• [Rezension]:  Mama – Jessica Lind

    [Rezension]: Mama – Jessica Lind

    In manchen Nächten hört Amira ein Heulen. Dann ist es, als würde ihr das Herz aus der Brust springen. Aber die Hündin zeigt sich nicht. Sie weiß, was sie tun wird, wenn sie ihr begegnet. Deswegen nimmt sie das Gewehr mit, wohin sie auch geht. Sie kann sich erst sicher fühlen, wenn die Hündin tot ist.

    Mama – Jessica Lind / S. 160

    Jessica Lind hat mit Mama ein Buch in österreichischer Tradition geschrieben: Idylle gepaart mit dunklen Wäldern, die Idee einer traditionellen Kleinfamilie mit einem gewaltigen Riss versehen. Es ist eine österreichische Geschichte, die beginnt, wie alle guten Geschichten beginnen: Amira und Josef wollen ein Kind, genauer gesagt, Amira will ein Baby, Josef verneint nicht. Seine Angst, dass er wie sein Vater wird, lähmt ihn. Sie beschließen, einmal noch ohne Kind dort hinzufahren, wo Josef seinen Vater das letzte Mal gesehen hat: Ein Haus mitten im Wald, ohne Handyempfang, ein natürlicher Irrgarten zwischen hohen Bäumen. Amira hasst diese Umgebung, begegnet sie doch immer wieder einem Wanderer, der ihr nicht geheuer ist und eine gewaltbereite, rachsüchtige Hündin.

    Als Amira endlich schwanger ist und schließlich auch ein Mädchen namens Luise bekommt, nähern sie sich erneut dem gruseligen Zuhause, das eigentlich keines ist. Die Angst der Familie um das Mädchen frisst sie innerlich auf, und Amira verliert sich in Traum und Wahn. Man weiß nicht, ob das, was Amira erlebt, noch passieren wird, in der Vergangenheit liegt oder ein Hirngespinst ist.

    Die Protagonist*innen im Buch erscheinen zunächst klischeehaft, erweisen sich aber im Laufe des Buches alles andere das: Amira wird zur Kämpferin, Josef wird weich und nahbar. Zunächst als undurchdringliche Wand der Konvention zeigt das Buch schnell seine dunkle, bedrohliche Seite. Lind bestimmt die Nähe und Distanz zu den Dingen und Pflanzen, einen vermeintlichen Neuanfang, Todesangst genauso wie Verzweiflung. Der Wald und der Hund als Begleitthema erinnert an Marlen Haushofers „Wand“. Ein Blick genügt, man erkennt die starke namenlose Frauenfigur unter der Glasglocke, die von Luise verlassen wird. Die Zusammenarbeit mit Jessica Hausner lässt sich nicht leugnen, man erkennt in dem Buch Hausners Film „Hotel“ und kann auch diesbezüglich Parallelen erkennen.

    Optisch und haptisch präsentieren sich die Bücher in bester kremayrscher Manier, Ekke Wolf hat ein großartiges Design vorgelegt, das einen immer gerne zu Büchern von Kremayr & Scheriau greifen lässt:

    Sprachlich überzeugt das Buch auf allen Ebenen. Gelungene Dialoge, die den Text als Grundlage für ein Drehbuch erkennen lassen und bedrohliche Bilder entstehen lässt. Es ist definitiv ein Buch, das als Film funktionieren würde. Das Buch lässt böse Vorahnungen zu, kippt zwischen den Szenen so schnell, dass man sich als Leser*in verfolgt und verängstigt fühlt. Schnell lesende Personen werden in Versuchung geführt, ebenjene Szenen nochmals aufgrund der fehlenden optischen Begrenzung zu lesen. Es wäre auch als optisches Stilmittel zur Verdichtung des Romanes zu verstehen. Jessica Lind legt jedenfalls mit ihrem Debüt ein Buch vor, dass als mit Horror und Panik nicht geizt.

    [Informationen]

    Jessica Lind (2021): Mama. Kremayr & Scheriau. 192 Seiten. 20 €. ISBN: 978-3-218-01280-5

  • [Rezension]: Renate Silberer – Hotel Weitblick

    [Rezension]: Renate Silberer – Hotel Weitblick

    „Ich atme durch, stehe auf und gehe zum Fenster, öffne einen Flügel, strecke den Kopf hinaus ins Freie. Mein Blick wandert Richtung Himmel, ein Flugzeug, ein zweites, ich drehe den Kopf, wieder Flugzeuge. Der Himmel ist voll von ihnen. Eins, zwei, drei, weiterzählen macht keine Laune, ich frage mich, wie es wäre, wenn sie alle für einen Tag am Boden blieben.“

    Diese Frage stellen sich Lesende nicht nur in Bezug auf Flugzeuge, sondern eben- falls bei den Protagonist*innen, die nach und nach im Hotel Weitblick erscheinen: Vier Führungskräfte einer Werbeagentur namens Annette Stumpner, Franz Seidlinger, Helmut Kriegler und Horst Wienacher. Sie bestreiten ein Wochenende lang ein Assessmentseminar bei Dr. Marius Tankwart mit dem Ziel, noch ein Stück weiter die Karriereleiter zu besteigen. Von Selbstzweifeln geplagt, treibt der Consulter Tankwart die vier Teilnehmer*innen langsam in den Wahnsinn mit seinen berühmten Metho- den. Ein Kampf zwischen den künftigen Leadern bricht aus und eine friedliche Lösung kommt dementsprechend nicht mehr in Frage. Marius Tankwart muss Entscheidungen treffen, von denen sein Überleben abhängt, da sich der Druck der Teil- nehmenden nicht nur von außen mit Beziehungen und Statussymbolen niederschlägt, sondern vor allem von innen kommt. Im Verhalten der vier Angestellten der Werbeagentur wird schnell deutlich, wie sehr sie die Erziehungsmethoden der „Nazi- Pädagogin“ Johanna Haarer verinnerlicht haben.

    Man wird in eine unbekannte Welt gezogen, sieht den Endvierzigern bis Mittfünfzigern beim Scheitern zu. Die Sichtweise von Annette wird viel häufiger eingenommen und trotzdem wird sie von jenen nicht als potenzielle Führungskraft oder Gefahr wahrgenommen. Ein schmerzender und altbekannter Blick, den man in Gestalt einer Leser*in lieber zu vermeiden gewusst hätte, im Besonderen, wenn man dieser Generation nicht angehört. Technisch besticht der Roman aber durch eine beachtliche Klarheit, obwohl der Text zwischen fünf Ich-Perspektiven und Erzählperspektiven wechselt. Zusätzlich fungiert ein kleiner, schwarzer Hirsch als optische Zäsur.

    Hotel Weitblick liest sich als Tragödie sogenannter Leistungsträger*innen der Gesell- schaft. Es wird schnell klar, warum die gelernte Pädagogin Silberer dieses Buch geschrieben hat: Es ist ein Hinterfragen der selbsterfahrenen Erziehung und der damit verbundenen Werte. Beim Lesen stellen sich die Fragen: Will man so sein? Ein*e Leistungsträger*in, der/die auf völlige Transparenz pocht und über Leichen geht? Braucht man Vertrauen oder ist Kontrolle weitaus effizienter? Fremdscham und das Gefühl peinlich berührt zu sein, ist in diesem Buch allgegenwärtig. Schnell kommt man bei dem unpädagogisch erzählten Roman zu dem Schluss: Selbstoptimierung und Erfolg in Kombination ist gefährlich. Eine schmerzhafte Erkenntnis in einer leistungsorientierten Gesellschaft.

    [Informationen]

    Renate Silberer. Hotel Weitblick. Wien: Kremayr-Scheriau. 240 Seiten. E-Book 14,99 €, Hardcover 20 €

    Nähere Informationen: Kremayr-Scheriau.

  • [Rezension] Dieses makellose Blau.

    [Rezension] Dieses makellose Blau.

    „Nach fünf, sechs Stößen wurden ihre Gedanken leerer. Die Worte flossen aus ihr heraus, wurden zerhackt von dem Auf und Ab. Hier und da zuckten Bilder durch ihren Kopf. Eine zerbrochene Tasse, Scherben. Der Briefkasten voller Post.“

    Die 11 Kurzgeschichten in Sarah Raichs Dieses makellose Blau blicken in verschiedene Leben und Umgebungen. Eine Frau sucht ihre Katze in der Nachbarschaft und entdeckt das katzenartige Leben einer Frau in einer Garage, Mütter ergeben sich nicht ihrem Schicksal und Männer, die Autos brauchen, um mit ihrer Wut klarzukommen.

    Die Autorin stellt Frauen in diesen elf Geschichten in den Mittelpunkt, jede anders und einzigartig. Während an einer Stelle ein rührendes Begräbnis für eine Kröte gehalten werden will, erlebt man in Gin Tonic Liebeskummer nach einer Trennung schmerzlich mit, man leidet förmlich mit:

    Wenn sie wusste, warum etwas wehtat, ließ es sich aushalten. Es ließ sich packen und ordnen. Nur alles andere. Wohin nur mit all dem anderen.

    Sarah Raich erzählt in sehr genau gebauten Kurzgeschichten von Lebenswelten, in denen nichts perfekt und herrlich ist. Sie erlaubt mit den Augen der Protagonistinnen in Momente einzutauchen und stellt zum Schluss mit Erstaunen fest, dass man komplett Teil des Textes geworden ist, so wie bei der Kurzerzählung der Fund:

    „Das obere Ende des Stocks war seltsam rund und glatt. Sie zog ihn hervor und betrachtete ihn. Die Farbe war seltsam, bräunlich und nicht elfenbeinfarben, wie sie es sich vorgestellt hatte. Aber sonst bestand kein Zweifel. Marie hatte recht gehabt. Sie hielt einen Knochen in der Hand.“

    Die Skurrilitäten des Alltags bringt uns die Autorin an einer simplen Hand, die an die Mutter erinnert, genauso nahe wie der Wunsch des Menschen fliegen zu können oder ein Tier zu sein. Dieses makellose Blau ist ein Kurzgeschichten-Band, der auch Leser*innen von Romanen begeistern kann. Geschichte für Geschichte wird man in eine Situation gekippt, ohne am Ende komplett darin zu versinken. Sarah Raich schafft eine einwandfreie Balance zwischen dem Empfangen und Verabschieden der Lesenden innerhalb jedes einzelnen Textes.

    Dieses Buch ist eines, das wirken muss. Die Geschichten kostet man am besten happenweise wie ein Stück dunkle Bitter-Schokolade, das langsam auf der Zunge schmilzt. Sarah Raichs Prosadebüt ist nämlich genau das: Oft ein tiefer Einblick in die bittersüße Gedankenwelt von Frauen, manchmal ein Schlag in die Magengrube, alle schräg und so bildhaft, dass sie lange im Kopf nachtönen.

    [Informationen]

    Sarah Raich (2021): Dieses makellose Blau. Berlin: mikrotext. 117 Seiten. E-Book 7,99 €, Taschenbuch 14,99 €.

    Hier bestellbar: mikrotext.de