{"id":6757,"date":"2018-11-24T15:33:53","date_gmt":"2018-11-24T14:33:53","guid":{"rendered":"https:\/\/katkaesk.com\/?p=6757"},"modified":"2021-01-04T18:24:12","modified_gmt":"2021-01-04T17:24:12","slug":"sterbenswoertchen-raoul-eisele","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katkaesk.com\/index.php\/2018\/11\/24\/sterbenswoertchen-raoul-eisele\/","title":{"rendered":"[Sterbensw\u00f6rtchen] Raoul Eisele."},"content":{"rendered":"<p>Wer sind diese gro\u00dfartigen Autor\/-innen, die hie und da ein Sterbensw\u00f6rtchen verlieren? Mein Gast ist diesmal Raoul Eisele, Jahrgang 1991, der seit vielen Jahren eine junge Generation in \u00d6sterreich mit seiner fantastischen Lyrik begeistert. Raoul hat in vergleichende Literaturwissenschaften und deutsche Philogie in Wien studiert und erobert gegenw\u00e4rtig die Theaterb\u00fchnen von Berlin. Ganz besonders erw\u00e4hnenswert ist seine Karriere als Lyriker in diversenen Literaturzeitschriften und -magazinen. So hat es Raoul schon in das DUM, etcetera, Tri\u00ebdere, silbende_kunst und ins ]trash[pool geschafft. In der Edition Yara hat Raoul letztes Jahr sein Debut mit dem Lyrikband &#8222;morgen gl\u00e4tten wir tr\u00e4ume&#8220; hingelegt. Raoul ist umg\u00e4nglich und gro\u00dfartig und ist mit dem folgenden Interview Teil der Reihe [Sterbensw\u00f6rtchen]:<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Was bedeutet der Tod f\u00fcr dein Schreiben?<\/strong><\/p>\n<p>In einer Stadt wie Wien, ist der Tod ein ewiger Begleiter. Ebenso wie mich die Liebe begleitet. Beide bedingen die Literatur und beide bedingen auch meine Literatur \u2013 ohne jene gef\u00fchlsausbrechenden Handlungen, die mit der Liebe als auch dem Tod einhergehen, w\u00e4re vieles leer geblieben. Ich denke daher, dass der Tod f\u00fcr mich genauso Flamme sein kann, wie es die Liebe ist, und tritt daher in meinem Schreiben oftmals deutlich auf.<\/p>\n<p><strong>Wie politisch ist der Tod?<\/strong><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-6762\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/katkaesk.com\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/image.jpg?resize=401%2C567&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"401\" height=\"567\" \/><\/p>\n<p>Der Tod ist in seinen Grundz\u00fcgen unpolitisch, doch wird er immer wieder f\u00fcr diese missbraucht. Horv\u00e1th schreibt, beispielsweise \u00fcber den Zusammenhang zwischen Kirche und dem Staat, die sich gegenseitig bedingen. In unserer Gesellschaft sind des Weiteren der Tod und die Kirche bis heute verschmolzen. Daher kann sich der Tod nicht unpolitisch zeigen bzw. von der Religion abgrenzen. Der Tod an sich w\u00e4re aber ohne den Menschen als Begrifflichkeit blo\u00dfes Gegengewicht zum Leben, doch durch ihn ist der Tod zu etwas religi\u00f6s Politischem gemacht worden und wird es auch weiterhin bleiben.<\/p>\n<p><strong>Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?<\/strong><\/p>\n<p>Das Thema Tod wird in den sozialen Netzwerken immer wieder aufgegriffen, sei es um sich mitzuteilen und einen geliebten Menschen \u00f6ffentlich zu betrauern oder sei es blo\u00dfe Inszenierungsfreude. Trotz allem bleibt der Tod, der in den sozialen Medien gezeigt wird, oftmals nur ein Ausschnitt, eine Miniatur der gesamten Geschichte, die hinter der Trauer steckt und somit zumeist nur ein Aufmerksamkeitshaschen nach Trauersmileys und oberfl\u00e4chlich nett gemeinten Worten. Meiner Meinung nach kann und sollte Trauer nur im Stillen passieren, im engen Kreis, jener geliebten Menschen, die einem \u00fcber die Trauer wirklich hinweghelfen k\u00f6nnen. Daher sollte diese nicht an die \u00d6ffentlichkeit getragen werden.<\/p>\n<p>Ein Verschweigen der Todesthematik sollte aber auch nicht passieren. So ich bereits gesagt habe, dass man nicht davon loskommt, den Tod auch politisch (als politisches Mittel) anzusehen, ist es notwendig \u00fcber gewisse Themen journalistisch\/geschichtlich\/literarisch korrekt zu berichten und auf m\u00f6gliche Widrigkeiten aufmerksam zu machen, die den Tod miteinschlie\u00dfen. Diese Berichterstattung erfolgt mittlerweile eben auch oft \u00fcber soziale Medien und ist f\u00fcr mich dann wiederum in Ordnung. Denn ein Vergessen bzw. ein Ausschlie\u00dfen dieses Themas kann oftmals schwerwiegende Folgen nach sich ziehen.<\/p>\n<p><strong>Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind? <\/strong><br \/>\n<strong>Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?<\/strong><\/p>\n<p>Dass mich gerade jetzt das Thema Tod so einnimmt, wo ich gerade 27 geworden bin und das n\u00e4chste St\u00fcck, welches ich in Berlin am Theater mitbetreue, sich mit der Trauerarbeit auseinandersetzt, wirkt fast schon etwas be\u00e4ngstigend und ironisch zu gleich.<\/p>\n<p>Wenn ich glauben sollte, dass meine Schreibt\u00e4tigkeit etwas hinterl\u00e4sst, dann w\u00fcrde ich mich naiv nennen, da nur Weniges \u00fcber ein Leben hinaus bestehen bleibt (nicht immer qualitativ begr\u00fcndbar). Schreiben hinterl\u00e4sst zwar etwas Erdachtes von einem Menschen, h\u00e4lt es auf Papier fest, aber gleichzeitig bleiben es blo\u00df Worte auf Papier, die nach einer gewissen Zeit vergilben und irgendwann gar nicht mehr sind. Ich denke daher, dass nichts bleibt, wenn ich gehe, ebenso wenig bleibt auf Dauer gesehen von jemandem etwas \u00fcbrig, wenn andere gehen und ich zur\u00fcckbleibe. Zwar habe ich Erinnerungen \u2013 doch der Verstand ist wie das beschriebene Papier, auch das altert und hinterl\u00e4sst schlussendlich nur Leerstellen. <em>\u201eBlo\u00df die Zeit rauscht unter dem Br\u00fcckenbogen\u201c<\/em><a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a> unbek\u00fcmmert weiter.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Musik, Bild) dr\u00fcckt den Tod am besten aus?<\/strong><\/p>\n<p>Ein einzelnes Kunstwerk zu benennen, das den Tod am \u201ebesten\u201c ausdr\u00fcckt, k\u00e4me mir falsch vor. Ich denke, es w\u00fcrde vieles ausklammern, das ebenso genannt werden muss. <em>\u201eImmer wenn ich leben will\u201c<\/em> von Halina Po\u015bwiatowska z\u00e4hlt f\u00fcr mich in der Literatur zu den ganz wichtigen Werken \u00fcber den Tod und die Liebe. Unbedingt zu nennen ist f\u00fcr mich auch <em>\u201eMohn und Ged\u00e4chtnis\u201c<\/em> von Paul Celan. Auch die Texte Martin Peichls z.B. <em>\u201e1000 Tode\u201c<\/em> oder <em>\u201eEinen Wald geerbt\u201c<\/em> haben mich stark ber\u00fchrt. Doch nicht nur die Literatur setzt sich mit dem Tod auseinander. Richard Wagners Oper <em>\u201eTristan und Isolde\u201c<\/em> findet f\u00fcr mich jenen Ausdruck, der im Tod eine unglaubliche Sch\u00f6nheit mitschwingen l\u00e4sst. Auch Aktionsk\u00fcnstler wie G\u00fcnter Brus, Rudolf Schwarzkogler und Hermann Nitsch schaffen eine \u00c4sthetik des Todes. Frida Kahlos Gem\u00e4lde <em>\u201eDer verletzte Hirsch\u201c<\/em> oder <em>\u201eOhne Hoffnung\u201c<\/em> m\u00fcssen hier unbedingt auch noch genannt werden. Und seit gestern packten mich auch wieder die <em>\u201edunkelgrauen Lieder\u201c<\/em> von Ludwig Hirsch. Doch alle Genres der Kunst gehen mit dem Thema Tod auf ihrer Weise um und bringen Meisterwerke hervor, wo mir hier die Seiten fehlen, um sie alle aufzuz\u00e4hlen.<\/p>\n<p><strong>Wie viele Tode kann man sterben?<\/strong><\/p>\n<p>Da bin ich pragmatisch; ich denke, sobald man stirbt, wars das. Daher nur einen, auch wenn gewisse peinliche Begebenheiten einen sprichw\u00f6rtlich schon mehrere Male 1000 Tode sterben lie\u00df.<\/p>\n<p><strong>Welchen Zustand hat der Tod?<\/strong><\/p>\n<p>Wenn der Tod einen Zustand h\u00e4tte, so w\u00fcrden wir uns nicht davor f\u00fcrchten in diesen zu gehen. Ich denke, man kann ihn nicht bestimmen und doch w\u00fcrde diese Zustandslosigkeit wohl eine Leerestelle sein, ein Zustand des Nichts, welchen wir ebenso auf Erden zur\u00fccklassen, sobald wir ihn betreten.<\/p>\n<p><strong>Inwieweit beeinflusst der Glaube\/Nichtglaube den Tod?<\/strong><\/p>\n<p>Der Tod wird wie schon bei der Frage nach der Politik auch von der Religion vereinnahmt und stellt einen Ausweg dar, f\u00fcr all jene, die sich mit dem Tod nicht auseinandersetzen wollen. Die Hoffnung an ein n\u00e4chstes Leben oder den Einzug in Paradies wirkt nat\u00fcrlich verlockend; vermutlich aber auch im Nichtglauben steckt eine solche Hoffnung. Denn somit muss man sich nicht verantworten, f\u00fcr alles, was man auf der Welt getan hat und wie man diese hinterl\u00e4sst. Ich selbst bin kein gl\u00e4ubiger Mensch und denke auch nicht, dass mich ein Paradies oder ein Nirvana erwartet, sollte ich nicht mehr sein, trotzdem nimmt der Tod Einfluss auf ein jedes Leben (auch bei mir), egal ob es nun von einem Glauben oder Nichtglauben mitgepr\u00e4gt ist, ganz wird man sich dem nie entziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Was bed\u00fcrfe einer \u00c4nderung in der Welt bevor man geht?<\/strong><\/p>\n<p>Momentan haben wir nicht nur politisch viel aufzuarbeiten, sondern auch \u00f6kologisch\/\u00f6konomisch. Vieles in der Welt hat momentan eine Schieflage bekommen und sollte ge\u00e4ndert werden, auch wenn es mit Einschr\u00e4nkungen verbunden ist (auch ich sollte mir dabei den Spiegel \u00f6fters vorhalten).<\/p>\n<p>Wichtig wird sein, die Welt so zur\u00fcckl\u00e4sst, dass ein Weiterleben garantiert ist.<\/p>\n<p>&#8212;<\/p>\n<h6><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Nach G\u00fcnter Eichs Gedicht \u201eEnde eines Sommers\u201c<\/h6>\n<p>Raoul kann man hier auch folgen bzw. sein Buch bestellen:<\/p>\n<p>Instagram\u00a0\u00a0 \u25ca\u00a0\u00a0 <a href=\"https:\/\/facebook.com\/AndreasDutterAutor\">Facebook<\/a>\u00a0 \u00a0\u00a0 \u25ca\u00a0\u00a0\u00a0 <a href=\"http:\/\/www.edition-yara.at\/index.php\/neuerscheinungen\">Edition Yara<\/a><\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\" wp-image-6759 aligncenter\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/katkaesk.com\/wp-content\/uploads\/2018\/11\/12116008_1158556714158454_2544811528875170049_n.jpg?resize=783%2C518&#038;ssl=1\" alt=\"\" width=\"783\" height=\"518\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sind diese gro\u00dfartigen Autor\/-innen, die hie und da ein Sterbensw\u00f6rtchen verlieren? Mein Gast ist diesmal Raoul Eisele, Jahrgang 1991, der seit vielen Jahren eine junge Generation in \u00d6sterreich mit seiner fantastischen Lyrik begeistert. Raoul hat in vergleichende Literaturwissenschaften und deutsche Philogie in Wien studiert und erobert gegenw\u00e4rtig die Theaterb\u00fchnen von Berlin. 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