{"id":528,"date":"2013-09-22T17:54:22","date_gmt":"2013-09-22T17:54:22","guid":{"rendered":"http:\/\/katkaesk.wordpress.com\/?p=528"},"modified":"2019-12-10T14:14:04","modified_gmt":"2019-12-10T13:14:04","slug":"theater-1-akt-exposition","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katkaesk.com\/index.php\/2013\/09\/22\/theater-1-akt-exposition\/","title":{"rendered":"1. Akt, Exposition."},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\">Er blickte auf. Das Ger\u00e4usch der ratternden Stra\u00dfenbahn riss ihn aus seinen Gedanken. Er starrte auf den gegen\u00fcberliegenden Park. Die Bl\u00e4tter rieselten bed\u00e4chtig von den B\u00e4umen. Ein Farbenspiel f\u00fcr die Gedanken. In zehn Minuten w\u00fcrde die n\u00e4chste Stra\u00dfenbahn kommen, die musste er nehmen, sonst w\u00fcrde er zu sp\u00e4t kommen. Die Erfindung der Zeit war ihm ein Gr\u00e4uel, er lebte lieber nach Worten und Versma\u00dfen. Zeit konnte nichts anderes als nur zu lange dauern oder zu schnell vergehen. Er hasste Vergangenheit. Die Stra\u00dfenbahn lie\u00df ihn diese Vergangenheit sp\u00fcren, der Geist hauchte noch immer durch die Stra\u00dfen und Gassen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\u00a0Er drehte sich um. Dieses Monstrum an Geb\u00e4ude hatte ihm schon so oft den Atem geraubt, zu oft war Zeit darin zu schnell vergangen. Besonders lange hielt er inne, wenn er die wunderbaren Deckengem\u00e4lde von Gustav Klimt und Ernst Matsch bewunderte, es war ihm immer als bliebe die Zeit stehen. Heute Nachmittag blickte er Apollon auf dem Giebeldach an. Worauf zeigte er? Was wollte er aufzeigen? Er f\u00fchlte sich ertappt. Er hatte verloren. Vor allem Menschen. Sein Leben lang war er unterwegs gewesen, so rastlos, von seinen Gedanken getrieben und so kam es, dass er nun hier stand, vor dem ehrw\u00fcrdigen Geb\u00e4ude, dass Illusionen jeden Abend neu pr\u00e4sentierte und Leute sogar daf\u00fcr bereit waren zu zahlen. Er hatte auch Eintritt bezahlt. F\u00fcr das Theaterst\u00fcck des Lebens.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Der halbrunde Vorbau erinnerte ihn an die Semperoper in Dresden, an das Pantheon in Rom. Er liebte die St\u00e4dte; besonders ganz alte. Nur seinen Freunden zuliebe war er letzten Sommer mit an den Strand gefahren und hatte sich in den Sand gelegt, noch nie hatte ihn so eine gro\u00dfe Langeweile \u00fcberfallen. W\u00e4hrend seine Freunde in die Wellen st\u00fcrzten, las er &#8222;Willkomm und Abschied&#8220; von Goethe immer und immer wieder. <i>Der Abschied, wie bedr\u00e4ngt, wie tr\u00fcbe!<\/i><br \/>\nSeinen Freunden hatte er zu gesehen. Unbek\u00fcmmert waren sie in die Wellen gesprungen und nun war in all den Freundschaften Ebbe entstanden. Die Flut an Kontakten hatte nachgelassen. Die Winde schwangen leise Fl\u00fcgel. Er blickte auf den gegen\u00fcberliegenden Park. Die Freundschaften waren damals buchst\u00e4blich im Sand verlaufen.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Er setzte sich auf den kalten Boden. Aus seiner Tasche holte er sein Notizbuch. Sein Notizbuch fasste all seine Gedanken zusammen, bewahrte sie auf, er wollte sich von ihnen n\u00e4hren, sobald die Luft noch k\u00fchler wurde, sobald von Worten wieder genug W\u00e4rme ausgehen konnte. Worte w\u00e4rmten. Wie Freundschaften. <i>Mein Geist war ein verzehrend Feuer, mein ganzes Herz zerfloss in Glut.<\/i> Damals war er davongelaufen. Auf der Suche nach einer besseren Welt, auf der Suche nach besseren Leuten, aber vor allem auf der Suche nach Anerkennung. Er holte sie sich bei Menschen, die den meisten Dingen kaum Wert beima\u00dfen und am allerwenigsten Freundschaften. Sie setzten sich die Masken auf, und sahen dann so aus wie diese hinter ihm links und rechts vorm Haupteingang. Oft war es nur die Angst, alleine zu bleiben in einer Welt, in der man alles konsumieren konnte, seinen Tee vor diesem Geb\u00e4ude genauso wie Freundschaften, solange sie zu etwas n\u00fctzlich waren.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Er ertappte sich erneut dabei, wie er den Bl\u00e4ttern beim Fallen zusah. Freundschaften mussten so sein wie die B\u00e4ume, best\u00e4ndig und in jeder Jahreszeit bestaunenswert, so wie im Winter, wo diese immer mit Lichterketten verziert wurden. Menschen waren nicht dazu da, dass man sie als Accessoire verwendete, so wie seine neue Ledertasche, die in ihrem Aussehen an den guten Zeiten erinnerte, Zeiten, an denen Freundschaften so belastbar waren wie Ledertaschen aus gegerbten Rindsleder.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Jede Freundschaft hatte ihre guten Seiten, und ihre schlechten Seiten, die oft nicht sichtbar waren, wie die hintere Ansicht des Geb\u00e4udes in der L\u00f6welstra\u00dfe. Er spielte jeden Tag eine neue Rolle, lernte neue Texte, nur um ein bisschen Anerkennung zu bekommen. Er war sich nie zu schade gewesen, die Beigabe f\u00fcr Menschen zu sein, nur um in deren Schein, der wohl keiner war, zu gl\u00e4nzen. Er hatte sich eine Leine anlegen lassen, sich vorf\u00fchren lassen, die goldenen Momente genossen und die dunklen Momente einfach \u00fcberstrichen mit den sch\u00f6nen Gedanken. Er war wie diese Haus, so wundersch\u00f6n, so bewundert, und doch einen Widerhall, den man nicht wollte. F\u00fcr Einzelauff\u00fchrungen buchte man ihn, aber das Abo wollte man nicht.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Sein Schein gl\u00e4nzte schon lang nicht mehr. Er glich der Stra\u00dfenlaterne gegen\u00fcber, deren Glas mittlerweile eingetr\u00fcbt war, so wie seine Laune mittlerweile. Die alten Menschen waren weg, die, auf die man sich verlassen konnte, er hatte sie mit den neuen Menschen betrogen, die neues Theater versprochen hatten und so taten, als k\u00f6nnten sie jegliche Obsession b\u00fcndeln, wie die Kronleuchter im Inneren.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">Er stand auf, packte sein Notizblock in seine Ledertasche und verschloss sie wieder sorgf\u00e4ltig. Er seufzte. <i>Du gingst, ich stand und sah zur Erde und sah dir nach mit nassen Blick.\u00a0<\/i>Danach setzte er einen Fu\u00df vor den anderen, schlurfte sich langsam zur Haltestelle, den Kopf auf den Boden. Diese Vorstellung w\u00fcrde noch ewig dauern.<\/p>\n<p align=\"JUSTIFY\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er blickte auf. Das Ger\u00e4usch der ratternden Stra\u00dfenbahn riss ihn aus seinen Gedanken. Er starrte auf den gegen\u00fcberliegenden Park. Die Bl\u00e4tter rieselten bed\u00e4chtig von den B\u00e4umen. Ein Farbenspiel f\u00fcr die Gedanken. 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