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[txt] selten.

Die Frage, ob ich Zeit hätte, war immer eine Frage der Zärtlichkeit. Sie fragte mich selten danach, ob ich Zeit hätte, nur in äußerst prekären, ihr umständlich verloren gegangenen Zeiten. In den meisten Stunden war ich auf mich alleine gestellt, behütet von Tageslicht und der Gewissheit, dass irgendwann wieder die Frage nach der Zeit käme. Ich hielt die Zeit in der Hosentasche und holte sie gegebenfalls vom Zimmer, damit ja genug Zeit da wäre, würde von ihr etwas benötigt werden. Die Liebe hat sich in dem Fall als Frage verkleidet. Eine Demaskierung wäre im Anbetracht der Dinge unangebracht gewesen. Die Frage nach der Zeit stellte sich in Dörfern, so wie wir sie bewohnten äußerst selten. In Dörfern war sehr wenig Zeit, sie verstrich mit dem Wind, der in der Gerste hing, die sich bereits im Mai golden färbte. Niemand in den Dörfern hat Zeit, denn Arbeit war Gebot der ersten Stunde. Man begann die Arbeit zumeist um fünf Uhr früh und endete mit dem Untergang der Sonne, manchmal zerschnitt man die Stille der Nacht mit Geräuschen. Die Auszeit von der Arbeit wurde als solche nie tituliert, und mit Auszeit meinte man das Trinken alkoholischer Getränke. Das schlug sich in Dörfern immer aufs Gemüt nieder. Das Gemüt veranlasste die halbjährliche Tötung von Katzenkindern mit dem Spaten. Es schlug sich nur auf das Gemüt der Kinder dann, die den zurückgebliebenen Blutfleck auf dem Beton nicht zu deuten vermochten.  Manche im Dorf empfahlen das Töten durch Ertränken und es ging je nach Jahreszeit mit kaltem oder warmen Wasser besser. Das Aussetzen wurde als unmenschlichste Methode von den ganzen Menschen im Dorf gesehen, man wäre dem Fuchs und dem Marder keine Beute vergönnt. Erschlagen und Ertränken ergäben wenigstens, dass die Tiere nicht leiden müssten, und es ist sehr praktisch aus Katzen Dünger zu machen, wenn man sie auf dem Misthaufen vergräbt.

Im Dorf gibt es viele Hunde. Die Hunde verständigten sich in der Nacht, wenn die Menschen ihren Schlaf suchten. Die Hunde an den Ketten und in den Innenhöfen konnte man noch außerhalb des Dorfes hören. Den Hunden an den Ketten erging es schlechter als jenen, die frei laufen durften. Zäune gab es in dem Dorf nicht. Für seine Leute brauchte man nie Grenzen und sonst gab es genug für die, die nicht kommen sollten. Es gab auch welche, die bloß im Scherz sagten, dass die, die nicht kommen sollten auch einen Spaten oder das Wasser bräuchten, oder zumindest Ketten wie die Hundskrüppel, die in der Nacht keine Ruhe gaben. Die Hunde an den Ketten bekamen oft die Gedärme zu fressen, die man nach den nicht erlaubten Schlachtungen im Innenhof oder in Wirtschaftsgebäuden aus den Tieren herausräumte. Zuvor brachen sie den Tieren häufig die Knöchel, das schlägt sich auf das Gemüt, positiv natürlich, und Notfallschlachtungen sind ein Volksfest. Auf dem dritten Volksfest des Jahres erzählt einer, dass sein Hund sogar die Blase gefressen habe und da sehe man, dass diese Krüppel alles essen, was man ihne so vorläge. Die bot die Vorlage, dass der nächste schon erzählte, dass sein Hund der größte Krüppel wäre, weil er immer so an den Ketten zieht und so an den Ketten ziehe, dass die Kette sich in die bereits offene Wunde hineinwachse und das jetzt ein Kettenhund wäre. Darauf musste die Anekdote erzählt werden, dass der Hund des dritten Dörflers einen Chihuahua gefressen habe und dies nur durch das Ausscheiden des Halsbandes erkenntlich gemacht wurde. Auf dem Volksfest lachen alle.

(Auszug)

 

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