{"id":6780,"date":"2018-12-09T14:19:48","date_gmt":"2018-12-09T13:19:48","guid":{"rendered":"https:\/\/katkaesk.com\/?p=6780"},"modified":"2018-12-09T14:19:55","modified_gmt":"2018-12-09T13:19:55","slug":"sterbenswortchen-alexander-greiner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katkaesk.com\/index.php\/2018\/12\/09\/sterbenswortchen-alexander-greiner\/","title":{"rendered":"[Sterbensw\u00f6rtchen] Alexander Greiner."},"content":{"rendered":"\n<p><br><\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background has-very-light-gray-background-color\">Wer sind diese gro\u00dfartigen Autor\/-innen, die hie und da ein Sterbensw\u00f6rtchen verlieren?\u00a0 Mein letzter Gast f\u00fcr 2018 ist <em><a href=\"https:\/\/www.alexandergreiner.com\/\">Alexander Greiner<\/a><\/em>.\u00a0 Alex (*1980) wurde in meiner Heimat in Mostviertel geboren, lebt mittlerweile in Wien und hat eine beachtliche Karriere hingelegt &#8211; vom Softwarenentwickler zum Unternehmensberater, verschiedene Intermezzi als Barista genauso wie Executive Housekeeper in Kroatien. Nichtsdestotrotz ist Alex ein gro\u00dfartiger Schriftsteller, der demn\u00e4chst seinen Deb\u00fctroman ver\u00f6ffentlichen wird. Bekannt wurde Alex durch <em><a href=\"https:\/\/www.twentysix.de\/shop\/briefe-aus-dem-sturm-9783740746766\">Briefe aus dem Sturm<\/a><\/em> &#8211; eine Anthologie, die perfekt f\u00fcr freie Tage ist und man Sehnsucht nach mehr hat. Alex hatte mit einem schweren Schicksalsschlag zu k\u00e4mpfen &#8211; schlie\u00dflich erhielt er die Diagnose Krebs.\u00a0 Mit dem Wissen, wie schnell man in Richtung Endstation Leben fahren kann, hat er sich viele Gedanken gemacht:<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bedeutet der Tod f\u00fcr dein Schreiben?<\/strong> <br><\/h2>\n\n\n\n<p>Der Tod ist ein Tabu und Tabus sind zum Brechen da. Wenn Menschen wie ich nicht dar\u00fcber sprechen, wer tut es dann?<\/p>\n\n\n\n<p>Als ich einem Freund von meiner Krebserkrankung berichtete, sagte er: \u00bbBesch\u00e4ftige dich mit dem Tod.\u00ab Ich folgte dem Rat und lernte, dass im Leben oft das nicht Gesagte z\u00e4hlt: die unausgesprochenen Unklarheiten, die verschwiegenen Zwistigkeiten, Liebesbeweise, Entschuldigungen, Zugest\u00e4ndnisse und das Bitten um Vergebung. Wollen wir das alles mit ins Grab nehmen? Weil mir bewusst ist, dass ich sterbe, will ich all das, was mir wert ist nachzudenken, mit meinem Schreiben kl\u00e4ren und all das,was mir wert zu sagen ist, in S\u00e4tze gie\u00dfen. Da der Krebs \u00fcberstanden scheint, werde ich daf\u00fcr noch viel Zeit haben.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie politisch ist der Tod?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Warum die Politik den Tod konsequent ausblendet, ist mir schleierhaft. Wenn es sich um das Schnellfahren auf der Autobahn, die nebeldicht verqualmte Gastronomie, die Volksdroge Alkohol, h\u00e4usliche Gewalt, Altersarmut und Abschiebung dreht, schert sich die Politik einen Dreck um den Tod. Wir leben es der Obrigkeit nach, weil wir uns nicht einschr\u00e4nken wollen \u2013 schlie\u00dflich geht es um die pers\u00f6nliche Freiheit. Ist doch unser Problem, wann und wo und wieso wir uns einen Glimmst\u00e4ngel zwischen die Lippen schieben und den x-ten Schnaps in die Birne knallen. Oder nicht? Den Politiker_innen ist der Tod egal, weil sie nicht so weit blickt. Er liegt jenseits jeder Legislaturperiode und geh\u00f6rt zum Leben dazu. Ist das der Grund, warum sie ihn ignoriert? Weil er unaufhaltsam ist, wie die Politik es von sich selbst glaubt? In einem Punkt ist die Politik aber sehr wohl am Tod interessiert: wenn er sich populistisch instrumentalisieren l\u00e4sst. Anhand solch piet\u00e4tlosem Verhalten k\u00f6nnen wir erahnen, wie unaufhaltsam sich manche Politiker_innen w\u00e4hnen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Eventuell liegt es an meiner Filterblase, dass mir der Tod in den sozialen Medien \u00e4u\u00dferst selten begegnet.Wenn ich auf ihn treffe, dann in zwei F\u00e4llen: Entweder durchbricht er das allgegenw\u00e4rtige Delirium der Unterhaltungskultur, weil er eine prominente Person geholt hat oder jemand wie ich schreibt einen neuen Beitrag zu Tod und Sterben. Meistens ist es Zweiteres. Wenn eine prominente Pers\u00f6nlichkeit verstorben ist, sehe ich online Folgendes: Alle Welt ist aus dem H\u00e4uschen, wie unvorhergesehen jemand von uns gegangen ist, von der oder dem zuvor geglaubt wurde, sie oder er verweilte ewig unter uns. Schlie\u00dflich geh\u00f6rt Prominenz uns allen und wir wollen nichts verlieren. Vielleicht sind die Menschen aber nur deshalb so entsetzt, weil sie f\u00fcr einen kurzen Moment erkennen, dass sie endlich sind. Sicher verfliegt diese Klarheit, alsbald sie durch neue Katzenfotos oder Trailer ihrer Lieblingsserie abgelenkt werden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Es bleibt Zeug zur\u00fcck. Beim einen massenhaft, beim anderen weniger, wenn sie oder er schon zeitlebens auf Minimalismus setzte oder es zeitgerecht unter die Leute brachte. Das Materielle ist aber nicht das, was z\u00e4hlt. Was wirklich von Menschen bleibt, wenn sie uns verlassen haben, ist das, was sie ausgel\u00f6st und weitergegeben haben: ihre Werte, Lebenseinstellungen, F\u00e4higkeiten und ihre Liebe. Das wirkt in jenen Menschen weiter, mit denen sie zu Lebzeiten intensiv in Kontakt standen. Wir sollten weniger schaffen und mehr wirken, um ein erf\u00fclltes Leben zu haben.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img data-recalc-dims=\"1\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/katkaesk.com\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/AMG_18.01.010_Sterbenswoertchen.jpg?ssl=1\" alt=\"\" class=\"wp-image-6792\"\/><\/figure>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Wenn ich gehe, bleibt mein Geist in den Erinnerungen meiner Freund_innen und Familie. Hoffentlich behalten sie den Gedanken an einen liebevollen Menschen, der bewirkt hat, was in seiner Macht stand. Ich werde unz\u00e4hlige Notizb\u00fccher und das eine oder andere publizierte Buch zur\u00fccklassen. Diese verblassen jedoch, wenn ich nicht mehr bin.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn ich bleibe, geht alles. Alles vergeht mit der Ver\u00e4nderung. Die Unbest\u00e4ndigkeit zieht sich konstant durch unser Leben. Sie istein ewiger Prozess, ohne den es kein Leben g\u00e4be \u2013 oder es w\u00e4re bedeutungslos kurz. Mir gef\u00e4llt die Idee, dass dieser stete Wandel das ewige Leben ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welches Kunstwerk dr\u00fcckt den Tod am besten aus?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Viele verkn\u00fcpfen den Tod mit der Farbe Schwarz. Ich nicht, denn er hat eine unbeschreibliche Weite, die jenach Stimmung in tiefes Blau, zeitloses Wei\u00df oder sattes Rot getr\u00e4nkt ist. Wie die Drei-Farben-Trilogie des polnischen Regisseurs Krzysztof Kie\u015blowski aus den fr\u00fchen 1990er-Jahren. Kie\u015blowskis Filmen sind die Themen Freiheit, Gleichheit und Br\u00fcderlichkeit \u00fcbergeordnet. Das hat zwar auf den ersten Blick nichts mit dem Tod zu tun, aber wie er diese Inhalte transportierte, zeigt mir, dass Leben und Tod dicht nebeneinanderliegen. Die Filme illustrieren Trauer, Verlust, Z\u00e4sur, Wut, Hoffnung, Reue, F\u00fcrsorge und viele weitere Aspekte von Sterben und Tod in unterschiedlicher Weise. Das Werk macht Mut. Schlie\u00dflich sollten wir im Leben nicht z\u00f6gern, in schwierigen Situationen Energie zu sch\u00f6pfen und in Bewegung zubleiben. Damit wir selbstwirksam sind und Freiheit erlangen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Wie viele Tode kann man sterben?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Wenn Ver\u00e4nderung das ewige Leben ist, k\u00f6nnen wir so viele Tode sterben, wie wir wollen. Wir haben es selbst in der Hand, ein Leben, das sich nicht gut anf\u00fchlt, aufzugeben. Das ist aber keine Ermutigung zum Suizid! Wir k\u00f6nnen das Leben jederzeit im Rahmen unserer M\u00f6glichkeiten ver\u00e4ndern. Das ist eine Notwendigkeit. Alle sind aufgefordert, ihr Leben bewusst zu gestalten, statt fremdbestimmt einer Schablone nachzuleben. Dazu geh\u00f6rt, unpassende Lebensumst\u00e4nde zu beenden. Es belebt, den Tod einer solchen Lebensphase zu erfahren.<br><\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Welchen Zustand hat der Tod?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Ich glaube, der Tod ist deshalb so spannend und angsteinfl\u00f6\u00dfend, weil er fl\u00fcchtig ist. Er ist nicht fassbar \u2013 im Gegensatz zum Sterben. Den Sterbeprozess k\u00f6nnen wir mit allen Sinnen wahrnehmen. Je nachdem, wie weit wir uns darauf einlassen, erm\u00f6glicht er uns, ihn bewusst zu erleben. Der Tod ist allerdings nur ein halber Atemzug.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Inwieweit beeinflusst der Glaube\/Nichtglaube den Tod?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Der Glaube beeinflusst den Tod so weit, wie wir ihn zelebrieren. An diesem Punkt kann der Glaube unterschiedlich stark wirken und sogar maximalem Einfluss aus\u00fcben. Sterbe- und Trauerrituale und festgefahrene Traditionen beeinflussen unser aller Tod. Jeder Mensch ist angehalten, f\u00fcr sich zu \u00fcberlegen, was zu seinem Leben passt und wie mit seinem Tod umgegangen werden soll. Der Nichtglaube beeinflusst den Tod ingenau derselben Weise, denn auch er ist letztendlich ein Glaube. Unsere Religionen bieten Thesen daf\u00fcr, was beim und nach dem Tod mit uns passiert. Das ist aber nicht die Frage. F\u00fcr mich geht es darum, dass \u00bbes\u00ab weitergeht, das Leben, oder eine Form von Leben, von der wir jetzt, in unserer aktuellen menschlichen Existenz, noch keine Vorstellung haben. Oder wer kann von sich behaupten, im Mutterleib das Leben in der Erdatmosph\u00e4re vorausgeahnt zu haben? Der Tod ist nicht das Ende von allem.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><strong>Was bed\u00fcrfe einer \u00c4nderung in der Welt, bevor man geht?<\/strong><\/h2>\n\n\n\n<p>Akzeptieren wir den Tod und \u00fcberwinden wir die Angst davor. Nehmen wir ihn als das an, was er ist: Teil unseres Lebens. L\u00f6sen wir das Tabu auf und leben wir im Bewusstsein, dass unsere K\u00f6rper nicht von Dauer sind. Leben wir so, wie es Bronnie Ware in ihrem Buch \u00bb5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen\u00ab darstellt: weniger arbeiten, die eigenen Gef\u00fchle ausdr\u00fccken, Kontakt zu Freund_innen halten, mehr Mut haben und gl\u00fccklicher sein. Mag sein, dass das die L\u00f6sung vieler Konflikte auf der Erde w\u00e4re und f\u00fcr der hin das Menschenheil.<\/p>\n\n\n\n<p>Alex kann man hier auch folgen bzw. seine B\u00fccher bestellen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"has-background has-very-light-gray-background-color\"><a href=\"https:\/\/www.alexandergreiner.com\/\">Blog<\/a> \u00a0 \u25ca\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/twitter.com\/fdq\">Twitter\u00a0\u00a0 <\/a>\u25ca\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/www.twentysix.de\/shop\/briefe-aus-dem-sturm-9783740746766\">Twenty-Six<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sind diese gro\u00dfartigen Autor\/-innen, die hie und da ein Sterbensw\u00f6rtchen verlieren?\u00a0 Mein letzter Gast f\u00fcr 2018 ist Alexander Greiner.\u00a0 Alex (*1980) wurde in meiner Heimat in Mostviertel geboren, lebt mittlerweile in Wien und hat eine beachtliche Karriere hingelegt &#8211; vom Softwarenentwickler zum Unternehmensberater, verschiedene Intermezzi als Barista genauso wie Executive Housekeeper in Kroatien. 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