Allgemein,  Projekt [txt]

[txt] Schatz.

Heute bist du fast neben mir gesessen. Im Wartezimmer beim Arzt.  Krank hast du nicht wirklich ausgesehen, aber du kannst dich gut schminken und Augenringe hat schließlich jeder zweite Mensch. Aufrecht sitzt du da, siehst in die Menge an kranken Menschen, und ekelst dich ein bisschen, das sieht man dir an. Es ist dir zu laut, du ziehst eine Augenbraue nach oben, machst das rechte Auge zu und ziehst die auf derselben Seite sitzende Schulter Richtung Kopf. Du siehst nun auf deine Schuhe, deine Lippen bewegen sich. Es sieht aus, als würdest du zu deinen Schuhen reden, einen Schlachtplan ausmachen, fliehen wollen, immer weiter, einfach weg aus dieser Realität. Neben dir sitzt ein Mann, er hat dich schon beim Hereinkommen begrüßt, du kennst ihn von früher. Der Mann sieht dich an, und du versuchst zu lächeln, aber mehr als ein schiefes Irgendetwas in deinem Gesicht verzogen zu etwas bekommst du nicht mehr hin. “Wie gehts dir denn?”, fragt er dich und schaut dich erwartungsvoll an. Du willst nicht antworten, nicht jetzt, man sieht es dir an, du blickst ihn kurz an, und wieder zu deinen schwarzen Halbstiefeln. “Ich hab gehört, was passiert ist”, bohrt er weiter und du willst in dich zusammenfallen, dich selbst unsichtbar machen, ihn unsichtbar machen, nur damit du ihm nicht antworten musst. Du presst deine Lippen zusammen, ich weiß, du denkst Lippenbekenntnisse sind schwer und was geht es ihn an, wie es dir gerade geht. “Ja, muss gehen”, wirfst du in den Raum hinein. “Das kann ich mir vorstellen, dass es dir gerade nicht so gut geht, jetzt wo sich alles verändert hat”, haut er dir entgegen. “Ja, schon”, sagst du, deine Stimme klingt heiser. Niemand soll hören, wie es dir geht. “An deiner Stelle wäre ich ganz fertig, dass mit deinem Schatz und so und würd nicht mehr so gerade dasitzen wie du gerade”, schwadroniert er ungeniert, “ist echt arg, was dir so passiert ist.” Du willst nichts sagen, es reicht dir, du willst aufstehen und gehen und die ganze Welt anschreien, und dich auf deinen Namen berufen und so sein wie eine Königin, erhaben, mutvoll, und furchtlos. Du setzt an, fährst deine Messer aus, redest lauter als notwendig, damit es jeder hören kann, Angriff ist immer die beste Verteidigung, fällt einem ein. “Ja, es ist ein Wahnsinn, das mit ihm, und es geht, wie es einem halt gehen muss, wenn plötzlich alles auseinander fällt, und zwar alles, was man je gehabt hat, so ist das nämlich, wenn das Leben absolut ist, es führt unweigerlich zum Tod, es gibt keinen Ausweg, auch für dich nicht und für mich nicht, es gibt nichts, was gegen den Tod hilft außer das Leben und wenn man das Leben verliert, dann ist das auch weg!”, wirst du ihm in den Rachen, dieses Gesöff aus Verbitterung und Verwundbarkeit und er zuckt bloß mit den Schultern. Eine Dame kommt herein, wechselt die Prospekte aus, oberhalb von dir, an der Halterung für die ganzen Prospekte. Du siehst ihr zuerst zu, wendest deinen Blick dann ab und wirfst Speere aus deinen eiskalten Augen in seine zuckenden Schultern, er soll endlich still sein ja. “Eh”, sagt er dann. Das reicht dir nicht, du setzt erneut an: “Es ist kein Spaß, im selben Jahr nachhause zu kommen und seinen Vater an der Decke baumeln zu sehen,  mit seinen toten Augen, die eine Stunde zuvor noch lebendig waren, nichts hat dagegen geholfen, der Tod holt alle, auch ihn, aber er hat mit dem Tod ja freiwillig gespielt und verloren. Und was jetzt? Im selben Jahr hab ich mit ansehen müssen, wie mir das, was ich am liebsten hab, genommen wird, einfach so, nichts konnte ich dagegen tun, gegen manche Krankheiten hilft nichts außer das Sterben. ” Das Wartezimmer hat aufgehört zu atmen, deine Geschichte wollte niemand hören, aber niemand wendete sich ab. Das ist wie mit dem anderen Tratsch, den hört man sich auch an, auch wenn es einen betrifft, nur damit man etwas zu erzählen kann. Die alte Frau neben dir schämt sich. Sie schämt sich für ihr Alter, sie will sich für ihr Altsein entschuldigen, ihr wäre es lieber ein paar Jüngere gerettet zu haben, als dich jetzt dazusitzen sehen und sich für ihr Sein nonverbal entschuldigen zu müssen. “Ja, blöde Geschichte, so spielt das Leben”, sagt der schulterzuckende Mann neben dir und du verspürst den Drang, ihn leiden zu lassen. Dein Blick ist starr auf ihn gerichtet. “Diese Woche Freitag ist Begräbnis um 11.00”, gibst du schlussendlich von dir. Der Doktor lässt ihn aufrufen. Er bewegt sich etwas geplagt Richtung Ordinationstür. “Ich muss jetzt zum Arzt rein, war schön dich getroffen zu haben”, floskelt er in deine Richtung. “Man sieht sich”, gibst du ihm mit in das Ordinationszimmer, und deine Füße scharren am Boden.  Außer diesem Geräusch ist nichts mehr zu hören, alle atmen so leise wie sie können und blicken zu Boden, niemand will dich ansehen. Zwei Minuten dauern ewig, wenn niemand redet, und versucht unsichtbar zu sein, damit du und dein Leid Platz genug haben. Du bist dran, stehst auf, gehst in Richtung Ordinationszimmer und schlängelst dich an dem schulterzuckenden Mann vorbei. Ich atme auf, aber die Luft ist verpestet in diesem Wartezimmer, das weißt du.

Bildnachweis