Allgemein,  Prosa

Löwen im Winter.

Deiner Finger wanderten über die Bettdecke, die du vorgestern neu erworben hattest. Du wolltest immer schon eine Decke mit Patchwork haben, weil du meintest, dass das wie das Leben ist. Das Leben existiert nicht als Ganzes, es existiert nur aus zusammengestückelten Teilen, Patchworkleben eben. Eine Wasserflasche neben dem Bett, die Kohlensäure längst verflogen, die Flasche hatte bereits bessere Tage gesehen. Halbschläfriger Kuss auf meine Stirn, eine kurze Liebkosung meiner Haare, Verzweiflung in dir. „Der Schnee draußen ist ein Regen mit Verbitterung“ , pflegst du zu sagen, und du deutest wieder auf die schneebedeckten Fensterbänke, wartende Raben in der Nacht darauf. Jedes Wetter ist ein Untergang, wenn du nicht da bist und jedes Wetter eine Erleichterung, wenn du wieder kommst. Du würdest mit den Raben fliegen, wenn du könntest. Eine Verzweiflung weniger in mir, weil ich weißt, dass du es nicht kannst. Aber die Hoffnung deinerseits, dass es dir doch irgendwann möglich ist. „Lass uns außer Haus gehen“, forderst du still in den Raum. Die Angst, dass da draußen viel zu groß für uns ist, hattest du nicht. Da draußen war riesig, da draußen konnten wir schlecht laut sein, wir waren nie laut, nur in uns, nur die Verzweiflung konnte immer schreien. Die Schneeflocken umhüllen deine Zweifel, versuchen sie zu besänftigen. Zweifel waren deine Löwen. Sie brüllten so laut, dass du nachts nicht schlafen kannst. Ich höre sie an meine Kissen, höre sie wenn ich an der Spüle stehe und gedankenlos die paar Tassen und Teller spüle und den Schnee beobachte. Ich sehe deine Löwen im Hof, wenn du wieder im Kreis gegangen bist, anstatt nur den Müll rauszutragen, damit du sie abhängst, die Schneespuren bleiben.

Deine Löwen brüllen laut. Die Wunden erträgst du tapfer, manchmal kommt nur leises Gewimmer vom Bad, dass du gleichgültig später auf den Wasserhahn schiebst, der seltsame Geräusche macht, manchmal. Ich warte an der Tür, beizeiten, atme so leise, damit du mich nicht hörst, wenn ich lausche, ob deine Löwen wieder freigekommen sind. Dann räume ich auf, rieche an deinen Sachen, versuche verzweifelt eine Fährte zu wittern, damit ich deine Löwen jagen kann.

Du bewegst dich nun albern im Schnee, gehst vor und wieder zurück, zur Seite, drehst dich, du übst den Drahtseilakt zwischen den Löwen. Dein Mantel ist voll von Schnee, der langsam zerschmilzt, die Wasserperlen sammeln sich, du bemerkst wohl selbst nicht, wie oft du sie vom Mantel abstreifst, sie kommen immer wieder, wie deine Löwen. Das Glatteis der Straße ist dir wohl egal, als du zu mir läufst. Stirnkuss, feste Umarmung, lautlos, damit die Löwen uns nicht hören. Zwischen den Gehsteigkanten der einen Straßenseite und der anderen versuchst du zu hüpfen, dann läufst du auf den kleinen Platz zwischen Straßenbahnhaltestelle und U-Bahnstation, zwischen den einzelnen Betonplatten hüpfst du wieder, nur die nicht Linien berühren. „Lass uns nach Hause fahren“, meinst du. Das Kondenswasser in der U-Bahn beobachtest du, es läuft langsam die Scheiben runter, verängstigt siehst du die raunenden Menschen an, Alltagsstress war noch nie deins, zu viele einzelne Elemente, die den Tag verschlechtern konnten. Deine Finger an meiner Jackentasche, fühlen, ob der Schlüsselbund noch da ist, Sicherheit. Aussteigen, die Schneeflocken von den Haaren streichen, Haustüre aufsperren, in den 4. Stock hasten, leicht außer Atem die Türe öffnen, hineingehen, Jacken ablegen, auf das Sofa sitzen, die Teelöffel von gestern beobachten, sie liegen so gut. Mein Blick wandert in die Ecke, da ist ein Spinnennetz, es ist aber leer. Du hast mich davon gestern schon in Kenntnis gesetzt. Drinnen ist gerade besser als draußen. Für mich. Dann hab ich gewartet. Es war dunkel, die Schneeflocken konnte ich nicht mehr sehen.