Projekt [txt]

[txt] Phantomschmerz.

Neue Lebenswege gehen. Alles ganz einfach, hat P. gesagt. Man braucht bloß seine Gewohnheiten ändern, vielleicht in eine andere Wohnung ziehen, neue Hobbys finden, alles ganz leicht.  Oder einfach mal ans Meer fahren oder an einen See. Dann ist das alles gar nicht so schlimm. Man kann auch gleich seine Essgewohnheiten ändern, das täte ihr ganz bestimmt gut, hat P. dann noch gemeint. Man lebt jetzt in einem Optimierungszeitalter und sie müsse sich auch langsam anpassen lernen, sie wolle ja nicht zurückbleiben und sie hat sich schon zu lange gehen lassen. Eigentlich ist sie ja schon selbst schuld an ihrer Lage, sie hat ja das Falsche studiert, wenn man etwas heutzutage studieren soll, dann bitte etwas mit Wirtschaft oder Technik.  Ja, das studieren was einen interessiert war zuletzt in den Neunzigern modern und passt heute nicht mehr. So wie sie aussieht, sei das auch kein Wunder, dass sie nun auf sich allein gestellt ist. P. hat gelesen, dass das Aussehen für eine Bewerbung mindestens so wichtig ist wie die Qualifikation.  So wie sie aussehe wunderte es ihn nicht, dass sie so lange schon wartet auf die schönere Seiten im Leben. Die Sache mit C., darüber müsse sie schon langsam hinweg sein, es ist schon drei Jahre her und niemand verdient es, solange beweint zu werden. Liebe ist die Möglichkeit zur Profilierung, setzt P. noch nach. Es ist keine gute Beziehung, wenn man nicht gestärkt heraus geht. Das habe er doch schon vor Jahren gesagt. Das ist wie mit amputierten Beinen, ein Phantomschmerz, der bloß entsteht, weil man keine neue Muster entwickelt hat. Er wisse schon, dass sie C. ganz gern gehabt habe, und er müsse zugeben, dass sie gemeinsam auf Fotos auch halbwegs gut zusammen aussahen. Man sieht ja auf Fotos bereits, ob Menschen zusammenpassen oder nicht. Sie habe mit C. jemanden gefunden, der zu ihrem Level passt. Das wisse sie ja selber, dass sie maximal eine vier ist und C. schon eine klare Sechs, aber zwei Levels drüber unter drunter sind noch verkraftbar für alle. Jetzt wo C. schon das dritte Jahr weg ist, müsse sie weiter an sich selbst arbeiten, sonst wird sie zur Drei oder gar zur Zwei und das könne er in seiner Position als gut meinender Freund nicht risikieren. Sie könne ja mit ins Fitnessstudio mitgehen, zumindest zweimal pro Woche. Alle anderen trainieren mittlerweile viermal pro Woche, aber das schaffe sie in ihrer derzeitigen Lage sicher noch nicht.  Sie müsse sich dafür aber neue Kleidung kaufen, so wie das Zeug, das sie jetzt trage, könne sie kein Fitnessstudio betreten. Man müsse schon gut aussehen, wenn man sich dafür entscheide in der Öffentlichkeit Sport zu machen.  Das ärgerte sie natürlich alles, weil auch die Sekretärin von ihrem Frauenarzt hat ihr von so einer neuartigen Methode erzählt, wo man sich einen Anzug überziehen muss und zwanzig Minuten Training sind dann soviel wert wie eineinhalb Stunden Sport machen.  Die hat auch schon gemeint, dass das was für sie wäre und nun auch P., der so auf neue Muster beharrte.  Sie liege einfach immer falsch, hat P. noch von sich gegeben. Das zeige sie schon, nachdem was sie ihm alle erzählt habe. Sie liege immer unten, und setze sich so wenig drauf. Sie werde und würde nicht, sie wisse schon. Er würde mit ihr auch gerne eine Detox-Kur machen, das schade ihm genauso wenig wie ihr und vielleicht wolle sie mit auf Urlaub fahren? Das ist mit den Schmerzen sei jedenfalls eingebildet, da sei er sich sicher.

 

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