Projekt [Sterbenswörtchen]

[Sterbenswörtchen] Andreas Dutter.

Wer sind diese großartigen Autor/-innen, die hie und da ein Sterbenswörtchen verlieren? Mein Gast ist diesmal Andreas Dutter, Jahrgang 1992, der seit vielen Jahren bloggt und Bücher schreibt. Andi hat nach seiner Matura in Wiener Neustadt Kultur- und Sozialanthropologie in Wien studiert und arbeitet nebenbei als Blogger und unterhält seine Fans mit witzigen Youtube-Videos auf seinem Channel BrividoLibro. Ganz besonders erwähnenswert ist seine Karriere als Schriftsteller:  So hat er bisher mitunter auch mit dem Pseudonym Olivia Mikula in der Verlagsgruppe Carlsen, Verlagsgruppe Droemer Knaur, Verlagsgruppe Hanser, Drachenmond Verlag, Spielberg Verlag sowie im Titus Verlag veröffentlicht. Natürlich ist Andi so ein netter Mensch, dass er mir Rede und Antwort zum Thema Tod und Sterben stand:

 

Was bedeutet der Tod für dein Schreiben?

Der Tod ist für mich ein wichtiger Bestandteil beim Schreiben. Warum? Weil die Angst vor dem Sterben oft eine Motivation ist, aus die heraus ein Charakter handelt. Entweder will er nicht, dass er stirbt oder dass jemand von seinen Liebsten stirbt. Auch oft bei Fantasy: Die ganze Welt ist bedroht und alle Lebewesen könnten sterben. Den Tod verhindern zu wollen, ist ein riesiges, nachvollziehbares Ziel, das ein Protagonist oder eine Protagonistin verfolgen kann. Nicht nur das.  Auch der Tod an sich kann eine Handlung vorantreiben. Durch den Tod eines geliebten Menschen, kann sich ein Charakter ganz anders Entwickeln, als ohne. Es gibt viele Beispiele von notwendigen Toden in der Literatur oder in Filmen. Bei mir spielt der Tod auf jeden Fall immer eine Rolle.

Wie politisch ist der Tod?

Ist der Tod politisch? Jein. Tod ist oft politisch. Sei es, weil es sich um Mord handelt oder weil jemand nicht die Möglichkeit hat, wichtige medizinische Versorgungen in Anspruch zu nehmen. Vielleicht hat jemand nicht die finanziellen Mittel? Oder jemand schafft es – warum auch immer – nicht, sich und seinen Körper so zu behandeln, dass ihm ein langes Leben möglich ist. Lassen wir Unfälle oder Zufälle außer Acht, steht hinter dem Tod oft eine politische Ursache.

Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?

Wie alles in den sozialen Medien, leider, leider, leider, sehr schnelllebig. Man scrollt durch Facebook und sieht eine Todesmeldung. Fühlt eine kurze Zeit mit den Angehörigen mit, hofft, dass einem oder den Lieben sowas nicht passiert, ist bestürzt und trauert. Aber dann scrollt man weiter und sieht Katzenbabys. Oft wird er – auch hier wieder – leider, leider, leider als Aufhänger benutzt. Todesmeldungen werden noch immer groß mit Schwarzweißbild und roter fetter Schrift als große Meldung verwendet, mit der viele Medien online versuchen, Reichweite zu generieren. Leider, leider, leider nicht wirklich, um NUR aufrichtige Anteilnahme zu zeigen. Was ich alles sehr schade und bedenklich finde.

Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?

Erinnerungen. Die Welt, wäre nicht die, die sie ist, ohne jeden einzelnen Menschen, den es gibt, gegeben hat oder jemals geben wird. Deswegen ist auch jeder Mensch wertvoll. Gibt es die Menschheit nicht mehr, bleibt trotzdem unsere Geschichte. Sie ist zwar nicht mehr aufgeschrieben und niemand kann sie lesen, weil es niemanden mehr gibt, aber unser Fußabdruck in der nicht in Wort gefassten Geschichte des Universums bleibt.

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?

Auch hier: Erinnerungen. Ich spreche auch bewusst nicht von jemanden, der sich an mich erinnert. Es ist eher ein: Ich habe mal existiert und das kann mir niemand absprechen. Diese Gewissheit, dass ich von all dem ein Teil gewesen bin. Was geht, wenn ich bleibe? Solange ich bleibe, gehen meine Taten, solange ich da bin, rückwärts und machen sich in der Vergangenheit bemerkbar. Sollte ich unsterblich sein und für immer bleiben, … Dann, ja dann, geht mein Ende. Denn würde ich nie mein Ende haben, würde genau dieses Ende, das Ende meines Lebens, gehen. Es würde ja nie stattfinden. Es würde vermutlich auch viel Rationalität und Wissenschaft gehen, da es Einiges umwerfen würde, würde ich ewig bleiben.

Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Musik, Bild) drückt den Tod am besten aus?

Eigentlich gar keines. Mir ist spontan „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“ eingefallen, aber so richtig nah würde wohl nichts an den Tod herankommen. Für mich.

Wie viele Tode kann man sterben?

Einen. Diese Möchtegern-Philosophischen Tode, wenn etwas Schlimmes passiert oder das alte Ich, wegen eines Schicksalsschlags stirbt und man ein neues Kapitel mit einem neuen Ich beginnt oder … ein neues Leben startet, weil man das alte nicht mehr so führen möchte und die Brücken zur Vergangenheit abreißt, finde ich viel zu romantisiert dafür, was der Tod wirklich bedeutet. Nämlich sterben. Wie gesagt, sind das nur meine Gedanken. Jeder kann, darf und soll das ruhig anders sehen.

Welchen Zustand hat der Tod?
Eine feste, unüberbrückbare, unendliche Endgültigkeit.

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Ich bin – denke ich – nicht wirklich gläubig, aber nur rein auf den Tod bezogen, wäre ich es manchmal gerne. Manchmal erwische ich mich auch dabei, dass ich mir trostspendende Gedanken einrede, um mir solche Sachen zu erleichtern, weil in mir ja trotzdem diese einprozentige Hoffnung ist, dass ich mich geirrt habe und es ein Danach gibt. Ich denke, der Glaube spendet viel Trost. Der Glaube macht den Tod nicht so gefährlich, schwächt ihn ab und man kann sich leichter mit ihm arrangieren und durch das Leben gehen. Weil man daran glaubt, danach kommt etwas. Oder: Man sieht sich wieder. Nichtsdestotrotz ist er für alle schlimm. Für mich selbst bedeutet es, dass ich (und alles hat Vor- und Nachteile) aus dem Eigentlich-Nicht-gläubig-Sein den Nachteil ziehe, dass der Tod sehr grausam und roh ist. Ohne ein Aber. Es ist für mich ein endgültiges Ende. Das Aus, ohne ein Danach. Das ist zwar echt … scheiße und macht vieles schwer (Krankheiten, Verlust eines geliebten Menschen oder die Angst vor dem eigenen Tod), aber so ist es wohl eben. Dafür dürfen wir überhaupt erst leben. Denn zu sterben, bedeutet, dass man gelebt hat. Wenn man bedenkt, wie wahrscheinlich es ist, geboren zu werden, ist dies wohl der faire Preis. Trotzdem denke ich, dass der Tod im Moment, in dem man davon erfährt, nahezu für alle gleich schlimm ist.

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Puh, wo fängt man da an? Das wäre selbst für ein Buch zu lang.

 

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Es gibt außerdem HIER fantastische Bücher von Andi!