{"id":6103,"date":"2017-09-10T11:34:49","date_gmt":"2017-09-10T09:34:49","guid":{"rendered":"https:\/\/katkaesk.com\/?p=6103"},"modified":"2018-01-22T11:20:42","modified_gmt":"2018-01-22T10:20:42","slug":"sterbenswoertchen-markus-grundtner","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katkaesk.com\/index.php\/2017\/09\/10\/sterbenswoertchen-markus-grundtner\/","title":{"rendered":"[Sterbensw\u00f6rtchen] Markus Grundtner."},"content":{"rendered":"<p>Wer sind die tollen Autor\/-innen, die ein an und wann \u00a0Sterbensw\u00f6rtchen verlieren? Ein weiterer gro\u00dfartiger Autor ist Markus Grundtner. Autor im Werden, Anwalt im Sein und Journalist im Ruhestand &#8211; so charakterisiert Markus sich selbst. Markus schreibt viel und gut, laut und leise &#8211; ver\u00f6ffentlichte bereits in mehreren Literaturzeitschriften (DUM, Radieschen, Mosaik, etc.) und mittlerweile ist Markus auch auf CD zu h\u00f6ren, wie dies bei Stereofeder zu vernehmen ist. Dieses Jahr hat Markus den <a href=\"http:\/\/www.werkstattpreis.at\/index.php\">Publikumspreis des Wiener Werkst\u00e4ttenpreises<\/a> f\u00fcr Literatur gewonnen. Markus war so furchtbar nett und beantwortete mir meine Fragen zum Thema Tod und Sterben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><b>Was bedeutet Tod f\u00fcr dein Schreiben?<\/b><\/p>\n<p>Wie im richtigen Leben ist der Tod hier immer anwesend, auch wenn nicht \u00fcber ihn gesprochen wird.<\/p>\n<p>Ein kleines Beispiel aus der Angestelltenwelt, in der meine Texte aktuell oft angesiedelt sind: Man h\u00e4nge einfach ein \u201eo\u201c an das Wort Tod, setze einen Abstand in die Mitte, schon wird aus dem \u201eTod\u201c das \u201eTo Do\u201c \u2013 all das, was noch zu erledigen ist, all das, was Punkt f\u00fcr Punkt abgehakt werden muss, bevor die Deadline schlagend wird.<\/p>\n<p>Erlebnism\u00e4\u00dfig hat der Tod also, weil er nicht einmal ausdr\u00fccklich genannt werden muss, ein immenses Gewicht. Meine Charaktere versuchen, ihn mit ihrem Dasein aufzuwiegen. Sie wollen das zustande bringen, was gemeinhin als gutes Leben gilt. Dabei stellen sie sich mehr oder weniger geschickt an. Doch immer schalte ich mich als Autor mit der \u00dcberlegung dazwischen, ob die Vorstellungen davon, was ein gutes (anders gesagt: wertvolles) Leben ist, nicht hinterfragt werden sollten.<\/p>\n<p><b>Wie politisch ist der Tod?<\/b><\/p>\n<p>Mit dem Tod l\u00e4sst sich ein ganzes politisches Programm gestalten. Hinter den g\u00e4ngigen Versprechungen, die Kriminalit\u00e4t einzud\u00e4mmen, den Terrorismus zu bek\u00e4mpfen, vor Naturkatastrophen zu sch\u00fctzen und das Gesundheitssystem zu perfektionieren, steht nichts anderes als eine Instrumentalisierung der Angst.<\/p>\n<p>Aber auch Politiker f\u00fcrchten sich vor dem Tod, weil ihn die Menschen selbst w\u00e4hlen k\u00f6nnen. Deshalb zeigt sich ein anderes politisches Moment in der laufenden Diskussion, ob und inwieweit sich Menschen zur allgemeinen Verf\u00fcgung halten m\u00fcssen und nicht \u00fcber ihr eigenes Ableben entscheiden d\u00fcrfen. Es geht hier um das letzte St\u00fcck Freiheit, das sich schwerlich regeln und sanktionieren l\u00e4sst. Man denke da etwa an die paradoxen, aber rechtsgeschichtlich belegten F\u00e4lle einer Todesstrafe f\u00fcr Selbstmordversuch.<br \/>\n<b>Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?<\/b><\/p>\n<p>Als Reigen der Anteilnahme. Aus verschiedenen Lebenswelten landen Todesnachrichten in der eigenen Timeline. Es bleibt wenig Zeit, sich damit auseinanderzusetzen. Je nach Ungl\u00fccksfall folgt als Reaktion eine Solidarit\u00e4tsbekundung durch ein Posting (\u201eMein Beileid.\u201c) oder ein immer wieder neu adaptiertes Bild (\u201eJe suis [\u2026]\u201c).<\/p>\n<p>Ich halte dies alles f\u00fcr eine Form der Trauerarbeit, die sich aus den Bedingungen der sozialen Medien ergeben hat \u2013 viele Nachrichten, gro\u00dfe Distanzen und reduzierte Aufmerksamkeitsspanne. Es zeigt, dass Trauer eine reinigende Funktion f\u00fcr denjenigen hat, der nicht unmittelbar Betroffener ist. Denn oft erreichen die Statusmeldungen die Hinterbliebenen gar nicht.<\/p>\n<p>Wird die Trauer aber pers\u00f6nlicher und differenzierter \u2013 wenn man unmittelbar oder mittelbar betroffen ist \u2013, schaffen soziale Medien neue Kan\u00e4le und Vernetzungsm\u00f6glichkeiten. Gleichzeitig erinnern uns soziale Medien, welche Kraft ein handgeschriebener Brief oder eine echte Umarmung immer noch hat und auch immer haben wird.<\/p>\n<p><b>Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?<\/b><\/p>\n<p>Die Erinnerungen, die andere Menschen von ihnen haben, und die wiederum an andere weitergegeben werden. Es bleiben aber auch die Einfl\u00fcsse, die ein Mensch auf andere unmittelbar oder mittelbar hatte. Einfl\u00fcsse, die sich ausgewirkt haben und damit fortwirken. Sobald diese Kette der Weitertradierung abrei\u00dft, bleibt an dieser Front wohl gar nichts \u00fcbrig.<\/p>\n<p>Dann gibt es aber noch die handfesten Spuren, die ein Mensch hinterlassen hat, angefangen bei Gegenst\u00e4nden, die er mit eigenen H\u00e4nden geschaffen hat \u2013 eine Zeichnung oder eine Skulptur \u2013 oder auch geschrieben hat \u2013 ein Buch bzw. andere Texte wie Briefe (ja, die gibt es, wie schon erw\u00e4hnt, noch). Vergessen darf man auch nicht die Eintragungen \u00fcber eine Person in amtlichen Archiven, die oft einfach nur darauf beruhen, dass jemand existiert hat und an einem bestimmten Ort anwesend war.<\/p>\n<p>Zur\u00fcck bleiben also die Dinge, die ein Mensch auf die eine oder andere Weise durch seine Pr\u00e4senz geschaffen hat. Die andere Frage, die sich mir stellt, ist aber, ob das, was ein Mensch macht, auch einen Menschen aus ihm macht.<\/p>\n<p><b>Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?<\/b><\/p>\n<p>Wenn ich gehe, bleiben hoffentlich die Geschichten, die \u00fcber mich erz\u00e4hlt werden, und die Geschichten, die ich erz\u00e4hlt habe.<\/p>\n<p>Solange ich da bin, arbeite ich jedenfalls an Nachschub. Dabei vergeht meine Zeit. Es vergehen aber auch meine Tr\u00e4ume und Ideen, entweder indem ich sie erf\u00fclle bzw. umsetze oder indem ich sie ungenutzt liegen lasse.<\/p>\n<p><b>Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild) dr\u00fcckt den Tod am besten aus?<\/b><\/p>\n<p>Am Ende des Films \u201eThe Man Who Wasn\u2019t There\u201c der Coen-Br\u00fcder sinniert der Protagonist zuerst \u00fcber das Jenseits \u2013 wo der Mensch nach dem Tod hinkommt und was ihn dort erwartet \u2013, dann denkt er an seine Frau, und sagt dabei:<\/p>\n<p>\u201e<span lang=\"en-US\"><i>I don&#8217;t know where I&#8217;m being taken. I don&#8217;t know what I&#8217;ll find, beyond the earth and sky. But I&#8217;m not afraid to go. Maybe the things I don&#8217;t understand will be clearer there, like when a fog blows away. Maybe Doris will be there. And maybe there I can tell her all those things they don&#8217;t have words for here.\u201d <\/i><\/span><\/p>\n<p>Und dieser letzte Satz fasst meines Erachtens den Tod und all unser vergebliches Bem\u00fchen \u2013 insbesondere jenes der Schriftsteller \u2013 am besten zusammen. Der Tod geht \u00fcber uns hinaus, weil er schon \u00fcber unsere F\u00e4higkeit, ihn zu erfassen, hinausreicht.<\/p>\n<p><b>Wie viele Tode kann man sterben?<\/b><\/p>\n<p>\u00dcber den Beat-Poeten Neal Cassidy gibt es einen Film, dessen Titel die Frage am besten beantwortet, n\u00e4mlich: \u201eThe Last Time I Committed Suicide\u201c. Man kann unendlich viele Tode sterben. Geht eine Beziehung zu Ende, h\u00f6rt die gemeinsame Zukunft zweier Menschen auf zu existieren. Aber das gilt auch im Kleinen: Wenn ich mich entscheide, ein Buch nicht fertig zu lesen, gibt es den Menschen nicht mehr, der weitergelesen und die ganze Geschichte erfahren h\u00e4tte.<\/p>\n<p>Ich kann einen dieser Tode aus eigener Entscheidung sterben, es kann aber \u2013 wie bei einem Unfall \u2013 auch einen Tod aufgrund \u00e4u\u00dferer Umst\u00e4nde geben. In meiner Vorstellung gibt es unendlich viele M\u00f6glichkeiten, um zu leben, und wenn wir auf einem bestimmten Pfad landen, verschwinden manch andere Optionen, weil sich oft keine zweite Chance auftut, diese Wege doch noch zu gehen.<\/p>\n<p><b>Welchen Zustand hat der Tod?<\/b><\/p>\n<p>Stillstand und Leere. Jemand, der einmal betriebsam und rastlos war, r\u00fchrt sich nicht mehr. Die H\u00fclle ist noch da, aber das Wesentliche nicht. Als Kind hatte ich die verquere (und im Nachhinein betrachtet be\u00e4ngstigende) Vorstellung, dass mit dem Ableben nur der K\u00f6rper aufh\u00f6rt zu funktionieren, der Geist aber im Leib weiterexistiert. Der Tod war nach dieser kindlichen Idee also ein Zustand des Gefangenseins. W\u00e4re es tats\u00e4chlich so, k\u00f6nnte man diesen Umstand nur damit ausgleichen, den Leichnam irgendwo zu platzieren \u2013 beispielsweise, um einen malerischen Ausblick aufs Meer zu haben, oder ihn in einen Kinosessel zu setzen \u2013, damit der Geist wenigstens etwas zu sehen bekommt und nicht in einem Loch unter der Erde verk\u00fcmmert. Klarerweise w\u00fcrde das aber dazu f\u00fchren, dass man bald \u00fcberall auf der Welt \u00fcber Tote stolpert.<\/p>\n<p><b>Inwieweit beeinflusst der Glaube\/Nichtglaube den Tod?<\/b><\/p>\n<p>Obwohl es eine tr\u00f6stliche Vorstellung sein mag, dass nach dem Tod noch etwas folgt, das ich bewusst wahrnehmen kann, denke ich eher, dass der Tod das gro\u00dfe Nichts sein wird. Ich glaube also nicht an eine Existenz nach dem Tod, ich lasse mich aber gerne \u00fcberraschen.<\/p>\n<p><b>Was bed\u00fcrfe einer \u00c4nderung in der Welt bevor man geht?<\/b><\/p>\n<p>Dass die Wiederholung der Weltgeschichte durchbrochen wird. Schon langsam sollte sich ein Grundkonsens historischer Fehler herausgebildet haben. Das zu erreichen \u2013 wenn auch f\u00fcr den Anfang nur im Kleinen \u2013 w\u00e4re auch etwas, wodurch ein Mensch bleiben k\u00f6nnte. Wenn meine Kinder die gleichen Fehler machen wie ich, kann schwerlich gesagt werden, dass in dieser Hinsicht etwas von mir geblieben ist.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr das Interview.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Markus bei <a href=\"https:\/\/twitter.com\/markusgrundtner?lang=de\">Twitter.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer sind die tollen Autor\/-innen, die ein an und wann \u00a0Sterbensw\u00f6rtchen verlieren? Ein weiterer gro\u00dfartiger Autor ist Markus Grundtner. Autor im Werden, Anwalt im Sein und Journalist im Ruhestand &#8211; so charakterisiert Markus sich selbst. 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