Allgemein,  Prosa

Radikalität und Liebe.

Er kennt die Radikalität, weil er einsam ist. Gerade weil er einsam ist, kennt er die Radikalität. Radikalität verlangt nach der Brutalität der Dinge. Diese erlangt man durch Isolation, auslöten der eigenen Grenzen und die der anderer. Auf der Suche nach dem Angenommen werden, vollständig und ganz, versucht man denselben Weg wie den des Radikalen, in der Hoffnung, Liebe beugt sich jegliche Radikalität, sie würde erschauern und denselben Spielregeln folgen, die man für die Provokation des Radikalen erwählte. Liebe ist von sich aus radikal und provoziert, sie benötigt ihresgleichen kein zweites Mal. Sie wendet sich ab, wissen, dass das Normale, das Halb-Bejahende und das Halb-Verneinende das wäre, was er bräuchte. Die Einsamkeit lehrt ihm das Radikale, ohne Radikalität ist die Gefangenschaft in Einsamkeit der sichere Weg zum Tod. So lebt er wenigstens die Radikalität, wenn Liebe in ihrer Radikalität ihm verwehrt bleibt.

Ich kenne einen Mann, einen der in seiner Radikalität kaum zu überbieten ist. Zwischen seinem Morgenbier und dem ersten Anecken, sucht er beim Aufschließen seiner Türe die Liebe. Jeden Morgen, immer zu gleichen Zeit, die Haare ungewaschen, ungepflegt, geht er zur Türe, schließt auf und sucht zwischen Tür und Angel seine Liebe. Seit Jahren geht er zu dieser Tür, und hofft, dass eines Tages, die Liebe aus dem Rahmen fällt. Die fehlende Liebe, die er nicht anders, als im, um, auf, zwischen dem Rahmen der Türe sucht, kompensiert er mit Bier. Da gibt es das Morgenbier, das gerade-mal-Lust-drauf-Bier, das ich-hab-genug-gearbeitet-Bier, das es-war-gerade-so-nett-Bier, das ich-trink-bloß-mit-meinem-Nachbarn-Bier, das Feier-, Pausen-, Gute Nacht-Bier, das ein-Bier-würde-gerade-passen-Bier und das Ach-ich-scheiß-auf-alles-Bier. Dazwischen trinkt er das After-Sex-Bier und oder auch das After-Masturbations-Bier, hie und da trinkt er sogar ein Weil-ich-traurig-bin-Bier. Alles in allem verläuft sein Leben zwischen dem Aufsperren der Türe und dem Konsum von Bier, manchmal vergisst er sogar, dass er eigentlich die Liebe sucht.

Eines Tages kommt er auf die Idee, dass er das Leben verändern könnte, bloß nicht seins. Er liest Bücher, baut sich daraus eine Welt, in der das Tür aufsperren und der Bierkonsum passt, verlautbart seinen Lebenswandel und bekehrt die Welt. Er ist wütend, weil noch immer nicht aufgekehrt und sauber ist, und so radikalisiert er sich. Er bekehrt weiter, insistiert darauf, dass seine Meinung, die einzig Wahre ist, schenkt ungefragt Radikalität her und erntet nichts als Spott. Er redet von Offenbarung, und Lügenpresse, wirft eine Parole nach der anderen in den Raum, und besteht darauf, dass sie neu wären, weil er genau weiß, dass niemand alte Parolen hören will. Lange wird es nicht mehr dauern, und er wird sagen, dass das was er sagt, nicht so gemeint ist, und er wird darauf bestehen, dass man Scheiße ruhig erzählen kann, weil es ja die Meinungsfreiheit gibt. Mittags wird er bei Menschen sitzen, die auch genug Gründe kennen Bier zu trinken, und wird ihnen von seiner Welt erzählen, die soviel besser ist, als alle anderen zusammen. Er wird den Falschen die Schuld geben, weil er allein zu den Richtigen zählt. Irgendwann wird irgendwas passieren, nichts, dass es nicht auch schon gegeben hätte, und nichts, dass nicht wiederholbar wäre. Es wird was passieren, dann wird er sich ein Ach-ich-scheiß-auf-alles-Bier aufmachen, und sagen, dass er es immer schon gewusst hat.

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