Projekt [Sterbenswörtchen]: Sarah Riedeberger

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Das Projekt [Sterbenswörtchen] lädt jeweils einen Autor/eine Autorin ein, Fragen über den Tod und über das Leben zu beantworten. Die Autorin Sarah Riedeberger macht den Anfang. Sarah beschäftigt sich seit Jahren mit dem Tod und ist eine Expertin zu diesem Thema. Auf ihrer Seite „Wir sind noch immer hier“ schreibt Sarah sehr viel zum Sterben und Abschied nehmen. 

Hier gehts zum Interview!

Was bedeutet Tod für dein Schreiben?

Alles. Früher war eine Art „Todessehnsucht“ ausschlaggebend. Heute ist meine Auseinandersetzung mit dem Tod schon eher verwandt mit einer Lebenssehnsucht. Und nicht grundlos sind die Sätze „Ich schreibe dir den Tod zu Füßen“ und „Der Tod spielt hier die Muse“, seit einer langen Zeit meine Begleiter. Im letzten Jahr hat mich der Tod durchweg beim Schreiben beeinflusst, deswegen habe ich irgendwann angefangen, hauptsächliche darüber zu schreiben. Aber auch bei Texten, die scheinbar nichts mit dem Tod zu tun haben, war und ist der Imperator nicht weniger der Tod, bzw. meine eigene Löchrigkeit nach einem Verlust.

Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?

Der wirkt seit einer Weile ganz schön arg, geht viral, ist ehrlich, wahr und manchmal leider auch katastrophal. Aber die Frage ist ja, inwieweit man den Tod, der in sozialen Medien/Netzwerken präsent ist, zu dem zählen kann, was einen wirklich berührt oder beeinflusst. Denn obschon der Tod für mich sicherlich keine Belanglosigkeit ist – im Gegenteil – bin ich relativ abgeklärt, wenn es um den Tod einer prominenten Person geht. Manchmal habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen, aber im Grunde kann ich ja auch nicht für jeden Menschen, der lebt, Liebe empfinden, weshalb dann Betroffenheit, wenn jemand geht? Aber was fernab von populären Nachrufen in kleinen Nischen so vor sich geht, finde ich ziemlich groß. Dass Menschen da ehrlich von ihrem Erlebten erzählen, von ihren Verlusten und dem darauffolgendem, neuen Leben. Das ist wirklich schon fast magisch, und schützt ein bisschen vor dem Versinken in der schonungslosen Einsamkeit. Nebenbei: Ein paar der besten Menschen, habe ich sogar durch/wegen/über den Tod in sozialen Netzwerken kennen gelernt.

 Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?

Da bleibt eine ganze Menge. Vor allem Erinnerungen und Gefühle. Auch wenn man sich das kaum vorstellen kann: es gibt diese früheren Momente, die in die klaffenden Wunden fallen und ausfüllen und heilen und erkenntlich machen, was schon längst vergessen oder verdrängt war. Ein Verstorbener geht nie mit all seinem Krempel, da fällt noch eine Menge an, das man entsorgen oder in Schubladen einsortieren, das man im Herzen behalten kann. Ein Buch, das man lesen und ein Gericht, das man, in Gedanken an jemanden, essen könnte. Der Tod ist vielleicht das Wegsein eines Körpers, aber ja nicht das Wegfallen von Stützen und Erlebnissen. Der Verstorbene hat noch einen Namen, der hat noch einen Geburtstag, eine Haar- und Augenfarbe, Marotten und Gefühle, und irgendwo zwischen heute und morgen ist noch alte Liebe, ausgehend von jemandem, der scheinbar gar nicht mehr anwesend ist. Das kennt man ja. Das ist nach Trennungen doch auch das Einzige, was übrig bleibt. Die kleinen, zerknautschten Gefühle und Erinnerungen, die man so gut zu verdrängen scheint.

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?

Auf jeden Fall ein sehr großer Haufen Papier und Notizbücher, angefangene Sätze und nie geschriebene Bücher. Aber was letztendlich, bis auf ein kleines Fleckchen auf einem Friedhof von mir als Erinnerung bleibt, entscheiden die, die ohne mich dann weiterleben. Es gibt Geschichten von mir im Internet, und welche in den Köpfen von Menschen, die mich wirklich kennen. Das ist schon echt gut, so wie es ist. Und ich glaube, das reicht aus, um nicht ganz in Vergessenheit zu geraten.

Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild) drückt den Tod am besten aus?

„Wir haben Raketen geangelt“ von Karen Köhler beschreibt den Tod/das Sterben aus verschiedenen Winkeln.

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Wie viele Tode kann man sterben?

Das klingt wirklich uncool, aber exakt einen einzigen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Alles andere sind nur gedankliche Knochenbrüche, Entzündungen in unseren Lebensgeschichten, scheitern am Tag, verzagen an der Nacht, hadern oder phrasenhaftes Fallen, aber richtig tot, wahrhaftig, mit allen Lichtern aus, ist man erst, wenn das Herz gar nicht mehr schlägt.

Welchen Zustand hat der Tod?

Die Beschaffenheit eines Toten liegt ja auch im Auge des Betrachters. Vielleicht sieht da jemand noch ein Zucken, nochmal ein Aufbäumen oder nach Luft schnappen, etwas Lebhaftes. Ich sehe kein Heben und Senken des Brustkorbes mehr, der Bauch ganz flach, das Gesicht starr. Der „sichtbare“ Zustand von Tod ist Leblosigkeit.

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Sterben müssen Nichtgläubige genau wie jene, die jeden Sonntag in die Kirche latschen, beten, nach allen Regeln einer Religion leben. Ebenso müssen auch Menschen, die keinen Glauben haben, Abschied nehmen. Und dafür muss man echt keine religiöse Haltung haben. Aber da ich nicht besonders gläubig bin, kann ich auch nicht genau sagen, ob es hilfreich ist. Aber ich denke, dass es nicht zwingend der Glaube ist, der den Umgang mit dem Tod beeinflusst, sondern der Mensch an sich, die Sensibilität, das Umfeld, und alleine schon die Sicht auf das Leben. Und die ist bei jedem Wesen so verschieden, dass man das wirklich nicht pauschal sagen kann.

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Also bevor ich sterbe, wäre es auf jeden Fall ganz schön, wenn die Themen Tod und Trauer noch etwas mehr ins Leben integriert wären. Nichts ist trauriger, als die Vorstellung, dass sich niemand mehr an mich erinnert, „weil man ja nicht dauernd einen Toten erinnert“. Aber ganz im Allgemeinen wäre es schon gut, wenn die Furcht vor der eigenen Sterblichkeit nicht mehr Hand in Hand mit dem Verschweigen von Verlusten ginge. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Und wer weiß, vielleicht machen meine Enkel irgendwann da weiter, wo ich angefangen habe und reden über meinen Tod.

 

Dankeschön für das Interview.

Sarah im Internet: Facebook // Tumblr // Blog // Instagram //

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Review:: Heimat erlebt Großdeutschland.

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Eine Premiere der Filmdokumentation „Grein erlebt Großdeutschland“ des historischen Vereins der Stadt Grein fand gestern im Stadtkino Grein statt. Die Filmemache Stefan Mandlmayr, Andreas Kastenhofer und Karl Hohensinner befragten in der Stadt Grein bereits in den 1990iger Jahren Zeitzeugen und lieferten eine wunderbare zeitgeschichtliche Dokumentation ab. Karl Hohensinner berichtet zuerst von den Problemen, die sich zunächst ergaben: Die Finanzierung des Filmes, die lange dauerte und man bei den Zeitzeugen am liebsten spitz formuliert hätte: Also bitte bleiben sie gesund und sterben sie nicht gar vielleicht, bitte passen sie ihren körperlichen Verfall den Förderrichtlinien des Landes Oberösterreich an!“

Eine gute Vorstellung erbrachte auch Robert Meyer (ich freue mich wahnsinnig, dass ich gestern die Möglichkeit hatte, ihn kennenzulernen!) , jetziger Volksopern Direktor in Wien, der die Propaganda-Texte scharfsinnig , bizarr, fast einem Nestroy-Stück angeleichend, vorlas. Seine Darbietung zeigte, wie sehr man mit Propaganda hinter das Licht geführt werden kann.

Viele, kleine Details gefielen an der Dokumentation. Besonders gut im Gedächtnis bleibt die Geschichte von Rudolph Kloibhofer, welcher keine Mühen scheute, die NSDAP mit ihren eigenen Waffen schlug, findig und listig seinen Weg in die Heimat bahnte, und schließlich desertierte.

Die Dokumentation zeigt Opfer und Täter, Menschen, die maßgeblich mitverantwortlich für die „Mühlviertler Hasenjagd“ waren, Menschen, die mit Inhaftierten des KZ Mauthausen Waffen für die Rüstungsindustrie herstellten, die Geschichte von Menschen erzählt, die der Heimat beraubt wurden, die Geschichte der Frauen, die sich dem Regime verschlossen und Lösungen fanden,um die Nahrungsmittelmarken zu umgehen. Die Geschichte eines Widerstandskämpfer in Frankreich, später desertierend und schlussendlich hingerichtet, zeigt die Vielfältigkeit der damaligen Zeit.

Es ist sehr beeindruckend gewesen die Geschichten der Menschen in der Heimat zu hören, immer in Bezug zu Großdeutschland. Danke an Johanna Hohensinnen, Maria Mörxbauer, Maria Kelcher, Walter Langwieser, Franz Deutsch, Margit Lengauer, Leopold Himmetsberger, Johanna Petz, Elisabeth Grell, Anna Starzer, Leopoldine Plöchl, Fritz Waidhofer, Gustav Grafeneder und Ernst Geyerhofer mich ein Stück Geschichte erfahren haben zu lassen.

Ein großer Dank gilt auch dem Medienkünstler David Hochgatterer, der die Dokumentation technisch verbesserte. Die enthaltenen, heute nicht mehr wiederholbaren Interview- und Videosequenzen wurden mit hochleistenden Programmen remastered und somit Bild- und Toninformationen freigelegt, die bei der Wiedergabe von VHS-Kassette verloren gegangen sind. Neu entdecktes Film- und Fotomaterial wurde eingeschnitten, Untertitel eingefügt und vieles mehr.

Auf Anfrage wird diese Dokumentation auf DVD erhältlich sein. Sie ist bestellbar beim Filmemache Andreas Kastenhofer  Groißgraben 11, A-4360 Grein oder im Museumsshop im Alten Rathaus in Grein.  Die lelefonische Bestellung unter der Tel.Nr. 07268/7512 möglich.

Link zur Anfangsrede von Karl Hohensinner.

Link zur Fotogalerie der Premiere.

 

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Review: holz erde fleisch.

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holz erde fleisch ist ein Dokumentarfilm der bereits im Juni in kleineren Programmkinos zu sehen war und von drei Bauern handelt, die jeweils einen Bereich des Titels brachial, manchmal mit ein wenig bäuerlicher Romantik personifiziert darstellen.

Höchst unangenehm beginnt der Film mit einer selten da gewesenen Stille, die das Schlachten eines Schafes mit dem Schlagbolzen und dem Ausbluten des Tieres zeigt. Wenig geschont wird bereits hier verdeutlicht, welche Grundmotive der Film beherbergen soll, wie hart und unbeugsam manch Mensch in der Landwirtschaft zu arbeiten hat. Herbert Lang, der für das Fleisch in der Dokumentation steht, zeigt eine zerrissene und breitgefächerte Persönlichkeit, die vom schwierigen Verhältnis zum Vater und zum komplizierten Alltag mit einer Vegetarierin zu berichten weiß.

Ein Ausgleich dazu schafft Martin Gerstorfer, der nach mehreren Jahren in Australien die elterliche Forstwirtschaft übernommen hat und ein momento mori anhand von Bäumen immer wieder herbeizaubert. Er bricht eine neue Dimension auf mit dem Gedanken, etwas zu schaffen, von dem man selbst nie etwas haben wird, dass Bäume die sichtbarste Komponente von Vergangenheit sind. Fast schon romantisch anmutend sind die Schlussszenen von Martin und seiner Tochter Mia, die gerade kleine Setzlinge pflanzen und den herbstlichen Wald genießen.

Wenig in Genuss kommt der Gemüsebauer Matthias Hertl, der im Weinviertel vorrangig Kartoffeln anbaut und gern über Menschen mokiert, die keine violetten Kartoffeln kennen. Besonders vorrangig ist hier die Dimension Zukunft, die der Vater in Form von Ängsten und der geringen Begeisterung des Sohnes Dominik für die Landwirtschaft kundgetan wird. Der Vater dient als Mahnmal für das Aussterben kleinerer Betriebe in Österreich.

Interessant ist die Fußnote immer hin zum Grundbesitz, der für jüngere Generationen eine geringere Rolle spielt, als dies noch bei den Vorgängergenerationen der Fall war.

Sigmund Steiner (Baujahr 1978) arbeitet damit seine bäuerliche Vergangenheit auf. Seine Bilder zeigen die Landwirtschaft in Außenaufnahmen, lassen aber tief in das Innere blicken. Die eigene Geschichte wird in kargen Worten wider gegeben und lassen einen nachdenklich werden. Die Dokumentation gilt als Essay für all jene, die Selbiges aufgrund ihrer landwirtschaftlichen Sozialisation erlebt haben und lädt all jene zum Denken ein, die weit weg der Agrarwirtschaft leben.

Eine wichtige Dokumentation, die schöne Bilder und gut genutzte Töne gefunden hat. Nicht unverdient ist der Preis als beste Dokumentation der Diagonale.

 

Hier gehts zum Trailer.

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Wann kommst du.

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wie zwei katzen
die gegen süden streunen
und da nach dem polarmeer
suchen und sehnen
erklär mir
wann kommst du
wann kommst du
um mir das letzte bisschen
leben zu verklären

wie zwei geister
die so verloren treiben
und da in dem Leben
sinnen und schlafen
wann kommst du
wann kommst du
um mir das letzte bisschen
sinn zu ergeben

wie zwei nächte
die so suchend vergehen
und da in den tagen
siegen und scheitern
wann kommst du
wann kommst du
um mir das letzte bisschen
liebe zu vergeben

wie zwei lichter
die so tanzend niedergeh´n
und da in den sternen
schreien und stammeln
wann kommst du
wann kommst du
um mir das letzte bisschen
atem zu erstehlen

 

 

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In eigener Sache :: neue Pfade

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Das ganze Jahr beschreite ich schon neue Pfade und wälze mächtig herum, was herumgewälzt gehört. Alles, was recht ist, aber manchmal muss man weiter links gehen.

Folgende Umstellungen sind nun per September fix:

// Umzug, Auszug, Einzug

Ich bin via Mai umgezogen, zurück ins Grün, weil mir Ruhe bekanntlich am besten tut und meinen Kopf genug Inspiration liefert.  Ich mach es mir auf 80 qm nun ganz bequem und habe viele neue Möbel und eine neue wunderbare Küche und das meiste ist nun in meinen Lieblingsfarben gestrichen. Meine Wohnung sieht nun aus wie mein Blog und das finde ich ganz und gar grandios. Für jeden der mal ein paar Tage ausspannen möchte und Kaffee und Kuchen möchte, ist herzlich eingeladen 🙂

// Masterarbeit

Es ging voran in den Ferien! Ziemlich ausgepowert vom letzten Jahr hab ich einige Wochen Ruhe gebraucht. Trotzdem ist was weiter gegangen und es fehlt nur mehr das letzte Kapitel. Dann wird noch überarbeitet und Korrektur gelesen und dann ist das Ding fertig!

// Projekte

Seit 2011 gab es auf meinem Blog immer wieder literarische Zyklen, die sich mit Liebe, Glück, Hoffnung, Gedichte, und Radikalität befassten. Heuer startete der literarische Zyklus im August mit der Inspirationsquelle Sterben und Tod. Es gibt nun ab September die Kategorie [Sterbenswörtchen], die Jungautor/-innen zum Thema Tod und Sterben befragt. Jeden Monat erscheint ein neues Interview. Ich bin schon sehr gespannt!

Zusätzlich gibt es auf dem Blog die neue Kategorie „Review“, die neue Filme vorstellen wird und einen kleinen Einblick in meine Gedankenwelt und mein Hobby gibt.

// Arbeit

Auch in der Arbeit wird sich ab September einiges verändern. Per nächster Woche werde ich meinen Unterricht auf komplette Freiarbeit umstellen. Meine Schüler/-innen erhalten ab sofort nur mehr Wochenpläne mit Pflicht-/Wahl-/Zusatzaufgaben, die die verschiedenen Kompetenzen noch mehr fördern sollen und vor allem die Eigenverantwortlichkeit des Lernprozesses in den Vordergrund stellen. Das wird ein kleines Chaos am Anfang, wenn jedes Kind nach seinem Tempo und seinen Fähigkeiten arbeiten wird, aber ich freue mich irre auf diesen Chaos, weil der Mehrwert einfach so unfassbar sein wird. Außerdem wird nun via 4.0 Skala benotet und werde nun dem kompetenzorientierten Profil der NMS gerecht.

// Kafka

Viele Menschen wissen, dass ich eine Katze namens Kafka habe und diese über die Maßen vergöttere. Kafka war diesen August sehr krank und dem Sterben nahe. Das hat mich innerlich ziemlich umgebracht und ich war deswegen dauerfertig. Kafka ist nun über die Runden und halbwegs wohlauf und ich freue mich auf die paar weiteren Jahre, die wir miteinander haben. Kafka und ich verbringen daher sehr viel Zeit miteinander und soviel Kuscheln ist wirklich grandios 🙂

// Menschen

Ich habe mich 2016 von vielen Menschen getrennt. Aus dem Telefonbuch. Mit vielen Menschen habe ich keinen Kontakt mehr seit Jahren, rein aus Sentimentalität die Nummer im Smartphone behalten, weil immer diese Hoffnung ist, dass das irgendwie wieder werden könnte, dass das wieder irgendwann was wird mit Treffen und dass alte Freundschaften irgendwann wieder intakt werden könnten. Nein. Ich habe mich vom Konjunktiv getrennt. Es wird irgendwann nicht mehr, irgendwas wird auch nie wieder intakt. Ich habe mich von Menschen getrennt, die mich dieses Jahr noch vor die Tür gesetzt haben, oder mit denen ich mehr als ein Jahr keinen Kontakt hatte. Ich bin nun circa 150 Nummern leichter. Eine gute Entscheidung bis jetzt, die ich noch nicht bereue. Mir fehlen diese Menschen nicht mehr. Der ganze Altballast ist weg. Neue Pfade können jetzt begangen werden, dank neue Freunde und neuer Menschen in meinem Leben.  Ich will keine Kompromisse mehr eingehen, keine Menschen mehr sehen, die unglücklich sind und mich damit fertig machen, weil in ihrem Leben gänzlich Träume fehlen, ich will keine Menschen mehr sehen, hören, reden, die mir irre wehgetan haben und sich nie dafür entschuldigt haben. Ich will Menschen im Leben, die noch andere Träume als Heirat, Kind und Haus haben, andere Themen im Leben, eine Diskussionskultur, ein buntes Leben, keine vollständige Selbstaufgabe, sondern Menschen, die aus hunderttausend Farben bestehen. Ich bin zu alt für Kompromisse dieser Art, mir sind farbige Menschen nämlich die liebsten.

 

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Review:: Sixth part of the world

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Postrock trifft auf sozialistischen Art House Film der 1920iger Jahre:  Die vierköpfige belgische Band „We stood like Kings“ spielt zu live zu Dziga Vertovs „A Sixth Part of the World“  (zu Deutsch: Ein Sechstel der Erde) von 1926 und zieht einen Klangteppich über die Vielfalt Russlands. Zwischen 7/8 Rhythmen und Godhouse-Klängen bescheren E-Piano, E-Gitarre, E-Bass und Schlagzeug ein fulminantes Feuerwerk, die Landschaften, Bevölkerungsschichten, Religionen und Lebensgewohnheiten Russlands erbeben lassen.

Seltsam anmutend sind die Botschaften die sich immer zwischen den Bildern des Filmes gesellen: „Ihr. Aus Kasachstan.“, „Ihr, die am Kaukasus wohnt“, „Ihr, die Tataren sind“ zeigen die Vielfalt Russlands und seine unendliche Weite. Nicht ganz verstehend, warum einzelne Bevölkerungsgruppen genannt werden, wird in der Mitte des Filmes ganz deutlich: „Ihr. Das Volk Russlands, dass die Welt revolutionieren wird“ und eine Lobeshymne an den Sozialismus singt. „Ihr Männer, die ihr produziert“, „Ihr Frauen, die in Fabriken arbeiten“  rufen auf, dem Kapitalismus des Westens nicht so fromm gegenüber zu stehen, wenn man Felle, Tabak, Getreide und Öl in den Westen via Schiff verladen lässt. „Ihr, die ihr Waren verkauft und dann Maschine kauft, um Maschinen zu bauen“ sind ein Grund mehr in die Tiefe des Filmes zu tauchen.

Die kritische Haltung gegenüber Lenins Exportwirtschaft wird mehrfach angesprochen, aber ebenso Lenin geschmeichelt.  „Lenin, der du Eisbrecher bist“ heißt es einmal im Film. Zwischen den Bildern erhebt sich laut das Wort „капитал“ (Kapital), mehrfach wird auf das Kapital Russlands hingewiesen. Zwischen Art House und Dokumentation bewegen sich die Bilder, die gezeigt werden. Chris Marker formulierte: „Wenn ich die zehn besten Dokumentarfilme aller Zeiten auswählen müsste, würde ich es absurd finden. Aber wenn es gilt, Einen zu wählen: Ein Sechstel der Erde.“

Filmmacher und Medientheoretiker Dziga Vertov (1896-1954), bekennender Klassengegner gilt als Vorbild, wenn es darum geht, Beweglichkeit in Bildern festzuhalten. Mit „A Sixth Part of a World“ wendete Vertov sich radikal gegen das bürgerliche Illusionskino und drückte sich poetisch radikal aus, schuff mit Schnitt und Text eine neue Dimension, die verborgene Strukturen aufdecken sollen, nennt sie selbst „Kino-Pravda“ (Kino-Wahrheit). Charlin Chaplin und Walter Benjamin gelten als Bewunderer Vertovs, der sich vor allem durch den „Stalinstaat“ sehr in seiner Kunstschaffung beschnitten fühlte.

„We stood like Kings“ sind nicht die ersten, die „A Sixth Part of the World“ vertont haben.  Michael Nyman vertonte in den 1990iger Jahren bereits den Film, in Auftrag der Wiener Konzerthausgesellschaft. Vertovs Werke finden sich gesammelt im Österreichischen Filmmuseum.

Mit „A Sixth Part of the World“ hat Vertov ein Werk geschaffen, dass eine eigene Sprache hat und sehr tiefe Einblicke in die russische Geschichte der 1920iger Jahre gewährt.

 

Hier gehts zur Website der Band: We stood like kings

Hier gehts zum Film: A sixth part of the world

 

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Review:: Unterwegs mit Jacqueline

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Jacqueline ist Fatahs größter Stolz – Jacqueline ist wohlgemerkt eine Kuh, die mit ihrem Besitzer in einem algerischen Dorf ein ödes Leben fristet. Dies ändert sich schlagartig, als Fatah mit seiner Kuh nach Paris zur Landwirtschaftsausstellung und zum Rinderwettbewerb eingeladen wird. Mit Unterstützung seines Dorfes reist Fatah das erste Mal in seinem Leben nach Frankreich und macht sich per Pedes auf nach Paris. Ein Abenteuer der Sonderklasse beginnt, von Backpacking bis hin zu Verhaftungen erlebt Fatah Einiges auf seiner Reise und es scheint ungewiss, ob er je in Paris ankommt…

Die französische Komödie besticht durch Warmherzigkeit und Tollpatschigkeit der Protagonisten. Fatah erinnert etwas an den alten Louis de Funés, und Fatsah Bouyhamed wird dieser Rolle mehrfach gerecht. Komplementiert wird der Film durch die Schauspieler Lambert Wilson, der einen pleite gegangenen Graf mimt und  Jamel Debbouze, welcher den lauten und polternden Schwager Hassan spielt. Es bilden sich somit Rollen heraus, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

„La vache“ wie der Film auf französisch heißt verdreht Stereotypen und bildet doch wieder welche: der Film geht von Menschen aus, die allesamt muslimischen Glaubens sind und führt nebenbei die Religionsdebatte ad absurdum, als Fatah das erste Mal eine Kirche betritt und mit einer gefälschten Swatch Muezzinrufe ertönen lässt, zum ersten Mal Alkohol trinkt und dem „Willi“ die Schuld gibt und einen Liebesbrief als funktionaler Analphabet schreiben will.

Besonders nett erweisen sich die Details im Film: Der lockere Umgang mit Depressionen, Schnurrbartfernsehen, Gmundner Keramikhäferl in Paris und der Zeitgeist, der durch Facebook und Twitter ebenso Eingang gefunden hat, wie bereits der legendär gewordene Film „Ich und die Kuh“. Lobenswert ist die positive Einstellung bezüglich Algeriens, die sich durch den ganzen Film zieht und sogar Lust auf eine Reise macht.

Eineinhalb Stunden im Kino, die sehr kurzweilig sind und die Lachmuskeln ordentlich strapazieren, wenn es manchmal auch etwas banaler Slapstick ist.

Hier geht zum Trailer: Unterwegs mit Jacqueline

 

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Projekt [txt] Narrenfreiheit.

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Ich hab dich gehen lassen, einfach so.  Du bist tot neben mir im Bett gelegen und hast aufgehört zu atmen. Dabei warst du doch noch jung. Also nicht mehr ganz so jung, mittlerweile warst du schon ein Mensch, der nicht mehr alle Hoffnungen neben sich aufm Bett geparkt gehabt hat. Du hast schon manchmal vom Sterben geredet, bloß so ein bisschen. Aber du hast auch über Kinder geredet und wie das ist, wenn man mit jemanden sein ganzes Leben verbringen kann, du hast auch über Elektroautos geredet und jeden Tag über das Wetter. Jeden Tag bist du aufgewacht, hast auf dein Smartphone gesehen, hast das Wetter gecheckt und dich dann entschlossen, was du anziehen sollst. Diesen Moment werde ich nicht vergessen, wie du in diesem einen kühlen Sommer deinen Schrank aufgemacht hast, und deinen Pullover mit den Pferden herausgenommen hast. Ich habe dich deswegen ausgelacht, weil es einfach zu lächerlich war, so ein Teil in deinem Alter anzuziehen, aber du meintest, dass du denn später gar nicht mehr anziehen kannst, weil dann bist du wirklich zu alt dafür. Alt bist du nicht geworden, du liegst jetzt steif neben mir, wo ist dein heatbeat, deiner, den ich immer wieder und andauernd hören will, ständig, because a heartbeat skipped a beat. Da ist kein Heartbeat mehr, kein Atem und deine Augen geschlossen. Deine Augen waren nie geschlossen, wenn ich schon eingeschlafen war, du warst damit beschäftigt mich anzuschauen, mir die Haare aus dem Gesicht zu streichen und voller Glück zu lächeln, wenn ich meine Hände in deinen Bart vergraben hatte. Oft lief Musik noch, du zeigtest mir damals vor Begeisterung den Indie Release Radar, und will ich deinen Radar spüren, nur du bist nicht mehr da. Du wirst immer unbeweglicher und wirst langsam kalt. Du warst immer so warm, ich hab kaum mehr eine Decke gebraucht, du hast dann immer kalt geduscht, weil du so warm warst und nun wirst du kalt und ich kann nichts dagegen tun. Diesen Moment, ich will niemanden anrufen, nicht die Rettung, nicht meine Eltern, nicht deine, ich will niemanden anrufen, denn alles was ich dann sage erklärt dich endgültig tot. Ich will dich nicht tot sagen, ich werde dich wachrütteln, ich werde dich solange schaukeln bis du wach bist, ich werde dich küssen, oder kneifen oder beides zusammen, damit du wieder aufwachst, damit du nicht tot bist, und du bist nicht tot, wenn ich nicht sage, dass du tot bist. Ich will dich anschreien, dass du zurückkommst, ich will dir sagen, dass du doof bist, und so war das mit Narrenfreiheit nicht gemeint.  Du kannst nicht sterben und so tun, als wäre es etwas, dass man tun kann, einfach so, was andere nicht einfach so machen, was hast du dir dabei gedacht. Dein Wecker läutet, hinein in diese Stille, nein, hinein in das potentielle Hyperventilieren, das kommt, wenn ich deinen Wecker abdrücke, weil das bedeutet, dass du dann tot bist. Dein Wecker läutet, ich lasse ihn läuten. Tot bist du nämlich erst, wenn ich es sage. Ich hätte aufpassen sollen auf dich, ich hätte merken müssen, dass du gestern wieder todtraurig warst. Du hast gesagt gehabt, dass es dir nicht gut geht, du hast gesagt, dass die Welt nicht besser wird, die Welt ist grausam und schlecht, genau das hast du in den Raum geworfen und ich habe schief gegrinst und dir recht gegeben. Du bist gestern ins Bad verschwunden, du sagtest, du wolltest noch etwas Wasser trinken. Hast du auch, aber deine Tabletten auch, in Überdosis, ich sehe deine leeren Schachteln auf dem Boden liegen, die Badezimmertür ist offen. Das hast du nicht getan, du nicht, du würdest nicht diese Art von Narrenfreiheit wählen, du hast gesagt, dass du eines Tages umfallen wirst, einfach so, von der Blödheit, mit der die Leute auf der Straße herumlaufen. Ich kann nicht laufen jetzt, ich sitze apathisch neben dir, stupse dich an, aber da kommt nichts mehr. Du hast mich alleine gelassen, in diesem Grau der Welt. Jetzt habe ich niemanden mehr, höre ich mich weinend sagen. Meine Hand greift zu deiner Zigarettenschachtel, auf der der Hinweis „Rauchen kann tödlich sein“ steht, ich lache, stecke mir eine an. Auf dich, du Narr.

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Review:: Frühstück bei Monsieur Henri.

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Monsieur Henri hat schon sehr viel erlebt, nur eines nicht: das Zusammenleben mit einer Mitbewohnerin. Per Zufall wird ihm diese in Form von der Mitzwanzigerin Constance in eine wunderbare Pariser Altbauwohnung gestellt. Monsieur Henri wäre nicht er selbst, wenn er nicht granteln und torpedieren könnte, vor allem seinen vierzigjährigen Sohn Paul. Da er die Frau seines Sohnes nicht leiden kann, schlägt er Constance ein unmoralische Angebot vor: sechs Monate darf sie gratis bei ihm wohnen, wenn sie nur die Ehe zwischen Paul und seiner erzkatholischen und humorlosen Ehefrau sabotiert. Constance hat ohnehin schlechte Karten und nimmt dieses Angebot an…

Neben diesen Hauptstranges wird Constances Leben als Mitzwanzigerin in feinen, aber traurigen Zügen nachgezeichnet – im Clinch mit den Eltern, Versagensängsten, Zukunftsängsten, OneNightStands, Alkoholexzessen, das Skizzieren einer Quaterlife-Crisis, voller Kunst, Nebenjobs in Bars und ihrem musikalischen Träumen, die zunächst nicht getraut werden.

Indie-Fans werden bei diesem Film auf ihre Kosten kommen – immer wieder werden nette Stücke angespielt – als Klangteppich für die Postteens, die ihren Platz im Leben noch nicht gefunden haben.

Bewundernswert auch die Dialogie zwischen Constance (gemimt durch Noémie Schmidt) und Monsieur Henri (Claude Brasseur) hart am Antiwitz vorbeistreifend, keifende, bissige Dialoge, die Witz und Weisheit miteinander verbinden.

Der Regisseur Ivan Calbérac schafft damit eine Tragikomödie, die neben dem Antiwitz zeigt, wie Antiliebe geht, fernab von der Erfüllung von Klischees und scheut sich auch nicht davor, kein Happy End zu zeigen, weil das wahre Leben nun mal  so spielt.

Der besondere Reiz in diesem Film liegt zweifelsohne an der  Theatervorlage, die erst das Leben zwischen WG-Streithähnen, verschnupften Apple Crumbles und klassischen Klavierstücken möglich machen.

Hier gehts zum Trailer: Frühstück bei Monsieur Henri

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Review :: Der Wert des Menschen // The measure of a man.

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Vor kurzem habe ich beschlossen, einige Reviews über Filme zu schreiben, die ich mir manchmal in einem kleinen Programmkino ansehe, da ich Filme liebe! Besonders jene, die der französischer und schwedischer Machart entspringen. Meine erste Review diesbezüglich ist der Film „Der Wert des Menschen“ oder auch „The measure of a man“ (so der englischsprachige Titel).

„Der Wert des Menschen“ zeichnet das Leben von Thierry (51) auf die Leinwand, welcher seit 20 Monaten arbeitlos ist und keine Arbeit findet, sich während der Suche immer wieder fragen muss, welche Prinzipien in der heutigen Arbeitswelt noch bestehen können und in wie weit Werte für den freien Markt verhandelbar sind.

Der Film erzählt in 93 Minuten kurzweilig, aber schwer anhand der Geschichte von Thierry nach, welche Gesetze auf dem freien Markt gelten, lässt Töne anklingen, die prekäre Arbeitssituationen als auch monetäre Zwangslagen in wenig gutem Licht zeigen. Stéphane Brizé schuff ein Werk, dass extrem leise aber eindrucksvoll auf die schlechte Stellung von älteren Menschen am Arbeitmarkt hinweist und auch nicht scheut, Themen wie zweite Bildungswege oder Umschulungen in das Blickfeld zu rücken.

Vincent Lindon erhielt für diese Rolle den Europäischen Filmpreis 2015 in Cannes für den besten männlichen Hauptdarsteller. Kein Wunder, wenn man den Film näher betrachtet: lautlos und stoisch erträgt er in der Rolle die Folgen des Kapitalismus, lässt psychische Ausbeutung demütig über sich ergehen und quält zudem unfreiwillig in seinem neuen Job als Kaufhausdetektiv Arbeitskollegen, um der Lohnarbeit gerecht zu werden.

Ein packendes Sozialdrama, das sehr zum Nachdenken und Diskutieren einlädt – vor allem aber zum Umdenken, in wie weit man sich für den Arbeitsmarkt verbiegen kann und soll und entflammt die alte Debatte an der Zäsur zwischen Kapitalismus und Kommunismus.

Hier gehts zum Trailer: The measure of a man

 

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