Allgemein,  Prosa

Radikalität und Rassismus.

Seit Wochen sagst du mir, dass ich wütend bin.
“Warum bist du dauernd so wütend? Es gibt keinen Grund dazu”, sagst du mir.

Du verstehst meine Gründe nicht. Ich bin wütend und ich weiß, dass es wenig bringt, dir meine Gründe darzulegen. Ich erzähle dir nicht mehr davon, dass es mich unendlich wütend macht, wie Menschen, die nicht in demselben Land wie du geboren sind, schlecht behandelt werden. Das mitten in Europa reiche Länder Menschen dahinsiechen lassen, als könnten sie nicht mehr leisten.  Ich rede schon gar nicht mehr davon, dass es mich wütend macht, wie Menschen radikal und ungebremst ihre Meinung kundtun, die alles andere als demokratisch ist.  Du lachst nur wieder, wenn ich etwas von Demokratiedefizit und öffentlicher Gefahr rede.  “Jeder Mensch darf seine eigene Meinung haben”, wirst du mich belehren und ich kann dir leider nur mehr beipflichten. Ja, es macht mich wütend, dass jeder Mensch seine eigene Meinung haben darf, egal wie verhetzend und radikal sie auch sein mag. Egal, wie sehr der Mensch dahinter seinen Hass an fremden, unschuldigen Menschen auslässt. “Die ganze Zeit so wütend sein, das muss doch irre anstrengend sein”, versuchst du mich zu beruhigen. Ja, es ist so verdammt anstrengend, dauerhaft wütend zu sein. Es ist anstrengend, nicht denselben Hass auf Menschen zu bekommen, die andere Menschen so sehr hassen, als wären sie Pest, bloß weil sie einer anderen Nationalität angehören. Es ist anstrengend, ständig die Parolen mit Fakten zu widerlegen, während das Gegenüber sich schon beim Versuch der Faktendarlegung die Ohren zuhält, mir die Zunge herausstreckt, die rechte Hand hochhält und durch die Gegend brüllt. Es ist anstrengend, dir erklären zu wollen, dass übertriebener Patriotismus etwas ist, auf das man wirklich nicht stolz sein braucht. Es ist anstrengend, dir aus vergangenen Zeiten zu erzählen und du meinst, dass es deswegen Geschichte heißt, weil es vergangen ist und nicht mehr kommt. Es ist anstrengend, dich darauf hinzuweisen, dass Geschichte auch das ist, was gerade  passiert, vor deiner Tür.

Es macht mich wütend, dass du kein Einsehen mit Menschen in Not hast, und Bedürfnisse mit Wünschen verwechselst. Es macht mich wütend, dass du dieselben Parolen 70 Jahre später wiederholst. Es macht mich wütend, dass du mich hasst, weil ich dich darauf hinweise, dass man bereits vor vielen Jahren Häuser angezündet hat, und das  in die Geschichte als berühmte Nacht eingegangen ist, grausam und menschenverachtend. Es macht mich wütend, dass  du jene wählst, die dir das Ende aller Probleme versprechen. Andere Menschen sind keine Probleme, aber du hörst denen zu, die dir genau das vorlügen, mit großen Megaphonen auf öffentlichen Plätzen. Es macht mich wütend, dass du Religionen mehr Wert beimisst als Menschen, die die Heimat verloren haben.

Du bist es doch, der ständig meint, dass unser Land so toll ist, und unsere Kultur gelebt werden soll. Du bist es, der ständig verlautbart, dass du so stolz auf dein Land bist und Heimat für dich so wichtig ist. Eigentlich müsstest du doch so voller Mitleid für Menschen sein, die genau das verloren haben.

 

 

Bild: pixabay / PublicDomainpictures

Ein Kommentar