{"id":535,"date":"2013-10-23T17:30:44","date_gmt":"2013-10-23T17:30:44","guid":{"rendered":"http:\/\/katkaesk.wordpress.com\/?p=535"},"modified":"2019-12-10T14:14:04","modified_gmt":"2019-12-10T13:14:04","slug":"1-akt-1-szene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katkaesk.com\/index.php\/2013\/10\/23\/1-akt-1-szene\/","title":{"rendered":"1. Akt, 1.Szene."},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Es hatte den ganzen Tag geregnet, der Nebel zog langsam auf und verdichtete die Stadt. Unsichtbar.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Ersch\u00f6pft zog sie sich ihre Kleidung aus, warf sie ungalant auf den Boden und schob sie in eine Ecke. Die schwarzen Augenr\u00e4nder im Spiegel erz\u00e4hlten ihr von ihrem anstrengenden Leben, dass sie f\u00fchrte, aber nicht f\u00fcr sie selbst. F\u00fcr die Welt da drau\u00dfen, das war ihr erst vor Kurzem das erste Mal bewusst geworden. Sie f\u00fchrte das Leben f\u00fcr andere. Das Leben war ihr zur Last geworden, wie der Nebel befand sie sich im Dunstkreis der Allt\u00e4glichkeiten, und nichts, wirklich nichts half, das Grau vom Boden aufzuheben. Sie lebte, aber immer f\u00fcr andere, manchmal mit anderen, manchmal unter anderem, nie f\u00fcr sich selbst.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Langsam zog sie die Spuren nach, die die Kleidung an ihrem K\u00f6rper tags\u00fcber hinterlassen hatte. Sie hatte das Gef\u00fchl, als ob ihr eigener K\u00f6rper eine Metapher f\u00fcr ihr Leben geworden war. Gequ\u00e4lt betrachtete sie sich im Spiegel. Wie oft zwang sie sich in eine Form, die nicht passte, nur damit sie anderen gefallen konnte?\u00a0Manche Einschnitte der Kleidung hatten r\u00f6tliche Linien hinterlassen. Ihr Leben passte in das Leben der anderen, nicht umgekehrt. Sie seufzte.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Bed\u00e4chtig zog sie zuerst ein Top an, streifte es zurecht und schl\u00fcpfte in ihren Pullover. Warum konnte das Leben nicht wie der Lieblingspullover sein? Gem\u00fctlich, immer wieder verwendbar, vertraut. Das Leben war jedoch wie die neue Jeans, die nach jedem Waschgang dr\u00fcckte, schlecht zu b\u00fcgeln war und im Endeffekt doch nie optimal passte. Sie schnappte sich ihre Leggings und zog sie allm\u00e4hlich an sich hoch. Die Socken streifte sie an ihrem Bund dar\u00fcber. Das Leben war ihr schuldig geblieben so zu sein wie Socken, das Leben war kein treuer Begleiter, es hatte selten etwas W\u00e4rmendes, und es gestattete sich in den meisten Lebensphasen \u00fcbersch\u00e4tzt zu werden.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Beh\u00e4big legte sie sich in ihr Bett. Das Leben kannte keine Entspannung und Ruhezeiten schon gar nicht. Die meisten Menschen verstanden Globalisierung auch nur so, dass sich die Welt immer um sie dreht, und hatte die Welt aufgeh\u00f6rt, sich zu drehen, drehten die Leute durch.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Das Leben hatte keinen weichen Boden wie Matratzen, der Boden der Tatsachen war weit aus h\u00e4rter. Betten rochen gut, Betten rochen nach vertrauten Menschen, das Leben roch jedoch vor allem nach abgestandener, hei\u00dfer Luft, die Menschen von sich gegeben hatten. Das Leben hatte die Angewohnheit nach der Schei\u00dfe zu stinken, die Menschen tagt\u00e4glich von sich gaben und sich dann wunderten, dass sie kn\u00f6cheltief in dieser standen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sie grub sich in die Kissen ein und zog die Decke hoch. Angenehme M\u00fcdigkeit erfasst ihren K\u00f6rper. Gravit\u00e4tisch atmete sie ein und wieder aus. Ersch\u00f6pfung hatte sich in ihrem K\u00f6rper breit gemacht, das Leben war zur Verantwortung zu ziehen. Nichts ersch\u00f6pfte mehr als Leben, es war mitunter nur die blo\u00dfe Existenz, die sie erschlaffen lie\u00df. Es war vielleicht nicht mal die blo\u00dfe Existenz, es waren die anderen Menschen. Sie \u00fcbten sich vor allem in Mund voll nehmen. Die Menschen fanden mittlerweile alles im Internet, nur sich selbst zu finden war zur Sisyphus-Aufgabe geworden. Das Wissen, dass man sich selbst nicht zur\u00fcckgeben konnte, dass man eine lebenslange Garantie f\u00fcr sich selbst hat, und sich nie umtauschen konnte, zerm\u00fcrbte die anderen wohl mehr als sie. Sie hatte in diesem Punkt schon l\u00e4ngst resigniert.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Die Augen fielen allm\u00e4hlich zu, ihren K\u00f6rper rollte sie zusammen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Pause.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es hatte den ganzen Tag geregnet, der Nebel zog langsam auf und verdichtete die Stadt. Unsichtbar. 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