{"id":6059,"date":"2017-08-25T15:43:47","date_gmt":"2017-08-25T14:43:47","guid":{"rendered":"https:\/\/katkaesk.com\/?p=6059"},"modified":"2021-01-04T18:23:01","modified_gmt":"2021-01-04T17:23:01","slug":"hundertsechsundzwanzig-stunden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katkaesk.com\/index.php\/2017\/08\/25\/hundertsechsundzwanzig-stunden\/","title":{"rendered":"Hundertsechsundzwanzig Stunden."},"content":{"rendered":"<p class=\"western\">Wenn du weg bist, sieht alles verwaschen aus. Die Wohnung, in der wir leben, der Himmel, wie ein Himmel von Manet, wie rote Frauen von Garache. Da ist diese, deine braune Tasche auf dem Bett, ein Teller voller Kr\u00fcmel, deine Schuhe. Da ist dein Durst letzter Nacht noch sichtbar, eine ausgetrunkene Wasserflasche, wom\u00f6glich eine zweite unter dem Bett. Da ist das Fenster, das von letzter Nacht erz\u00e4hlt, als man betrunkene Jugendliche vorbeilaufen h\u00f6rte und um vier Uhr morgens die M\u00fcllabfuhr. Da ist irgendwo \u00fcber, unter, neben dir Musik aus den Neunzigern, die jeder kennt und niemand mehr h\u00f6rt. Halbschlaf, tiefer Schlaf, Viertelschlaf, auf der einen und der anderen Seiten, ein guter Gedanke, Albtraum, Sehnsucht nach Morgen. Es ist leer, wenn du gehst, und doch so voll, wenn du kommst. Zahnb\u00fcrste, Seife, Zahnb\u00fcrste, rotes Handtuch, irgendwo ein blaues, L\u00f6ffel, Tisch, T\u00fcte, Bett. Das Wetter meint es gut mit dir, und doch ist immer wieder Weltuntergang, wenn du gehst. Heute ist das Wetter blau, rot und lila, und manchmal ein bisschen wei\u00df, von den Wolken, die mehr gesehen haben, als ich an manchen Tagen. \u00dcberall nichts, \u00fcberall Welt, hier ein Universum und da ein Planet. Planetenbahn, Autobahn, Bahnhaltestelle.<\/p>\n<p class=\"western\">Du magst Bahnhaltestellen, aber nur wenn sie \u00e4sthetisch sind. Alt und \u00e4sthetisch oder neu und \u00e4sthetisch, es spielt keine Rolle. \u00c4sthetisch und echt. Aber das Echte l\u00e4sst sich so schlecht finden, sagst du immer. Eingepfercht in einem Lebensgef\u00fchl, das so gar nicht passt. Wir sehen so \u00e4sthetisch aus, wenn wir in den Park gehen, auf den Kinderspielplatz, Schaukel an Schaukel mit Bier, keine Kinder, viele Kinder, wir sind Kinder. Hast du dich gefragt, was ich mich gefragt hab. Hast du was gesagt, und ja und ja und nein und nein und hundertmal ein Brummen und Okay.<\/p>\n<p class=\"western\">Heute ist Postkartenwetter, eine Stadt, dahinter ein Feld. Bist du schon lange wach und ein Mhm. Deine Stimme zerl\u00e4uft, sie ist anders als sonst, tiefer, sonorer, wie ein Haselnusskaffee aus dem Automaten. Ein Schulterzucken auf deine Frage, ein Blick in deine Richtung, ein Alles und ein Nichts, es bleibt beim Nichts. Ob sich heute schon wer gemeldet hat, zwei Anrufe, drei Nachrichten, auf deinem Telefon wei\u00df ich nicht, schau selbst. Da ein Anruf, da eine Nachricht, verschlafene Augen, verwaschener Mund, ein Mundwinkel zieht sich schwach nach oben, der andere noch neutral, er entscheidet noch, was f\u00fcr ein Tag heute wird.<\/p>\n<p class=\"western\">Heute ist Markt, ich gehe alleine, du schl\u00e4fst. Lachsfarbene H\u00e4user, gelbe H\u00e4user, kaputte Fassaden, Fassade, H\u00fclle, Oberfl\u00e4che, Maske, mein Gesicht. Sonnenschein, verhalten, eine Sommersprosse, dann die n\u00e4chste Sommersprosse, Fischmarkt, mehr Muscheln als Fische. Zuviel Geruch f\u00fcr den Morgen, da eine B\u00e4ckerei, Post, eierschalenfarbene Fassaden, kein Kaffee, du schl\u00e4fst.<\/p>\n<p class=\"western\">126 Stunden bis alles wieder anders ist. Heute lachst du viel, du lachst heute so als w\u00e4rst du der Herbst. Herbst ist meine Lieblingsjahreszeit. Es ist nun dein Lachen. Du bist sch\u00f6n anzusehen, wenn du lachst, in dein Telefon hinein, eine Welt, du bist mit Kopfh\u00f6rern verbunden. Manchmal bist du eine eigene Welt, umgedreht zur Wand, zwischen Buch und Musik oder Fernsehen. In 119 Stunden wirst du schlafen gehen, von einer Welt tr\u00e4umen, die du zuvor im Kino gesehen hast. Schnelle Welt, gute Welt.<\/p>\n<p class=\"western\">Ob 126 Stunden genug sind, habe ich mich fragen h\u00f6ren, in den Innenhof hinein. Ob du dann bei mir bleibst, trotz allem, habe ich mich schweigen h\u00f6ren. Innenhof, rote H\u00e4ngematte, zwei Kammern, frische W\u00e4sche, schlechte Musik \u00fcber den anderen Innenhof, st\u00f6hnende Frau von Osten, Schatten, Holzbank, Fragen.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich habe dir nie erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, wie das ist, wenn du gehst. Da ist dein Ladekabel, und es ist das, woran ich mich klammere. Dass du da bleibst, weil dein Ladekabel da ist und deine B\u00fccher und du gehst nicht ohne deine B\u00fccher. Der Raum riecht nach dir, er riecht nach deinen Hoffnungen, deinen ungesagten Gef\u00fchlsregungen. Ich will dir etwas hinterlassen. Etwas, dass du hast, wenn ich gehe. Ein Foto. Auf deiner Kamera. Ich fotografiere mich. Im Spiegel. Ernst. Angestrengt. Du sagst ich schaue angestrengt, ich sage, du siehst m\u00fcde aus. Wir sind m\u00fcde und angestrengt. M\u00fcde des Lebens, angestrengt vom gegenseitigem Abl\u00f6sen. Du fehlst.<\/p>\n<p class=\"western\">Ich bin zur\u00fcck und das Wetter ist anderswo pr\u00e4chtig habe ich dich sagen h\u00f6ren. Ich bin noch da will ich mich sagen h\u00f6ren. Dem Drang widerstehen, wegzulaufen, wir besteigen Berge. Im Garten hier ist es sch\u00f6n, sagst du mir und du willst auch ein Haus mit Garten und malen und existieren. Ich will auch ein Haus mit Garten, aber lieber eine Altbauwohnung mit Balkon, wir verlaufen kontr\u00e4r.<\/p>\n<p class=\"western\">Bist du noch wach, bist du noch da, schweige ich dir im Schlaf entgegen. Im Mondlicht das angekettete Fahrrad bewundern, die ganze Woche stand es da. Du hast es auch bemerkt. Ich liege alleine, du bist nicht da, du bist nicht wach. Du bist fern, weiter als sonst. Ich h\u00f6re dich reden und tr\u00e4umen, die Welt dort ist soviel sch\u00f6ner als hier. Ich werde dir nicht fehlen.<\/p>\n<p>Bildnachweis.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn du weg bist, sieht alles verwaschen aus. Die Wohnung, in der wir leben, der Himmel, wie ein Himmel von Manet, wie rote Frauen von Garache. Da ist diese, deine braune Tasche auf dem Bett, ein Teller voller Kr\u00fcmel, deine Schuhe. 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