{"id":5604,"date":"2016-09-28T16:16:05","date_gmt":"2016-09-28T14:16:05","guid":{"rendered":"https:\/\/katkaesk.com\/?p=5604"},"modified":"2017-04-03T16:27:47","modified_gmt":"2017-04-03T14:27:47","slug":"projekt-sterbenswoertchen-sarah-riedeberger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katkaesk.com\/index.php\/2016\/09\/28\/projekt-sterbenswoertchen-sarah-riedeberger\/","title":{"rendered":"Projekt [Sterbensw\u00f6rtchen]: Sarah Riedeberger"},"content":{"rendered":"<p>Das <strong>Projekt [Sterbensw\u00f6rtchen]<\/strong> l\u00e4dt jeweils einen Autor\/eine Autorin ein, Fragen \u00fcber den Tod und \u00fcber das Leben zu beantworten. Die Autorin Sarah Riedeberger macht den Anfang. Sarah besch\u00e4ftigt sich seit Jahren mit dem Tod und ist eine Expertin zu diesem Thema. Auf ihrer Seite <a href=\"https:\/\/wirsindnochhier.wordpress.com\/\" target=\"_blank\">&#8222;Wir sind noch immer hier&#8220;<\/a> schreibt Sarah sehr viel zum Sterben und Abschied nehmen.&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Hier gehts zum Interview!<\/strong><\/p>\n<p><strong>Was bedeutet Tod f\u00fcr dein Schreiben?<\/strong><\/p>\n<p>Alles. Fr\u00fcher war eine Art \u201eTodessehnsucht\u201c ausschlaggebend. Heute ist meine Auseinandersetzung mit dem Tod schon eher verwandt mit einer Lebenssehnsucht. Und nicht grundlos sind die S\u00e4tze \u201eIch schreibe dir den Tod zu F\u00fc\u00dfen\u201c und \u201eDer Tod spielt hier die Muse\u201c, seit einer langen Zeit meine Begleiter. Im letzten Jahr hat mich der Tod durchweg beim Schreiben beeinflusst, deswegen habe ich irgendwann angefangen, haupts\u00e4chliche dar\u00fcber zu schreiben. Aber auch bei Texten, die scheinbar nichts mit dem Tod zu tun haben, war und ist der Imperator nicht weniger der Tod, bzw. meine eigene L\u00f6chrigkeit nach einem Verlust.<\/p>\n<p><strong>Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?<\/strong><\/p>\n<p>Der wirkt seit einer Weile ganz sch\u00f6n arg, geht viral, ist ehrlich, wahr und manchmal leider auch katastrophal. Aber die Frage ist ja, inwieweit man den Tod, der in sozialen Medien\/Netzwerken pr\u00e4sent ist, zu dem z\u00e4hlen kann, was einen wirklich ber\u00fchrt oder beeinflusst. Denn obschon der Tod f\u00fcr mich sicherlich keine Belanglosigkeit ist \u2013 im Gegenteil &#8211; bin ich relativ abgekl\u00e4rt, wenn es um den Tod einer prominenten Person geht. Manchmal habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen, aber im Grunde kann ich ja auch nicht f\u00fcr jeden Menschen, der lebt, Liebe empfinden, weshalb dann Betroffenheit, wenn jemand geht? Aber was fernab von popul\u00e4ren Nachrufen in kleinen Nischen so vor sich geht, finde ich ziemlich gro\u00df. Dass Menschen da ehrlich von ihrem Erlebten erz\u00e4hlen, von ihren Verlusten und dem darauffolgendem, neuen Leben. Das ist wirklich schon fast magisch, und sch\u00fctzt ein bisschen vor dem Versinken in der schonungslosen Einsamkeit. Nebenbei: Ein paar der besten Menschen, habe ich sogar durch\/wegen\/\u00fcber den Tod in sozialen Netzwerken kennen gelernt.<\/p>\n<p><strong>&nbsp;Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?<\/strong><\/p>\n<p>Da bleibt eine ganze Menge. Vor allem Erinnerungen und Gef\u00fchle. Auch wenn man sich das kaum vorstellen kann: es gibt diese fr\u00fcheren Momente, die in die klaffenden Wunden fallen und ausf\u00fcllen und heilen und erkenntlich machen, was schon l\u00e4ngst vergessen oder verdr\u00e4ngt war. Ein Verstorbener geht nie mit all seinem Krempel, da f\u00e4llt noch eine Menge an, das man entsorgen oder in Schubladen einsortieren, das man im Herzen behalten kann. Ein Buch, das man lesen und ein Gericht, das man, in Gedanken an jemanden, essen k\u00f6nnte. Der Tod ist vielleicht das Wegsein eines K\u00f6rpers, aber ja nicht das Wegfallen von St\u00fctzen und Erlebnissen. Der Verstorbene hat noch einen Namen, der hat noch einen Geburtstag, eine Haar- und Augenfarbe, Marotten und Gef\u00fchle, und irgendwo zwischen heute und morgen ist noch alte Liebe, ausgehend von jemandem, der scheinbar gar nicht mehr anwesend ist. Das kennt man ja. Das ist nach Trennungen doch auch das Einzige, was \u00fcbrig bleibt. Die kleinen, zerknautschten Gef\u00fchle und Erinnerungen, die man so gut zu verdr\u00e4ngen scheint.<\/p>\n<p><strong>Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?<\/strong><\/p>\n<p>Auf jeden Fall ein sehr gro\u00dfer Haufen Papier und Notizb\u00fccher, angefangene S\u00e4tze und nie geschriebene B\u00fccher. Aber was letztendlich, bis auf ein kleines Fleckchen auf einem Friedhof von mir als Erinnerung bleibt, entscheiden die, die ohne mich dann weiterleben. Es gibt Geschichten von mir im Internet, und welche in den K\u00f6pfen von Menschen, die mich wirklich kennen. Das ist schon echt gut, so wie es ist. Und ich glaube, das reicht aus, um nicht ganz in Vergessenheit zu geraten.<\/p>\n<p><strong>Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild) dr\u00fcckt den Tod am besten aus?<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Wir haben Raketen geangelt&#8220; von Karen K\u00f6hler beschreibt den Tod\/das Sterben aus verschiedenen Winkeln.<\/p>\n<p><img data-recalc-dims=\"1\" loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-5610 alignright\" src=\"https:\/\/i0.wp.com\/katkaesk.com\/wp-content\/uploads\/2016\/09\/Bildschirmfoto-2016-09-28-um-16.11.29-300x300.png?resize=298%2C298\" alt=\"bildschirmfoto-2016-09-28-um-16-11-29\" width=\"298\" height=\"298\"><\/p>\n<p><strong>Wie viele Tode kann man sterben?<\/strong><\/p>\n<p>Das klingt wirklich uncool, aber exakt einen einzigen. Da bin ich mir ziemlich sicher. Alles andere sind nur gedankliche Knochenbr\u00fcche, Entz\u00fcndungen in unseren Lebensgeschichten, scheitern am Tag, verzagen an der Nacht, hadern oder phrasenhaftes Fallen, aber richtig tot, wahrhaftig, mit allen Lichtern aus, ist man erst, wenn das Herz gar nicht mehr schl\u00e4gt.<\/p>\n<p><strong>Welchen Zustand hat der Tod?<\/strong><\/p>\n<p>Die Beschaffenheit eines Toten liegt ja auch im Auge des Betrachters. Vielleicht sieht da jemand noch ein Zucken, nochmal ein Aufb\u00e4umen oder nach Luft schnappen, etwas Lebhaftes. Ich sehe kein Heben und Senken&nbsp;des&nbsp;Brustkorbes mehr, der Bauch ganz flach,&nbsp;das Gesicht starr. Der \u201esichtbare\u201c Zustand von&nbsp;Tod ist Leblosigkeit.<\/p>\n<p><strong>Inwieweit beeinflusst der Glaube\/Nichtglaube den Tod?<\/strong><\/p>\n<p>Sterben m\u00fcssen Nichtgl\u00e4ubige genau wie jene, die jeden Sonntag in die Kirche latschen, beten, nach allen Regeln einer Religion leben. Ebenso m\u00fcssen auch Menschen, die keinen Glauben haben, Abschied nehmen. Und daf\u00fcr muss man echt keine religi\u00f6se Haltung haben. Aber da ich nicht besonders gl\u00e4ubig bin, kann ich auch nicht genau sagen, ob es hilfreich ist. Aber ich denke, dass es nicht zwingend der Glaube ist, der den Umgang mit dem Tod beeinflusst, sondern der Mensch an sich, die Sensibilit\u00e4t, das Umfeld, und alleine schon die Sicht auf das Leben. Und die ist bei jedem Wesen so verschieden, dass man das wirklich nicht pauschal sagen kann.<\/p>\n<p><strong>Was bed\u00fcrfe einer \u00c4nderung in der Welt bevor man geht?<\/strong><\/p>\n<p>Also bevor ich sterbe, w\u00e4re es auf jeden Fall ganz sch\u00f6n, wenn die Themen Tod und Trauer noch etwas mehr ins Leben integriert w\u00e4ren. Nichts ist trauriger, als die Vorstellung, dass sich niemand mehr an mich erinnert, \u201eweil man ja nicht dauernd einen Toten erinnert\u201c. Aber ganz im Allgemeinen w\u00e4re es schon gut, wenn die Furcht vor der eigenen Sterblichkeit nicht mehr Hand in Hand mit dem Verschweigen von Verlusten ginge. Aber bis dahin ist es noch ein langer Weg. Und wer wei\u00df, vielleicht machen meine Enkel irgendwann da weiter, wo ich angefangen habe und reden \u00fcber meinen Tod.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Dankesch\u00f6n f\u00fcr das Interview.<\/em><\/p>\n<p><strong>Sarah im Internet: <a href=\"https:\/\/www.facebook.com\/lalanesse\/?fref=nf&amp;pnref=story\">Facebook<\/a> \/\/ <a href=\"http:\/\/web.archive.org\/web\/20170225131839\/http:\/\/fuerhilde.tumblr.com\/\">Tumblr<\/a> \/\/ <a href=\"https:\/\/wirsindnochhier.wordpress.com\/\">Blog<\/a> \/\/ Instagram \/\/<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Projekt [Sterbensw\u00f6rtchen] l\u00e4dt jeweils einen Autor\/eine Autorin ein, Fragen \u00fcber den Tod und \u00fcber das Leben zu beantworten. Die Autorin Sarah Riedeberger macht den Anfang. 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