Projekt [txt]

[txt] grenzenlos.

Immer, wenn ich vorbei an den drei Kiefern laufe, den weißen Schotter betrete, der von der Wärme des Tages aufgewärmt ist, dann denke ich daran: Bald ist Glück. 47 Stufen bis Glück. Ich habe das Glück seit 8 Jahren nicht mehr besucht. Das Glück war immer nur zu zweit möglich. Im Sommer, in der Augusthitze, die von Gewittern und Kaltfronten geschwängert war, vom Schatten, der nachmittags um vier Uhr hereinbrach, weil die Berge viel zu hoch und die Seen viel zu tief waren. Sie wusste das Glück zu schätzen, welches zwischen den Kiefern vor und hinter dem Haus, von den Platanen im Vorgarten und den Rosensträuchern, die den Weg zäumten, zu finden war. Den ganzen Hausrat nahm sie mit ins Paradies, wie sie es nannte. Im Paradies sollte es an nichts fehlen. Doch das Fehlen hatte sich bereits in den Ritzen des Ferienhauses eingesetzt. Er fehlte ihr, seit 22 Jahren schon. Er war zwischen den Zeiten der Welt verloren gegangen, er war auch kurzzeitig im Krieg verloren gegangen, doch das erzählte sie nur, wenn der Rotwein ihre dünnen Lippen redseliger machte. Ich fragte nie danach, man lernt mit fortwährenden Tagen, dass man mehr Antworten erhält, wenn man nicht fragt, sondern erzählen lässt. So sorgte ich häufig für Rotwein, genug um laue Sommernächte mit Erzählungen von früher zu bereichern. Der Wind tobte manchmal, wenn die alte Frau aus dem Fenster sah und das Wasser des Sees hochpeitschte und die Badeterrasse überflutete. Sie sah häufig aus dem Doppelflügelfenster, das sie öffnete oder zu öffnen versuchte und indes meine Hilfe beiläufig annahm. Dann zeigte sie mit ihren knöcheren Fingern, die sich bei Gehaktivitäten häufig in meine Unterarme bohrten auf die Berge und verriet, welche Berge er bestiegen hatte, welche er erlaufen hatte, er ist Sportler, Fräulein, sagte sie so unbedacht, als hätte sie sich über die Zeit hinweggesetzt und als würde er leben. Wahrscheinlich hätte man in diesem Moment bemerken müssen, dass die Zeit sie mit Demenz bedacht hatte. Ich tat es nicht, es war eher ein Aussetzen der Zeit, dass ich als bemerkenswertes Kriterium für fortlaufendes Alter anerkannte. Das Fräulein aus ihrem Mund klang vornehm, ich erbat mir förmlich diese Benennung meinerseits und mochte es noch mehr, wenn aus ihrem Mund die Bitte um Tee oder Bananenmilch kam. Für das Fräulein musste ich stets eine weitere Portion richten, und ich erlebte diese Aufteilung meiner Persönlichkeit als angenehmer Effekt, da ich Pause von mir selbst machen durfte. Während sie die Bananenmilch schlurfte, sie mussten stehts zwei Eiswürfeln und nicht mehr enthalten, erzählte sie von Glück und ich war mir sicher, dass sie mit Glück das Gegenteil von Einsamkeit meinte. Sie war einsam, das sah man an ihren eisblauen Augen, die sich in jedem Moment der Zweisamkeit festbohrten, um nicht abhanden zu kommen.  Glück, so meinte sie beiläufig, wäre das Finden von Dingen, die einen nicht mehr verlassen und das käme äußerst selten vor, und ich möge aufpassen, wenn ich Dinge finde, die bleiben und ihr sei wenigstens dieses Ferienhaus geblieben, und so müsse sie es als Glück betrachten, die Alleinsamkeit hier etwas aufhalten zu können.

Wie wenig ich davon verstand, wurde mir erst rückwirkend bewusst. Als die alte Dame starb, war es November geworden und ich suchte mein Glück in der Selbstfindung und in Menschen, die mir das Gefühl gaben, gut zu sein und vor allem nützlich. Ich ahnte nicht, dass dies kein Glück ist, sich selbst zu erkennen und davor erschrocken zurückweichen zu müssen, noch dass gebraucht werden auch immer eine Form von Ausnutzung sein kann. Die alte Dame hatte mir nach ihrem Tod einen Schlüssel für ihr Ferienhaus vermacht. Damit ich etwas hätte, was bleibt. Seitdem sind knapp 10 Jahre vergangen. Womöglich würde ich dieses Jahr zum Haus mit dem weißen Schotter und den Kiefern fahren, um zu sehen, ob der Schlüssel noch passt.

 

 

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