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Mein Lesejahr 2022

Mein Lesejahr 2022 war mit 65 Büchern ein durchschnittliches Lesejahr. Ich habe sehr viele ernste Bücher gelesen und mich mit Thematiken beschäftigt, die ich zuvor noch nicht so auf dem Schirm hatte, wie etwa Seuchen, Nachkriegsgenerationen oder auch Gastarbeiter im 20. Jahrhundert. Dieses Jahr habe ich wieder vermehrt Zugang zu Lyrik gefunden und auch hier Einges gelesen und rezensiert. Einen kleinen Einblick in meine diesjährige Lesebiographie möchte ich hier gewähren:

[rezension] Zweckfreie Kuchenanwendungen | Yeoh Jo-Ann

Singapur ist in Europa als kleinster Stadtstaat und wichtigstes Finanzzentrum neben Hongkong bekannt, als Tigerstaat, mit einer der höchsten Lebenserwartungen weltweit, teuren Lebenshaltungskosten und als eines der wichtigsten Touristenziele. Kuchen würde man dort als relevantes Erzählmotiv am allerwenigsten verorten und doch: der Duft von Zucker und Schokolade, Mehl und Zitrone schwebt durch Singapur, als hätte es nie etwas anderes dort gegeben.

Im Mittelpunkt des Romanes steht Sukhin Dhillon, 35 Jahre alt, der Lehrer auf einem College ist. Er hasst seinen Job. Sukhin ist Eigenbrötler, lakonisch veranlagt und sein Leben besteht hauptsächlich aus Arbeiten korrigieren, Jugendliche für Klausuren in Bezug auf englische Literatur vorzubereiten, sich vom Kollegen und Freund Dennis ärgern zu lassen und die Kartonsammlung seiner Eltern zu pflegen. Ein festlicher Anlass zwingt ihn, Besorgungen in einem anderen Stadtteil zu machen, wo er auf seine Exfreundin Jinn trifft – diese lebt trotz wohlhabender Familie auf der Straße und lehnt somit das konservative und konventionelle Leben um sich komplett ab. Schrittweise und langsam nähern sich Sukhin und Jinn wieder an, vorsichtig und ohne viel Fragen zu stellen. Sukhin nimmt sich seiner Exfreundin an, verwöhnt sie mit diversen Kuchen, unterstützt ihr Engagement in einer Freiküche, wo sie aus geklauten Essensresten für Arme und Obdachlose Kulinarisches kocht. Während Sukhin versucht, ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen, entdeckt er neue Seiten an sich, wie etwa die Freude am Backen von Kuchen…

„Seinen Menschen jedenfalls – offenbar gab es tatsächlich Menschen, die nicht begriffen, wozu Kuchen gut war, die das einfach nicht begriffen und deshalb niemals Zutritt zur Kuchengemeinschaft haben, niemals seine Menschen sein würden.“

Yeoh Jo-Ann hat mit ihrem Debütroman einen neuen, erfrischenden Erzählton gefunden und erklärt gleichsam nicht, was es sein möchte: Der Roman Zweckfreie Kuchenanwendungen präsentiert sich als Staatskritik, Liebesgeschichte, queerfreundliche Erzählung und Bildungsroman. Die Geschichte, 2019 als Impractical Uses of Cake erschienen und von Gabriele Haefs für den Kröner Verlag ins Deutsche übersetzt wurde, füllt die leere, kulturelle Landkarte der Lesenden mit einer Menge an Wissen rund um die Kulinarik Singapurs. Weiterhin gibt der Roman aber auch tiefe, kritische Einblicke in das Bildungssystem Singapurs. Die skurrile Figurenzeichnung, die abstruse Geschichte, das offene Ende und auch die poetischen Zwischenkapitel erlauben es nicht, bis zum Ende des Romans hin voreiligen Schlüsse zu ziehen. In Singapur hat trotz engen Raumes viel Platz: Regenmaschinen, mehrfach gebackene Kuchen, Kartonstädte und familiäre und berufliche Konflikte. Yeoh Jo-Ann ist mit „Zweckfreien Kuchenanwendungen“ ein ganz und gar kreatives und buntes Erstlingswerk gelungen, das manchmal bloß an der Oberfläche kratzt, aber bei den wichtigen Themen tief buddeln kann.

Beachtenswert ist die vom Kröner Verlag bewerkstelligte feine Ausgestaltung ebenjenes Romanes, der 2019 mit dem Epigram Books Fiction Price ausgezeichnet wurde. Das hochwertige Cover macht Lust auf Kuchen, das Lesebändchen macht Freude beim Lesen, das Glossar und die Landkarte im Anhang bereichern den Roman um wesentliches Wissen.

Bemerkenswert ist nicht nur das Äußere des Romanes, sondern auch die inneren Werte: Yeoh Jo-Ann hat sich mit dem Ansprechen der Themen Armut, Obdachlosigkeit und LGBTQ+ gegen die offizielle Haltung Singapurs gestellt, die Armut und Obdachlosigkeit leugnet und queere Lebensweisen schwer bestraft. Das Buch, das ein Bestseller in Singapur wurde und mit dem wichtigsten Preis des Landes ausgezeichnet wurde, ist hierzulande noch ein Geheimtipp – hoffentlich nicht mehr allzu lange.

[Information] Yeoh Jo-Ann: Zweckfreie Kuchenanwendungen. Roman. Kröner Verlag. 320 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-520-62501-4, 24 Euro.

Danke an Birgit Böllinger für das Rezensionsexemplar.

[rezension] Monsieur Orient-Express | Gerhard J. Rekel

Der Orient-Express ist der bekannteste Zug der Welt, dank der zahlreichen Filme und der Literatur, die sich des Zuges immer wieder als Motiv bedienten. Weniger bekannt hingegen ist die Geschichte des Visionärs Georges Nagelmacker, der eine Vision hatte: Europa zu verbinden mit einem Zug, der vom Okzident in den Orient fährt. Dabei sollten den Gästen alles aufgewartet werden, was möglich ist: komfortables Reisen, Schlafwägen, Restaurants an Boards, noble Hotels an den Haltestellen. Zeit seines Lebens schuf er ein Netzwerk von über 180 Nachtzugverbindungen, die bis in die Gegenwart hineinwirken.

Georges Nagelmacker erscheint in dieser rasend schnell zu lesenden Biografie als Antiheld seiner eigenen Geschichte zu sein: Vom Vater für seine Lebensentscheidungen missliebig beäugt, wird er von diesem nach Amerika geschickt und lernt dort seine Lebensliebe kennen: Züge, die die Westküste Amerikas mit der Ostküste verbinden. Pullman-Züge. Nagelmacker gedenkt solche Waggons auch für Europa zu bauen. Fündig wird er dabei unter anderem bei einer Werkstatt in Wien Simmering, die ihm diese edlen Waggons herstellen. Trotz seiner dauerhaften hohen Verschuldung kämpft er für seine Vision, sein lebenslanger Gefährte Napoléon Schroeder unterstützt ihn dabei. Die Gründung der Compagnie Internationale des Wagons-Lits (CIWL) erweist sich als historischer Meilenstein für die Zugfahrt in Europa. Nagelmackers Leben, welches auch mit privaten Turbulenzen bestens bekannt ist, verzeichnet aber am 4. Oktober 1883 den größten Wendepunkt in der europäischen Zuggeschichte: Die erste Fahrt mit dem Orient-Express ist möglich.

Das größte Wunder erlebt man wohl mit der ersten Fahrt: Gäste fürchten sich vor dem Osten und steigen am Wiener Westbahnhof aus, Könige wollen die Gäste des Orient-Express begrüßen, ein Teil der Strecke muss zu Fuß und auf dem Schiff zurückgelegt werden. Der Orient- Express fährt später durchgängig und in etwa 68 Stunden, recherchiert man, so benötigt man für dieselbe Zugstrecke heutzutage 57 Stunden und als Leser:in kommt man zum Schluss: Georges Nagelmackers war nicht nur Visionär, sondern ein Zauberer seiner Zeit.

Eindrucksvoll ist vor allem die sprachliche Ausgestaltung des Buches. Gerhard J. Rekel verbirgt seine Schreibherkunft nicht – als Drehbuchautor für den Tatort und für viele Wissenschaftsdokus für Arte und den ZDF – baut er Kapitel für Kapitel eine Kulisse auf, die Lesende sofort in die Zeit zurückkippen lässt:

„Möwen umkreisten das Schiff, ihre grellen Schreie mischten sich mit dem Meeresrauschen. Am Horizont gab die Sonne ein orange-rotes Farbenspiel, bis sie verschwand. Der junge Mann stand an der Reling, dreiundzwanzig Jahre alt, wacher Blick, lässig gekleidet in Wollmantel und Schal. Als beim Auslaufen des Dampfers das Horn ertönte, mag Georges wie viele andere Reisende in melancholische Gedanken versunken gewesen sein.“

Neben der Begeisterung für den Orient-Express, die Rekel schriftlich unabdingbar erweckt, finden sich auch historische Grafiken und Landkarten in dem Buch. Man kommt nicht umhin, das Streckennetz mit dem Finger abzufahren und sich in entfernte Orte zu träumen und wie es wäre mit dem Orient-Express zu fahren. Zumindest einen kleinen Luxus hätte man sich während des Lebens gerne gegönnt: So vermisst man etwa ein Lesebändchen oder eine historische Fahrkarte als Lesezeichen, wenn man schon nicht ein viergängiges Abendmenü, eine Kabine mit Rosshaarmatratzen oder rote Teppiche am Bahnsteig hat.

Eines bleibt den Lesenden nach ihrer Reise mit dem europäischen Eisenbahnpionier im Orient-Express: Die Lebensgeschichte von Georges Nagelmackers beeindruckt durch ihre Vision, Zuversicht und Hoffnung und wahrscheinlich noch mehr über all die technischen Erfindungen, die bis in die Gegenwart nachwirken.

[Information] Gerhard J. Rekel: Monsieur Orient-Express. Wie es Georges Nagelmacker gelang, Welten zu verbinden.  Kremayr & Scheriau. Hardcover, 288 Seiten, 978-3-218-01305-5, 25 Euro.

Ein herzliches Dankeschön an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

[litrobona|rezension] Spiel der Heugabeln: Marcus Fischers Die Rotte

REZENSION Katharina Peham, 21. Oktober 2022 Im Halbschlaf sind die Gedanken gekommen. Gedrückt haben die vorn in der Stirn. Und in der Brust. Immer härter sind sie geworden, jeder Gedanke ein Brocken, bis der Kopf selber zum Brocken geworden ist und sie aus dem Steinernen nicht mehr herauskommen ist.  Alles ist düster und dunkel in […]

Spiel der Heugabeln: Marcus Fischers Die Rotte — litrobona

[rezension] Um mich herum Geschichten | Luna Al-Mousli

Nach einem dieser Sommer fing alles an. Präsidenten stürzten in Nachbarländer. Die Straße war belebt mit leblosen Menschen.

Geschichten begleiten einen oft das ganze Leben lang, so unscheinbar sie sein mögen. Gespräche, Begebenheiten, die sich tief festsetzen in der Erinnerung und Jahre später zum Vorschein kommen. Besonders scheint dies für Geschichten aus zerrütteten Staaten der Fall zu sein. Hier bleibt kein Stein auf dem anderen, die Suche nach einer neuen Identität, wenn die alte nicht mehr möglich ist. Erinnerungsfetzen erzählen von Erlebnissen unmittelbar und sanft. In „Um mich herum Geschichten“ sind es unauffällige Gegenstände, die jeweils die Geschichte einer Großfamilie in Damaskus erzählt. Luna Al-Mousli erzählt das Leben ihrer Tanten, Onkel, Großeltern in einem Staat, der seit 2011 gebeutelt von Krieg ist. Es ist die Promotionsurkunde, die verstaubt eine traurige Geschichte erzählt, obwohl sie als wichtigstes Lebensereignis gehandelt wird. Es ist die Oud, eine arabische Laute, die das Leben eines Mannes begleitet, dessen Leben als Musiker, Vater und Partner auseinanderbricht, weil der Alkoholismus nicht zu kontrollieren ist:

Er verlor sich in all den Möglichkeiten. In der Wohnung wurde es häufiger laut oder unheimlich still. Frustriert standen er und seine Liebe da. Sie rangen nach Luft und den richtigen Worten. In keiner Sprache wurden sie fündig, obwohl sie sich eigentlich viel zu sagen hatten.

Es ist ebenso die Geschichte eines Anzugs, der für die Abschlussfeier des Sohnes gekauft wurde, bevor der Krieg ausbricht.  Es ist die Geschichte eines Schlüssels, der seinem Zweck nicht nachkommen kann, weil Flucht notwendig wird. So unbewegt und unscheinbar die Gegenstände sind, die die Geschichte dieser Großfamilie erzählen, so bewegt und ergreifend konzipiert Al-Mousli traurige Elemente wie den Tod:

Der Großvater war gestorben. Egal wie sonnig es in den nächsten Tagen auch wurde, das Lichterspiel des Kristallleuchters reichte nicht aus, um die Trauer aus dem Wohnzimmer zu verjagen.

Wie können Autor:Innen über den Krieg schreiben, ohne dass der Krieg auf jeder Seite sitzt? Al-Mousli machts vor. Sie schreibt anhand der Großfamilie über die Sorgen und Ängste der einzelnen Familienmitglieder. Menschen sterben, werden Gewalt ausgesetzt und finden einander wieder. Behutsam führt die Autorin die Lesenden zu den wichtigen Fragen im Leben: Was wollen wir sein? Wer können wir sein? Oder ganz poetisch:

Welche Luft wollten sie einmal einatmen, wenn der letzte Atemzug getan war?

Wenngleich es schwer für Lesende sein dürfte, das 150 Seiten dünne Buch als Roman wahrzunehmen, oder die arabischen Schriftzeichen zu verstehen, verbreitet „Um mich herum Geschichten“ eine Familiengeschichte zwischen Melancholie und purer Lebensfreude. Der in der Edition W erschienene Band, der sich mehr als Kurzgeschichtenband zu verstehen gibt, wird in seiner nahbaren Erzählform dadurch um nichts geschmälert. Die in Wien lebende Autorin Luna Al-Mousli webt zudem geschickt im Band einen familiären Wien-Bezug ein. Ein Buch voller Heimatlieben – der alten und der neuen.

[Information]: Um mich herum Geschichten. Luna Al-Mousli. Westend Verlag. 150 Seiten. ISBN 9783949671005. 16 Euro.

Ein Dankeschön an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

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