Prosa

[txt] Weihnachten.

Die eine machte eine Pause. Sie übte sich im Cantus Firmus, laut und klar. Nachdenkend, wie man verfahrene Situationen lösen könne. In die Stille schreiend, die einem die Zeit so auferlegt hatte. Es war bereits das dritte Jahr, an dem vor Weihnachten der Schnee gefallen war und es kurz vor dem 24. Dezember taute. Sie redete sich ein, dass sie Weihnachten genauso wie New York lieben würde, auch wenn sie das eine nie erlebt und das andere nicht kennengelernt hatte. Sie war auf Weihnachtsmärkten gewesen und hatte die Menschen beobachtet, die ihre Ware feilboten und sich auf den verschiedenen Märkten nicht wirklich unterschieden. Sie war zwischen den Buden durchmarschiert, hatte Bücherflohmärkte aufgesucht und eine ehemalige Kollegin getroffen, die ihren Namen falsch aussprach, während sie grüßte und das weinende Kind beruhigte, das sie auf dem Arm hatte. Es war wieder viel zu laut, nur die Taube schwieg, die sich im Stacheldraht des anliegenden Gefängnisses verfangen hatte und der eiskalte Bach plätscherte vor sich hin.

Dann war sie auf die Idee gekommen, Weihnachtskarten zu schreiben und Sprüche auf der linken Seite zu platzieren. Sie hatte sich um Adressen umgesehen und schmerzlich feststellen müssen, dass zwei Adressen während des letzten Jahres weggefallen waren. Die eine war in eine Beziehung und neue Wohnadresse transformiert worden, die andere war in den geglätteten Wogen einer bestehend Beziehung unanschreibbar geworden. Es war eine Erfahrung der Mit- und Endzwanziger, dass freundschaftliche Beziehungen plötzlich mehr Energie kosteten, als es damals zu Schul- und Studienzeiten war. Die Nostalgie an alte Zeiten alleine reichte nicht mehr und Freundschaften finden an zu bröckeln, wie die Häuser, die die eigenen Eltern vor vielen Jahren errichtet hatten.

Ein ganzes Wochenende hatte sie durchgefroren und die Luft roch alkoholisch, das sie davon alleine ganz benommen war. Sie kannte niemanden und doch alle. Sie breitete sich in dem kleinen Raum aus, dass zwischen den Augen der Menschen ein Tränensee entstanden war, den sie geschickt zurückhielten. An Weihnachten weinte man nicht, es war schließlich ein Geburtstagsfest. Sie wusste am nächsten Tag, wem was zu verkaufen war und wer mit welcher Wortwahl anzusprechen war. Sie hatte ein Händchen für finanzielle Dinge bewiesen und die Mundmuskeln schmerzten von dem Lächeln, dass sie sich selbst aufgezwungen hatte. Dann war sie nachhause gefahren und die Eiskristalle auf ihrer Haut lähmten sie in den Schlaf.

Die Vorweihnachtszeit hatte sie mit vier Weihnachtsfeiern verbracht, leise ebenso laut und mit dem Wunsch, das eigene Leben für die Literatur aufgeben zu können. Zunächst waren da Menschen, die sie stets nachdem fragten, wofür sie zwar viel Energie investierte, keinesfalls Herzblut und mit rotweinroten Lippen und blutunterlaufenen Augen im Regen nachhause lief und sich in den Schlaf weinte. Dann wechselten die Menschen und das Essen, und auf die vollen Mägen folgte das schlechte Gewissen und die Gewissheit, dass die Herkunft ein Stallgeruch war, der anhaftete und auch mit Bildung nicht wegging. Der Kummer, der sich über dem vollen Bauch ausbreitete, ertrank sie in Pinot und Beaujolais und der Regen nässte ihren Mantel. Die ertrug auch die dritte Feier, mit dem erleichterten Gewissen, alles besorgt zu haben, was man von ihr als gute Geschenkgeberin erwartete. Sie erzählte und der große Tisch wurde leise und lauschte ihr und zwei Menschen am Nebentisch seufzten. Zuletzt saß sie Menschen, die etwas wünschten und nicht so meinten, und welche die lieber schon woanders säßen als dort, wo sie sich befand. Der süße Punsch färbte die Gesichter rosa und den Raum laut.

Sie hatte drei Bücher gelesen und sich Ella Fitzgeralds “Ella wishes you a swinging christmas” besorgt. Den Tannenbaum zunächst in der leeren Ecke des Schlafzimmers aufgestellt und neben den silbernen Kugeln auch schwarze hingehängt. Der Anblick des Baumes und die Vorahnung, dass schmerzhafte Weihnachten bevorstünden, ließ sie den Baum wieder aus dem Schlafzimmer entfernen und stellte ihn stattdessen in das Wohnzimmer, dass in ihrem Leben sehr sinnbefreit sein Dasein fristete. Sie brauchte bloß einen Platz zum Arbeiten und Schlafen. Dann hatte sie die letzten freien Stunden verbracht ein Buch zu lesen, das ihr nicht gut tat und sie sehr aufregte. Es war zu wirr und bunt und widersprach jeglicher Logik. Das Buch war ein Räuber, sie hasste es. Dann hatte sie Weihnachtsfilme gesehen, die schon längst nicht mehr im Fernsehen gezeigt wurden und sie nachdenklich stimmten. In den darauffolgendenen Nächten träumte sie viel von Autobussen und einem Zirkus.

Sie war trostlos und traurig. Eines der Bücherläden ihrer Stadt sperrte zu nach Weihnachten. Der Laden verkaufte die Bücher um wenig Geld, sie konnte nicht widerstehen. Der wahre Trost war in Geschichten auffindbar, die sich wiederum in Bücher befanden. Sie hatte für ihre Bücher ein neues Regal gekauft, damit sie ein neues Zuhause hätten. Niemanden wünschte sie diese Heimatlosigkeit, die sie seit geraumter Zeit verspürte. Diese Heimatlosigkeit war nach ihrer Abwendung von den Glaubensgrundsätzen ihrer Kindheit stärker geworden. Es war das Verlassen seines Heimatdorfes und Entdecken von neuen Städten. Auch wenn neue Städte nach einer kurzfristigen Heilung wieder in das Loch der Einsamkeit stießen, wollte man nie wieder zurückkehren in das Heimatdorf, das einem die Luft zum Atmen nahm, wie sonst nur Wassermassen, die einen unter sich begruben.

Allmählich hatte sie sich daran gewöhnt, dass Weihnachten nie so sein würde, wie es früher als Kind gewesen war. Das Leuchten in den Augen war dem Stumpfsinn entwichen und die Vorahnung war dem Wissen gewichen, dass es erneut ein furchtbares Weihnachten werden würde.

Ein Weiteres ohne seine Bereitschaft zu ihr “Ja” zu sagen.