Allgemein,  Prosa

Augenblickliche Momentaufnahme.

Man weiß nie so genau ob Begegnungen vom Schicksal in die Wege geleitet wurden und auch nicht, ob es bloß der Zufall war, der der Ansicht war, dass sich die Wege, und das nur unter ganz profanen Umständen, irgendwann mal kreuzen. Das Schicksal reagiert doch immer eingeschnappt, wenn der Zufall sein Werk salopp erledigt und dem Zufall ergeht es nicht besser, wenn das Schicksal überhöhte Vorstellungen hat, wie das Leben vonstatten gehen möge. In einem waren sich das Schicksal und der Zufall aber einig: Begegnungen sind Momentaufnahmen. Jede Momentaufnahme, so das Gesetz, hat einen besonderen Zauber inne, und nie kann eine Momentaufnahme die andere ersetzen. Momentaufnahmen waren also einzigartig konstruiert, und je nach Intensität waren Momentaufnahmen im Leben der Menschen ewig lang gespeichert oder so kurz im Gedächtnis, dass es beinahe Platzverschwendung war. Sicher konnte man sich erst immer im Nachhinein sein, sicherer, wenn Momentaufnahmen an Details geknüpft waren, die sich festgesetzt hatten, als wäre jegliche Erinnerung zuvor relativiert worden. Schöne Augen kann man unmöglich relativieren, dachte das Mädchen, als die dem Jungen in die Augen sah. Man konnte sich nie ganz sicher sein, ob es die Sterne waren, die man vereinzelt am Stadtrand bereits blinken sah oder ob es die Straßenlaternen waren, die die Nacht erhellten, aber die eben erwähnten Augen funkelten mindestens genauso schön wie die Sterne und erhellten mit ihrer Güte mindestens genauso wie die Straßenlaternen. Wäre es nicht so kalt gewesen,hätten die Augen wahrscheinlich die ganze Bushaltestelle aufgewärmt und der Restschnee hätte augenblicklich das Weite gesucht. Hatte man einmal in diese Augen gesehen, war man hoffnungslos in deren Blau verloren und mit ein wenig Imagination erzählten die Augen von dem Meer, das es noch sehen wollte und von einer Zukunft, die mehr Sicherheit versprach als alle anderen Zukünfte zuvor, ein leises Versprechen für die nächsten paar Minuten da zu sein und nicht zu gehen, und von den Reisen zu schwärmen, die noch nicht angetreten waren und gemacht werden mussten. Das war ein pittoreskes Bild, sich in diesen Augen zu verlieren, während die Nacht an Stunden verlor und der Bus nicht kommen wollte und man heimlich froh war, dass der Bus nicht kam, denn dann müsste man wieder an das Festland und da war der Boden der Resignation und Aussichtslosigkeit und wenigstens für diesen Abend wollte man diesem Boden am Festland entfliehen. Manchmal, das hatte man jetzt feststellen können, waren Worte überflüssig, wenn man Augen sah, die Geschichten selbst erzählen konnten. Sie erzählen von eine Vergangenheit, die voller Liebe gestreichelt wurde und gern hochgehalten wurde, sie erzählen von einer Gegenwart voller Genuss und von einer Zukunft, die noch voller Hoffnung war und voller Optimismus. Wenn man leise war hörte man, dass die Augen schon Verlust erlitten hatten und das man Angst hatte, dass dieser wieder eintreten würde – nicht ganz gewiss, ob auf ganz banale Weise oder auf höchst komplizierten Wegen. So gestatteten sich die Augen, einen Spiegel vorzusetzen, damit an in den Seelenpalast nicht sehen konnte, und das ganz gezielt, er war viel filigraner und kostbarer, als bei manchen anderen Seelenpalästen und da ist es von Vorteil für den Augenträger, den Ballsaal zu verschließen, wenn ein traurige Melodie erklingt. Vielleicht waren die Augen nur so klar, ganz sicher sein konnte man sich ja nicht, weil sie öfter gewaschen wurden, oder weil sie sich ihrer Reinigung mit Genuss hingaben. Die Augen ruhten im Raum oder an ihr, ganz klar war es nicht, aber manchmal da verspürte sie etwas Güte und Nachsicht und es schien, als könnten Augen fühlen, was ungesagt bleibt.

Sie hätte wohl weniger an die Augen gedacht und genug oft hineingesehen, so wie in das Lieblingsbuch, um die wichtigsten Passagen auswendig zu wissen, und sie sich auch in schwereren Zeiten vorstellen zu können, wäre ihr bewusst geworden, dass diese Augen, und das muss erwähnt sein, für sie nur ein kurzweiliges Vergnügen bleiben würden und nicht, dass der Pessimismus in ihren Augen bereits einen festen Wohnsitz hatte, aber sie hatte es wohl kommen sehen, weil schöne Augen nicht lange auf ihr ruhen wollten, denn schöne Augen haben das an sich, dass sie auch schöne Augen suchten, und sich schöne Augen in schöne Augen verlieren konnten und es egal war, wo die Augen gerade waren. Schöne Augen und traurige Augen waren inkompatibel, denn den schönen Augen erging es mit den traurigen Augen wie dem Schicksal mit dem Zufall und den traurigen Augen mit den schönen Augen ebenso. Vielleicht war das auch mit den schönen Augen und den traurigen Augen so wie mit der Sonne und den Mond, dachte sie sich, dass die traurigen Augen womöglich gern von den schönen Augen angeschienen werden, aber die schönen Augen nichts in den traurigen Augen erkennen konnten außer die Kraterlandschaft, die sich dahinter verbarg.

Wie das mit Momentaufnahmen so ist, war der Moment zwischen den schönen Augen und den traurigen Augen endgültig vorbei und das Schicksal und der Zufall stritten sich im Hintergrund noch darüber, wie diese Momentaufnahme einzuschätzen war, denn ganz sicher war man sich nicht.