Projekt [txt]

[txt] Nein.

Eigentlich müsse sie es schon wissen, dass er immer “Nein” zu ihr sagen würde. Das “Nein” hat sich in seinen Augen festgekrallt, wie eine Katze in Todesangst, wenn sie droht von einer Klippe zu stürzen. Er hat Angst vor ihr, zeigt es ihr mit Gleichgültigkeit. Neben dem “Nein” steht immer ein “Du bist mir egal” im Regal. Seine Buchreihen sind voller Bücher mit Ablehnung gefüllt. Seine liebste Abteilung ist mittlerweile die “Literatur für etwaige Jobangebote im Ausland” geworden. Die präsentiert er ihr ganz gerne, Buch für Buch. Möglichkeiten in der Zukunft, die er so sieht, und wo man sich so als junger Mann in seinen anfänglichen Dreißigern so sehen kann. Die meisten Männer sehen ab dreißig Jahren besser aus, sagt er dann immer. Er habe die richtige Optik für einen schönen Mann ab dreißig und auch seine Karriereleiter wird sich dementsprechend anpassen. Ganz bestimmt sogar, das Ausland hat schon Vieles geheilt.

In Österreich kann man nicht bleiben, das wäre in der derzeitigen politischen Lage nicht empfehlenswert und man müsse sich schämen, wenn man aus Österreich kommt. Alle im Ausland hassen uns, außer Verbündete im ersten und zweiten Weltkrieg, man müsse das schon sehen und eigentlich hasst er seine Eltern, dass sie ihm eine österreichische Staatsbürgerschaft verpasst haben. Niemand will Österreicher sein, außer Touristen, die nach Österreich kommen. Oder Menschen, die sich stolz als Binnenland-Touristen bezeichnen, weil es zuhause am schönsten ist und man alle Flecken in Österreich sowieso noch nicht gesehen hat und wozu soll man in die Ferne schweifen, wenn das Gute so nah liegt? Das Einzige, was er Österreich wirklich zugestehen muss, ist die fantastische Küche. Da darf man sogar etwas patriotisch sein, wenn es um Paprika-Hendl oder Kaiserschmarrn geht, oder ein Teller Erdäpfel-Gulasch mit einem Seiterl Bier. Und überhaupt, die Österreich können neben den Tschechen das beste Bier brauen, aber das darf man den Deutschen nicht sagen, sonst sind sie wieder eingeschnappt. Dann fällt ihm ein, dass die Linken neben dem Streiten am besten einen zuviel trinken können. Die Linken streiten überhaupt zuviel, vor allem wegen Nichtigkeiten und das hat ihnen das Genick gebrochen, sagt er dann. Aber er gibt die Hoffnung nicht auf. Das mit den Linken kommt schon wieder. Da ist er sich sicher. Eine Welt ohne Linke, da weiß man ja, wohin das führt, und das ist absolut nicht tragbar. Aber Österreich ist ein Dorf. Da dauert alles ein bisschen länger. Genauso wie die Rückkehr der Linken. Außerdem existiert Österreich außerhalb von Wien nicht. Wien ist Österreich. Man muss schon sehen, dass Restösterreich ohne Wien nicht existieren könne und eigentlich nicht überlebensfähig. Das hat sie schon abgewehrt, aber das war immer die Arroganz der Wiener, die nicht mal ihr eigenes Wasser haben, hält sie ihm vor. Er redet sich in einen Strudel hinein, der eine größere Sogwirkung hat, als ein Häferl Kaffee mit einem großartigen Stück Apfelstrudel mit Vanillesauce. Das würde sie gerne essen, aber ohne diese elende Vanillesauce. Die Affinität der Österreicher zu Vanillesauce hat sie ohnehin nie verstanden. Am liebsten würden sie über ihren Schweinsbraten die Vanillesauce geben, wenn sie es könnten. Die Vanillesauce ist ein Grundproblem in Österreich. Ihre dicke Konsistenz ist nichts anderes als der Mantel, den man über die Verschwendung von Steuergeld legt und alle mit der charmanten, cremigen Art einlullt. Ihre Ablehnung von Vanillesauce findet er lächerlich. Er findet sehr oft etwas lächerlich, was sie so sagt. Es ist so semiesoterisch. So ist das bei Menschen am Land aber, die haben immer die falschen Theorien. Also nicht unbedingt falsch, aber man merkt, dass sie etwas zurückgeblieben sind in ihrer Überlegung. Mit der Digitalisierung wird das dann vielleicht etwas besser. Aber das dauert, wie er schon gesagt hat, noch etwas länger. Sie sei eh nicht so wie die anderen Menschen auf dem Land, sie hat sich gut emanzipiziert und eine Ahnung von den politischen Dingen. Zumindest in den Grundeinsichten. Wenn man in Wien wohnt, bekommt man natürlich viel mehr von der Stimmung mit. Da sind die Probleme schon noch größer und nicht, ob der der Bürgermeister die Baubewilligung auftreiben konnte. Nein, sie soll jetzt nicht die beleidigte Leberwurst sein, so habe er das jetzt nicht gemeint. Sie wisse schon, wie er das meine. Sie sei schließlich nicht dumm, deswegen wisse sie auch, dass sie sich das “Ja” abschminken könne. Sie wäre doch ein vernünftiges Fräulein.

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