Projekt [Sterbenswörtchen]

[Sterbenswörtchen] Ina Steg.

Wer sind diese großartigen Menschen, die hie und da ein Sterbenswörtchen verlieren? Es ist die leise, aber intelligente Frau Ina Steg. Die in Nordrhein-Westfahlen lebende Autorin schreibt am liebsten per Hand. Es macht sich bezahlt: Ina schrieb bereits fünf Bücher: Letzte Zutat Liebe, Eine Diebin zum Verlieben, Alles nur Kulisse, 12 Tage und Gasse ohne Mondlicht. Sie war so nett, mir Rede und Antwort zu stehen. Vielen Dank dafür, Ina!

Was bedeutet der Tod für dein Schreiben?

Momentan sehr viel. Meine Hauptfigur hat ihren Vater verloren. Ich selbst habe in meinem Leben von sechs mir nahestehenden Menschen Abschied nehmen müssen. Sie alle sind meine Vergangenheit und so auch meine Gegenwart. Ich stelle mir beim Schreiben die Fragen: Wie viel von ihnen ist in mir? Was möchte ich bewahren und weitergeben? In diesen Momenten fließen meine Gedanken dazu in die Handlungen und den Charakter der Figur mit ein.

Wie politisch ist der Tod?

Oft mündet er in Zahlen, was mich erschreckt. Jede Zahl steht für einen einzelnen Menschen. Das wird oft vergessen und lässt für mich den politischen Blick, aber auch die Berichterstattung in den Medien meist kalt und oberflächlich erscheinen.

Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?

Jeder von uns hat Einfluss auf die Wirkung der sozialen Medien, in dem, wie er etwas dazu beiträgt. Ich durfte sehr viel Liebe und Empathie erfahren, als ich schrieb, dass ich Abschied nehmen musste. Menschen, die ich kaum kannte, haben mir von ihren Gedanken dazu erzählt und mir dadurch Kraft gegeben. Das war für mich eine besondere Erfahrung und hat mir wieder bewusst gemacht, wie ähnlich wir uns sind, wenn es um die zentralen Themen im Leben geht.

Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?

Sie leben in anderen Menschen weiter. Die Beziehungen und Begegnungen die ich hatte, haben mich verändert. Ich bin all diese Menschen, die ich kannte und kenne. Sie haben mich beeinflusst und zu derjenigen gemacht, die ich heute bin. Ich wiederum, teile ebenfalls meine Gedanken und Gefühle mit anderen und so habe ich die Hoffnung, dass wir alle verbunden bleiben.

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?

Ich hoffe, viele schöne Erinnerungen bei meinen Liebsten, vielleicht das ein oder andere Buch in einem Bücherregal und ein paar Blumen an Stellen, an denen vorher keine wuchsen. Was geht, ist momentan das Erscheinungsbild der Straßen um mich herum. Ich versuche es in meinem Viertel etwas bunter werden zu lassen. Ich sammle Müll auf und säe Blumen.

Welches Kunstwerk (Buch,Film,Text, Musik, Bild) drückt den Tod am besten aus?

Ich liebe den Film Morning Glory, weil er die Hingabe zum Leben zelebriert. Harrison Ford spielt einen verehrten, aber frustrierten Moderator, der die Liebe und Lust auf die kleinen Details im Leben verloren hat. Innerlich hat er sich von allem abgewandt. Rachel McAdams soll ihn in ihrer Rolle für die Morgenshow Daybreak gewinnen. Dort wartet Diane Keaton mit ihrer Figur als angespannte Moderatorin auf ihn, die so sehr auf die Einschaltquoten schaut, dass sie ihre wahren Stärken, nämlich ihre liebenswerte Art und ihren Sinn für das Leidenschaftliche vergessen hat. Die Begegnung der Dreien ist für alle wie ein Erwachen. Fords Rolle symbolisiert für mich die Phasen im Leben, in denen wir uns abgeschnitten von allem fühlen und wir keinen Kontakt mehr zu dem Schönen um uns herum zu haben scheinen. Dann kann es wertvoll sein, sich den kleinen sinnlichen Dingen zuzuwenden, sei es dem Duft und den Farben einer Frittata oder dem freundlichen Lächeln und den Ideen eines Fremden.

Quelle: Autorin

Wie viele Tode kann man sterben?

Ich sehe mich in einem stetigen Wandel. Nicht nur mein Körper verändert sich, auch ich habe neue Einsichten, lerne dazu, vergesse, entdecke und erlebe mich immer wieder anders.

Welchen Zustand hat der Tod?

Die Trauer ist ein mächtiges Gefühl. Wenn jemand geliebtes plötzlich nicht mehr da ist, reißt es eine Lücke in das Leben. Diesem Gefühl und diesem Zustand, in dem wir uns befinden, wird zu wenig Raum gegeben. Zu schnell muss man in die Normen des Alltags zurück. In der Öffentlichkeit zu weinen, auf der Arbeit einen Rückzugsort zu haben, eine helfende Hand zu bekommen, das alles ist nicht selbstverständlich. Trauer wird als Schwäche angesehen. Doch sie ist ein Gefühl, wie jedes andere auch.

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Er kann es leichter machen, damit seinen Frieden zu finden, dass man diese Welt verlassen wird. Dem kann man rational entgegensehen oder auf eine übersinnliche, esoterische oder auch magische Weise.

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Mehr Freiraum, in denen sich jeder ausprobieren und austauschen kann. Ich wünsche mir mehr Räume und Flächen für Künstler, für Kinder, für Menschen, die einen Ort suchen, an denen es keine starren Grenzen gibt. Ein Haus in jedem Stadtteil für alle, an dem man die Wände anmalt, Insektenhotels in den Garten stellt und Tee ausschenkt. Jeder von uns hat auf unterschiedliche Art so viel zu geben, doch mir scheint, es fehlt manchmal der Platz dafür.

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