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[txt] Verklärte Welt.

Diese Welt hatte sich gefangen in ihrer dreisten Übertreibung und Poesie, die sie selbst nicht wollte. Nichts von alledem, was real und überschaubar war, ist ihr geblieben. Die Welt hatte sich die letzten Jahre in einem dieser unheilvollen Orte der Visionen verwandelt, in welcher jeder träumte, er könne alle erleben. Jeder meinte, es bräuchte nur etwas mehr Zeit, dann würde es werden. Jeder war der Ansicht, dass man alles erreichen konnte, wenn man es nur wollte. So ging es auch Herrn T. T war an Hoffnungen und an Träume gewohnt worden. Man erzählte ihm all die Lügen, die in der Zeitung standen und auch die Lügen, welche man zwischen den Zeilen, zwischen den Gesprächen, zwischen den Tagen und Nächten bei Menschen, die sich ebenso ihre Lügen auftischten, war er emporgekommen, wie eine Pflanze, die die Sonne scheute, wenn es zu hell war. T wollte seine Zeit nicht weiter mit Lügen verbringen und so kam er zu dem unredlichen Schluss, so würden es jedenfalls Andere bezeichnen, dass er mit dem Denken aufhören wollte. T überlegte sich zunächst, wie er das angehen könne, nicht zu denken. Aber wenn er überlegte, so dachte er doch auch und so war sein nächster Gedanke, mit dem Denken kann man über das Denken nicht aufhören. Seine Wohnung begann er auszuräumen, jede einzelne Erinnerung zu vernichten. Kein Gegenstand bliebt mehr in der Wohnung. Wenn er nicht essen konnte, nicht lesen konnte, nichts hätte, als die weißen Wände, dann würde er sein Leben in den Griff bekommen, realistisch sein, nicht denken, in den Tag leben, irgendwann sterben. T. saß nun in der Wohnung, die weiß war, in den Ecken grau, an der Decke schwarz, er hatte nichts zu tun, als über das Rauchen nachzudenken. Eine nach der anderen steckte er sich an, Rauch qualmte an die Decke, fing sich in der Luft. Das Fenster wollte er nicht öffnen, denn da war die Welt draußen, die große Welt, die viel verhieß, nichts hielt, sich oft in Luft auflöste, heiße Luft. T saß da, am Boden, in einer Wohnung, die sich so anfühlte, wie er sich selbst im Inneren gestaltete. Nach außen war er immer so bunt gewesen, innen war es schwarz. Diese Schwärze wollte er übertragen. T kaufte sich schwarze Farbe. T strich die Wände, alle Wände in schwarz.  Die Fenster verklebte er in Schwarz.  Er saß im Schwarz, er war schwarz.  Endlich schwarz. Er dachte nach. Noch immer. T legte sich auf den Boden, atmete tief ein und aus, wie er es gehört hatte auf einer dieser Yoga-CDs, die man Menschen schenkte, wenn man nicht wusste,was man ihnen sonst schenken sollte. Einatmen, ausatmen, einatmen, ausatmen. Atem. Er hielt die Luft an. Herzschlag hören, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig, vierundzwanzig, zuwenigzwanzig. Ich muss sterben, um nicht zu denken, nur der Tod hilft mir, dann muss ich nicht denken, dachte T. . war sich eins mit sich und der Welt, dieser Beschluss musste gefasst werden, tot konnte man nicht denken. Weiß half nicht beim Nicht-Denken, schwarz half nicht beim Nicht-Denken. Rauch half nicht, nicht nicht zu denken. Erinnerungen bauten sich auch so in seinem ohnehin viel zu schweren Kopf auf. T. beschloss, nicht mehr existieren zu wollen. Existenz ist das Übel jeden Lebens. T legte sich hin, schloss die Augen, hielt die Luft an. Diesmal würde er nicht mehr ausatmen. Oder einatmen. Oder zählen. Oder existieren.

 

 

 

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