Projekt [txt]

Projekt [txt] Narrenfreiheit.

Ich hab dich gehen lassen, einfach so.  Du bist tot neben mir im Bett gelegen und hast aufgehört zu atmen. Dabei warst du doch noch jung. Also nicht mehr ganz so jung, mittlerweile warst du schon ein Mensch, der nicht mehr alle Hoffnungen neben sich aufm Bett geparkt gehabt hat. Du hast schon manchmal vom Sterben geredet, bloß so ein bisschen. Aber du hast auch über Kinder geredet und wie das ist, wenn man mit jemanden sein ganzes Leben verbringen kann, du hast auch über Elektroautos geredet und jeden Tag über das Wetter. Jeden Tag bist du aufgewacht, hast auf dein Smartphone gesehen, hast das Wetter gecheckt und dich dann entschlossen, was du anziehen sollst. Diesen Moment werde ich nicht vergessen, wie du in diesem einen kühlen Sommer deinen Schrank aufgemacht hast, und deinen Pullover mit den Pferden herausgenommen hast. Ich habe dich deswegen ausgelacht, weil es einfach zu lächerlich war, so ein Teil in deinem Alter anzuziehen, aber du meintest, dass du denn später gar nicht mehr anziehen kannst, weil dann bist du wirklich zu alt dafür. Alt bist du nicht geworden, du liegst jetzt steif neben mir, wo ist dein heatbeat, deiner, den ich immer wieder und andauernd hören will, ständig, because a heartbeat skipped a beat. Da ist kein Heartbeat mehr, kein Atem und deine Augen geschlossen. Deine Augen waren nie geschlossen, wenn ich schon eingeschlafen war, du warst damit beschäftigt mich anzuschauen, mir die Haare aus dem Gesicht zu streichen und voller Glück zu lächeln, wenn ich meine Hände in deinen Bart vergraben hatte. Oft lief Musik noch, du zeigtest mir damals vor Begeisterung den Indie Release Radar, und will ich deinen Radar spüren, nur du bist nicht mehr da. Du wirst immer unbeweglicher und wirst langsam kalt. Du warst immer so warm, ich hab kaum mehr eine Decke gebraucht, du hast dann immer kalt geduscht, weil du so warm warst und nun wirst du kalt und ich kann nichts dagegen tun. Diesen Moment, ich will niemanden anrufen, nicht die Rettung, nicht meine Eltern, nicht deine, ich will niemanden anrufen, denn alles was ich dann sage erklärt dich endgültig tot. Ich will dich nicht tot sagen, ich werde dich wachrütteln, ich werde dich solange schaukeln bis du wach bist, ich werde dich küssen, oder kneifen oder beides zusammen, damit du wieder aufwachst, damit du nicht tot bist, und du bist nicht tot, wenn ich nicht sage, dass du tot bist. Ich will dich anschreien, dass du zurückkommst, ich will dir sagen, dass du doof bist, und so war das mit Narrenfreiheit nicht gemeint.  Du kannst nicht sterben und so tun, als wäre es etwas, dass man tun kann, einfach so, was andere nicht einfach so machen, was hast du dir dabei gedacht. Dein Wecker läutet, hinein in diese Stille, nein, hinein in das potentielle Hyperventilieren, das kommt, wenn ich deinen Wecker abdrücke, weil das bedeutet, dass du dann tot bist. Dein Wecker läutet, ich lasse ihn läuten. Tot bist du nämlich erst, wenn ich es sage. Ich hätte aufpassen sollen auf dich, ich hätte merken müssen, dass du gestern wieder todtraurig warst. Du hast gesagt gehabt, dass es dir nicht gut geht, du hast gesagt, dass die Welt nicht besser wird, die Welt ist grausam und schlecht, genau das hast du in den Raum geworfen und ich habe schief gegrinst und dir recht gegeben. Du bist gestern ins Bad verschwunden, du sagtest, du wolltest noch etwas Wasser trinken. Hast du auch, aber deine Tabletten auch, in Überdosis, ich sehe deine leeren Schachteln auf dem Boden liegen, die Badezimmertür ist offen. Das hast du nicht getan, du nicht, du würdest nicht diese Art von Narrenfreiheit wählen, du hast gesagt, dass du eines Tages umfallen wirst, einfach so, von der Blödheit, mit der die Leute auf der Straße herumlaufen. Ich kann nicht laufen jetzt, ich sitze apathisch neben dir, stupse dich an, aber da kommt nichts mehr. Du hast mich alleine gelassen, in diesem Grau der Welt. Jetzt habe ich niemanden mehr, höre ich mich weinend sagen. Meine Hand greift zu deiner Zigarettenschachtel, auf der der Hinweis “Rauchen kann tödlich sein” steht, ich lache, stecke mir eine an. Auf dich, du Narr.

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