{"id":4580,"date":"2014-04-05T11:30:13","date_gmt":"2014-04-05T11:30:13","guid":{"rendered":"http:\/\/katkaesk.wordpress.com\/?p=4580"},"modified":"2019-12-10T14:15:42","modified_gmt":"2019-12-10T13:15:42","slug":"orangenbluten-oder-eine-geschichte-ubers-altern","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/katkaesk.com\/index.php\/2014\/04\/05\/orangenbluten-oder-eine-geschichte-ubers-altern\/","title":{"rendered":"Orangenbl\u00fcten oder: Eine Geschichte \u00fcbers Altern."},"content":{"rendered":"<p class=\"western\" align=\"justify\">Ich schreibe dir. Das tue ich, weil ich gerade auf dich warte. Ich schreibe dir. Das tue ich, weil ich wei\u00df, dass du das lesen k\u00f6nntest oder auch nicht, wenn dieses Blatt Papier wie des \u00f6fteren zerkn\u00fcllt in der Tasche landet. Es ist sch\u00f6n hier, ich mag die Landschaft, es war gut, dass wir weggefahren sind, weg von dem Alltagsgrau, dass uns immer und immer wieder einholte und dass uns schlussendlich hier her gebracht hatte. Mein Blick wandert umher und st\u00e4ndig entdecke ich Neues, Wundervolles, das mich ins Staunen geraten l\u00e4sst und diese gro\u00dfartige Faszination aus\u00fcbt, dass man diese Kribbeln sp\u00fcrt, als h\u00e4tte man sich soeben neu verliebt. Hast du die in Kalk get\u00fcnchten H\u00e4user gesehen? Es brennt in den Augen, die H\u00e4user sind so strahlend wei\u00df, doch ich mag es, es ist besser als das Alltagsgrau.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">Das Blau sticht mir ins Auge, mein ganzes Leben hatte ich noch nie so blaues Meer gesehen, obwohl ich schon so oft am Meer war, und es jetzt wohl zwei Dutzend Reisen ans Meer gewesen sein m\u00f6gen. Ich habe das leider mit dem Alter vergessen. An der K\u00fcste ist es so wunderbar t\u00fcrkis und es wird so kr\u00e4ftig dunkelblau, je n\u00e4her man in den Horizont blickt. Es f\u00e4llt mir schwer, die Schiffe drau\u00dfen am Meer zu entdecken, doch die Segler im Hafen scheinen gl\u00fccklich zu sein, so wie wir damals, als wir unseren ersten Segelurlaub gemacht hatten. Es riecht hier so wunderbar nach Meer! Ich liebe diesen Duft so sehr. Das Salz in der Nase sticht etwas und mir f\u00e4llt wieder ein, dass du immer nach Meer gerochen hast. Ich kenne dich schon so lange, deine Haare rochen immer nach Meer, wenn wir langsam in unsere Tr\u00e4ume versunken waren. Ich habe dann immer die Wellen geh\u00f6rt, die manchmal sanft, manchmal aufbrausend ihren Besuch auf dem Strand abstatteten und alsbald wieder ihre Heimkehr verk\u00fcndeten. \u00dcberall hatten wir Bilder vom Meer an die Wand geh\u00e4ngt, manchmal fanden wir das Leben so gro\u00dfartig, wir schrieben uns gegenseitig Briefe und verschickten sie als Flaschenpost. Wir hatten das Meer, das Meer war die Freiheit, das Vermissen, der Ort unserer Hoffnung. So oft hatten wir das Meer vermisst, die Bilder stimmten uns traurig, sobald wir nicht bei ihm sein konnten. Sobald wir es nicht mehr ausgehalten haben, hatten wir unsere Koffer gepackt und wir zogen los. Einen gepackten Koffer hatten wir immer gepackt, immer bereit die Welt zu erkunden. Mittlerweile haben wir einen Koffer voll von Fotografien, immer bereit die Welt der Erinnerungen zu erkunden. Unsere Erinnerungen machten bereits einen Gro\u00dfteil unseres Lebens aus, uns ist ungewiss, wie viele Erinnerungen wir noch in diesen verstaubten Koffer packen k\u00f6nnen, ich hoffe doch, es werden noch ein paar.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">Ich hatte vorhin meine Augen geschlossen, weil es so wunderbar hier riecht. Die Orangenbl\u00fcten haben ausgetrieben, durch die ganze Stadt zieht ein sanfter Orangenduft von den Bl\u00fcten, die Menschen scheinen soviel sanfter deswegen. Ich sp\u00fcre gerade, wie die Sonne auf meiner Haut tanzt. Die kleinen fast durchsichtigen H\u00e4rchen im Nacken str\u00e4uben sich, ein sanfter Westwind weht dar\u00fcber, mir ist nicht kalt, das erste Mal in diesem Jahr.Es f\u00e4llt mir in diesem Augenblick ein, dass der Westwind Zephyr genannt wird, ich mag das Wort sehr, wei\u00dft du? Vor Jahren haben wir damals ein Freiluftkonzert besucht, wir h\u00f6rten Vivaldis Le quattro stagioni, im ersten Satz von L\u2019Estate war dieses Wort aufgetaucht, ein Zephyr, der vom Nordwind Bor\u00e9as durcheinander gewirbelt wurde, ein Gewitter, dass darauf hin im Presto Teil entsteht. Die Winde wehten immer, manchmal waren sie wie einer dieser ersten Fr\u00fchlingswinde, manchmal tobend wie jene Winde, die Gewitter brachten, aber wir lernten mit den Winden zu leben, bist du nicht der Ansicht?<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">Ach, wie gro\u00dfartig, ich liebe diesen Orangebl\u00fctenduft! Ich w\u00fcrde ihn so gerne mit nach Hause nehmen, wei\u00dft du? In unser Haus w\u00fcrde so ein Duft ganz gut passen. Wir haben doch ohnehin Erinnerungen darin aufgenommen, dieser Duft w\u00fcrde gewiss nicht st\u00f6ren. Auf dem Treppenaufgang haben wir die ganzen Postkarten an die Wand geklebt, die wir uns gegenseitig immer schickten, als wir alleine auf Reisen waren. Im Wohnzimmer steht unsere Truhe, wo wir allerlei Erinnerungen aufbewahren. Du hattest damals damit angefangen, aus jedem Land ein Buch in der Landessprache mitzunehmen, auch wenn du es nicht lesen konntest, es war dir wichtig gewesen, etwas zu haben, was dich etwas an die verstrichene Zeit erinnert. Daf\u00fcr achte ich dich sehr, ich habe dich immer geachtet, auch wenn uns das Alltagsgrau manchmal wie eine dicke, staubige Steppdecke eingeh\u00fcllt hatte. Ich hatte in die Truhe allerlei Polaroid Fotografien, alte Dias, Bleistifte und das Buch mit den getrocknete Blumen hinein getan. Aus jedem Land habe ich eine Blume mitgenommen, sie waren haltbar gemacht worden, und doch so zerbrechlich, wie die Erinnerungen, die wir an diese Reisen hatte, aber langsam vergessen w\u00fcrden. Ich h\u00e4tte wohl mindestens schon die H\u00e4lfte vergessen, w\u00fcrde ich dich nicht haben, wir tragen unsere Erinnerungen gemeinsam und erz\u00e4hlen sie uns an den verregneten Nachmittagen, wenn wir bei Tee zusammensitzen.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">Hier ist alles so voll von diesem wunderbaren Leben, hier st\u00f6rt mich der L\u00e4rm nicht, es ist angenehmer L\u00e4rm. Menschen f\u00fchren Konversationen in einer Sprache, die ich nicht verstehe, aber es ist mir egal, weil ich wei\u00df, dass du bald kommen wirst, und wir uns dann \u00fcber deinen kleinen Ausflug unterhalten werden. Es tut gut, dass so viele Menschen die Stadt beleben, ich f\u00fchle mich so erfrischt. Schon lange habe ich mich nicht so jung gef\u00fchlt. Vielen Dank daf\u00fcr, dass du mich einfach entf\u00fchrt hast und ich nun da sitzen darf. Mein Kaffee duftet gut, er ist frisch gemahlen, er k\u00fchlt langsam aus und bald werde ich ihn trinken k\u00f6nnen. Meine Vorliebe f\u00fcr Kaffee hast du nie ganz verstanden, du hattest Angst, dass ich bald sterben w\u00fcrde, w\u00fcrde ich weiterhin soviel Kaffee trinke. Dir zuliebe trinke ich jetzt weniger Kaffee, aber ich muss dir gestehen, heimlich, wenn du nicht anwesend bist, trinke ich dann doch manchmal etwas mehr. Vor dir w\u00fcrde ich das jedoch nicht zugeben, ich will nicht, dass du dir meinetwegen Sorgen machst. Ich habe vergessen, dir zu sagen: Die nette Frau von gestern Abend hat mir gerade Marmelade vorbeigebracht und bald werde ich sie verkostet, aber ich m\u00f6chte damit auf dich warten. Du bist schon so lange weg, ich kann es nicht erwarten, bist du wieder kommst.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">Du hast mir einen Bildband dagelassen, damit ich mich nicht langweile. Es sind kunstvolle Bilder darin enthalten, die besten von Gauguin, C\u00e9zanne, Seurat und Toulouse-Lautrec, manchmal vereinzelt Bilder von S\u00e9rusier und Vuillard. Mit Bleistift hast du deine Lieblingsbilder am Rand vorsichtig gekennzeichnet, so wie Edouard Vuillards La liseuse von 1910. Du magst die alte Frau, die ein kleines B\u00fcchlein gerade liest, das Bild wirkt so ruhig und angenehm. Ganz oft hast du dir auch das Bild Fleuve sous les arbres, Martinique von Gauguin angesehen, die Seite hat bereits einen Riss am oberen Ende bekommen. Dein Leben war immer voll von Bildern und Notizen, von Gedanken und Worten, die andere gesagt hatten. Vorhin habe ich gelesen, dass Renoir diese wundertolle Umgebung als seine Wahlheimat deklariert hatte, wir m\u00fcssen uns das aufschreiben, damit wir zuhause etwas erz\u00e4hlen k\u00f6nnen. Bei meinem Spaziergang vorhin habe ich auch Postkarten mit Motiven von Henri Matisse entdeckt, wir sollten vor unserer Abreise doch das Musee Matisse de Nice mit unserer Anwesenheit beehren, das w\u00e4re gro\u00dfartig, meinst du nicht?<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">Manchmal w\u00fcnschte ich, ich w\u00e4re noch so albern, wie die Jugend, die ich gerade beobachte, wie sie tats\u00e4chlich schwimmen geht, obwohl das Wasser gerade mal 16 Grad aufweisen kann. Was waren wir manchmal albern! Gut, dass wir das Leben nie so ernst genommen haben, lange h\u00e4tten wir es sonst nicht ausgehalten. Die guten Witze haben wir uns gemerkt, die schlechten Scherze, die uns das Leben gespielt hat, haben wir unter den Teppich gekehrt, der in unserem Wohnzimmer liegt. Gertrude Arndt w\u00e4re wohl nicht sonderlich erheitert, wenn sie w\u00fcsste, dass schlechte Scherze jetzt da beheimatet sind. Sie kann von Gl\u00fcck reden, dass das ein Teppich ist, der nur dem von Gropius\u00b4 Direktion gleicht.<\/p>\n<p class=\"western\" align=\"justify\">Gerade bin ich noch in Versuchung, erneut eine Tasse Kaffee zu ordern, aber ich habe das Gef\u00fchl, dass du bald kommst, also warte ich auf dich. Ich warte so sehr auf dich, und du fehlst mir, sobald ich dich nicht mehr sehe. Das war schon immer so, seit ich dich kenne. Mit dir habe ich das Warten gelernt. So oft habe ich dich auf gewartet, deine Reisen waren oft ungewiss, und ich habe warten m\u00fcssen, ob es mir gepasst hatte oder nicht, aber mein Magen hat sich immer zusammengezogen, so voller Freude war ich, wenn du wieder gekommen bist. Du hast mir nie gesagt, wie es dir mit dem Warten erging, bis heute l\u00e4chelst du verschmilzt, wenn ich dich Dinge frage, die du mir nie sagen w\u00fcrdest. Aber du musst das Warten auch gemocht haben, sonst w\u00e4ren nie so viele Jahre ins Land gezogen, das Warten war f\u00fcr dich wohl eine leichtere \u00dcbung als dies f\u00fcr mich immer war. Es ist wie heute, als ich dich gerade am Stra\u00dfenanfang erkennen kann, du hast frisches Brot mitgebracht und eine Tasche, die voll mit neuen B\u00fcchern gef\u00fcllt ist. Dein Gang ist nicht mehr so stolz, aber stattlich schreitest du deines Weges, charmant l\u00e4chelst du und machst Menschen auf deinem Weg Komplimente. Du lachst gelassen in dich hinein, du hast wohl ein gutes Erlebnis gehabt, dass du mir alsbald erz\u00e4hlen wirst. Ich freue mich so darauf! Dein Buch habe ich zugeschlagen, ich sehe dir lieber dabei zu, wie du lachend auf mich zukommst, du siehst noch immer so gut aus, du bist durch deine Falten immer nur interessanter f\u00fcr mich geworden. Nicht einmal in den vielen Jahren, kam mir in den Sinn, jemand anderen so zu bewundern und gern anzusehen wie dich. Auch darob hast oft geschwiegen, aber dein Leben lang hast du mich dabei beobachtet, wie ich meine langen Haare k\u00e4mme. Verstohlen aus den Augenwinkeln habe ich dich betrachtet, du warst felsenfest der \u00dcberzeugung, ich w\u00fcrde deine Beobachtungen nicht mitbekommen. Was f\u00fcr ein Irrtum deinerseits! Auch ich muss meine Mundwinkel leicht nach oben ziehen, ich liebe es, dich anzul\u00e4cheln. Mein Warten hat wohl jetzt ein Ende, weil du bald da sein wirst. Machs gut! Wir sehen uns gleich.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ich schreibe dir. Das tue ich, weil ich gerade auf dich warte. Ich schreibe dir. Das tue ich, weil ich wei\u00df, dass du das lesen k\u00f6nntest oder auch nicht, wenn dieses Blatt Papier wie des \u00f6fteren zerkn\u00fcllt in der Tasche landet. 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