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[txt] Trübungen.

“Vielleicht ist das alles gar nicht so”, sagst du mir, “man kann nämlich statistisch gesehen mehr Pech haben als andere.”

Ich frag dich, ob du schon mal darüber nachgedacht hast, dass es in Englisch kein Pech gibt, sondern bloß “bad luck”, also schlechtes Glück. “Ja stimmt”, entgegnest du, “und manchmal stell ich mir die Frage, wenn ich bei meinem Stammlokal vorbei geh und all die vergessen Überreste von glücklichen Männern an der Bar sitzen sehe, wo sitzen die femininen Kontraparts dazu?”

Das mit den Kontraparts ist eine schwierige Sache, hab ich dir entgegnet und manchmal bleibt einem nichts anders als die Mittelmäßigkeit zu hassen, sagst dann wiederum du. So ist das doch immer, mit dieser Mittelmäßigkeit. Man ist zuwenig, und soll sich schleichen oder man ist zuviel und soll auch gehen.

Im Österreichischen sagt man nämlich “schleichen”, wenn jemand so schnell als möglich verschwinden soll und irgendwie kann einem nur der Gedanke gefallen, dass man leise geht.

“Leise Abschiede sind mein Fachgebiet”, flüsterst du.
“Ich kann mich auch schleichen, wenn du willst”, sage ich und färbe meine Augen zu trüben Milchglas.

Vielleicht war das keine gute Idee, dass du mir gewünscht hast, eines Tages in derb guten Zeiten aufzuwachen.
Du hast der Mittelmäßigkeit den Kampf angesagt, so als Zeitüberbrückung in unseren Zwanzigern.

“Als würde uns das was nützen, wenn wir wieder in den Innenbezirken mitten in der Nacht nachhause laufen, viel zu betrunken und realitätsfern, weil das auch irgendwie seltsam ist, wenn man über Nacht bleibt, wenn der andere will, dass man sich schleicht und in diesem Schleier aus trüben Milchglas versucht sich vor Beschämung zu verstecken, weil man wieder einmal nicht reicht, da nützen all die schönen Sonntage in Parks nichts”, rollt es heraus aus mir, dieser große Stein, den ich dir nicht zeigen wollte.

“Nicht fein, zach fast”, wirfst du halt in den Raum, damit der Raum nicht voller Anschuldigungen ist, die gar nicht dir gebühren und halt doch, weil du eine Teilmenge dieser Beschuldigten bist.

“Wir haben uns das mit den Zwanzigern wohl einfach schöner vorgestellt”, werfe ich in den Raum dazu.

“Ja, eh”, sagst du.

 

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