeit. Nebenbei: Ein paar der besten Menschen, habe ich sogar durch/wegen/über den Tod in sozialen Netzwerken kennen gelernt.

 Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?

Da bleibt eine ganze Menge. Vor allem Erinnerungen und Gefühle. Auch wenn man sich das kaum vorstellen kann: es gibt diese früheren Momente, die in die klaffenden Wunden fallen und ausfüllen und heilen und erkenntlich machen, was schon längst vergessen oder verdrängt war. Ein Verstorbener geht nie mit all seinem Krempel, da fällt noch eine Menge an, das man entsorgen oder in Schubladen einsortieren, das man im Herzen behalten kann. Ein Buch, das man lesen und ein Gericht, das man, in Gedanken an jemanden, essen könnte. Der Tod ist vielleicht das Wegsein eines Körpers, aber ja nicht das Wegfallen von Stützen und Erlebnissen. Der Verstorbene hat noch einen Namen, der hat noch einen Geburtstag, eine Haar- und Augenfarbe, Marotten und Gefühle, und irgendwo zwischen heute und morgen ist noch alte Liebe, ausgehend von jemandem, der scheinbar gar nicht mehr anwesend ist. Das kennt man ja. Das ist nach Trennungen doch auch das Einzige, was übrig bleibt. Die kleinen, zerknautschten Gefühle und Erinnerungen, die man so gut zu verdrängen scheint.

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?

Auf jeden Fall ein sehr großer Haufen Papier und Notizbücher, angefangene Sätze und nie geschriebene Bücher. Aber was letztendlich, bis auf ein kleines Fleckchen auf einem Friedhof von mir als Erinnerung bleibt, entscheiden die, die ohne mich dann weiterleben. Es gibt Geschichten von mir im Internet, und welche in den Köpfen von Menschen, die mich wirklich kennen. Das ist schon echt gut, so wie es ist. Und ich glaube, das reicht aus, um nicht ganz in Vergessenheit zu geraten.

Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild) drückt den Tod am besten aus?

„Wir haben Raketen geangelt“ von Karen Köhler beschreibt den Tod/das Sterben aus verschiedenen Winkeln.

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Wie viele Tode kann man sterben?

Das klingt wirklich uncool, aber exakt einen einzigen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Alles andere sind nur gedankliche Knochenbrüche, Entzündungen in unseren Lebensgeschichten, scheitern am Tag, verzagen an der Nacht, hadern oder phrasenhaftes Fallen, aber richtig tot, wahrhaftig, mit allen Lichtern aus, ist man erst, wenn das Herz gar nicht mehr schlägt.

Welchen Zustand hat der Tod?

Die Beschaffenheit eines Toten liegt ja auch im Auge des Betrachters. Vielleicht sieht da jemand noch ein Zucken, nochmal ein Aufbäumen oder nach Luft schnappen, etwas Lebhaftes. Ich sehe kein Heben und Senken des Brustkorbes mehr, der Bauch ganz flach, das Gesicht starr. Der „sichtbare“ Zustand von Tod ist Leblosigkeit.

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Sterben müssen Nichtgläubige genau wie jene, die jeden Sonntag in die Kirche latschen, beten, nach allen Regeln einer Religion leben. Ebenso müssen auch Menschen, die keinen Glauben haben, Abschied nehmen. Und dafür muss man echt keine religiöse Haltung haben. Aber da ich nicht besonders gläubig bin, kann ich auch nicht genau sagen, ob es hilfreich ist. Aber ich denke, dass es nicht zwingend der Glaube ist, der den Umgang mit dem Tod beeinflusst, sondern der Mensch an sich, die Sensibilität, das Umfeld, und alleine schon die Sicht auf das Leben. Und die ist bei jedem Wesen so verschieden, dass man das wirklich nicht pauschal sagen kann.

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Also bevor ich sterbe, wäre es auf jeden Fall ganz schön, wenn die Themen Tod und Trauer noch etwas mehr ins Leben integriert wären. Nichts ist trauriger, als die Vorstellung, dass sich niemand mehr an mich erinnert, „weil man ja nicht dauernd einen Toten erinnert“. Aber ganz im Allgemeinen wäre es schon gut, wenn die Furcht vor der eigenen Sterblichkeit nicht mehr Hand in Hand mit dem Verschweigen von Verlusten ginge. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Und wer weiß, vielleicht machen meine Enkel irgendwann da weiter, wo ich angefangen habe und reden über meinen Tod.

 

Dankeschön für das Interview.

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