[rezension] Zweckfreie Kuchenanwendungen | Yeoh Jo-Ann

Singapur ist in Europa als kleinster Stadtstaat und wichtigstes Finanzzentrum neben Hongkong bekannt, als Tigerstaat, mit einer der höchsten Lebenserwartungen weltweit, teuren Lebenshaltungskosten und als eines der wichtigsten Touristenziele. Kuchen würde man dort als relevantes Erzählmotiv am allerwenigsten verorten und doch: der Duft von Zucker und Schokolade, Mehl und Zitrone schwebt durch Singapur, als hätte es nie etwas anderes dort gegeben.

Im Mittelpunkt des Romanes steht Sukhin Dhillon, 35 Jahre alt, der Lehrer auf einem College ist. Er hasst seinen Job. Sukhin ist Eigenbrötler, lakonisch veranlagt und sein Leben besteht hauptsächlich aus Arbeiten korrigieren, Jugendliche für Klausuren in Bezug auf englische Literatur vorzubereiten, sich vom Kollegen und Freund Dennis ärgern zu lassen und die Kartonsammlung seiner Eltern zu pflegen. Ein festlicher Anlass zwingt ihn, Besorgungen in einem anderen Stadtteil zu machen, wo er auf seine Exfreundin Jinn trifft – diese lebt trotz wohlhabender Familie auf der Straße und lehnt somit das konservative und konventionelle Leben um sich komplett ab. Schrittweise und langsam nähern sich Sukhin und Jinn wieder an, vorsichtig und ohne viel Fragen zu stellen. Sukhin nimmt sich seiner Exfreundin an, verwöhnt sie mit diversen Kuchen, unterstützt ihr Engagement in einer Freiküche, wo sie aus geklauten Essensresten für Arme und Obdachlose Kulinarisches kocht. Während Sukhin versucht, ihrem Geheimnis auf die Spur zu kommen, entdeckt er neue Seiten an sich, wie etwa die Freude am Backen von Kuchen…

„Seinen Menschen jedenfalls – offenbar gab es tatsächlich Menschen, die nicht begriffen, wozu Kuchen gut war, die das einfach nicht begriffen und deshalb niemals Zutritt zur Kuchengemeinschaft haben, niemals seine Menschen sein würden.“

Yeoh Jo-Ann hat mit ihrem Debütroman einen neuen, erfrischenden Erzählton gefunden und erklärt gleichsam nicht, was es sein möchte: Der Roman Zweckfreie Kuchenanwendungen präsentiert sich als Staatskritik, Liebesgeschichte, queerfreundliche Erzählung und Bildungsroman. Die Geschichte, 2019 als Impractical Uses of Cake erschienen und von Gabriele Haefs für den Kröner Verlag ins Deutsche übersetzt wurde, füllt die leere, kulturelle Landkarte der Lesenden mit einer Menge an Wissen rund um die Kulinarik Singapurs. Weiterhin gibt der Roman aber auch tiefe, kritische Einblicke in das Bildungssystem Singapurs. Die skurrile Figurenzeichnung, die abstruse Geschichte, das offene Ende und auch die poetischen Zwischenkapitel erlauben es nicht, bis zum Ende des Romans hin voreiligen Schlüsse zu ziehen. In Singapur hat trotz engen Raumes viel Platz: Regenmaschinen, mehrfach gebackene Kuchen, Kartonstädte und familiäre und berufliche Konflikte. Yeoh Jo-Ann ist mit „Zweckfreien Kuchenanwendungen“ ein ganz und gar kreatives und buntes Erstlingswerk gelungen, das manchmal bloß an der Oberfläche kratzt, aber bei den wichtigen Themen tief buddeln kann.

Beachtenswert ist die vom Kröner Verlag bewerkstelligte feine Ausgestaltung ebenjenes Romanes, der 2019 mit dem Epigram Books Fiction Price ausgezeichnet wurde. Das hochwertige Cover macht Lust auf Kuchen, das Lesebändchen macht Freude beim Lesen, das Glossar und die Landkarte im Anhang bereichern den Roman um wesentliches Wissen.

Bemerkenswert ist nicht nur das Äußere des Romanes, sondern auch die inneren Werte: Yeoh Jo-Ann hat sich mit dem Ansprechen der Themen Armut, Obdachlosigkeit und LGBTQ+ gegen die offizielle Haltung Singapurs gestellt, die Armut und Obdachlosigkeit leugnet und queere Lebensweisen schwer bestraft. Das Buch, das ein Bestseller in Singapur wurde und mit dem wichtigsten Preis des Landes ausgezeichnet wurde, ist hierzulande noch ein Geheimtipp – hoffentlich nicht mehr allzu lange.

[Information] Yeoh Jo-Ann: Zweckfreie Kuchenanwendungen. Roman. Kröner Verlag. 320 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag, ISBN 978-3-520-62501-4, 24 Euro.

Danke an Birgit Böllinger für das Rezensionsexemplar.

katkaesk

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