Allgemein,  Prosa

Nur für den Moment.

Du hattest deine Augen geschlossen, nur für den Moment. Es schien, als wäre die ganze Welt ganz weit weg. Deine Welt in dir war viel größer als die Welt das draußen, nur für den Moment.

Dein Atem war ruhig, deine Brust senkte sich sachte, erhob sich kaum merkbar und wiederholte den Vorhang immer wieder. Du warst komplett in dich versunken, deine Welt da in dir, die musste so schön sein, dass es einem selbst den Atem raubte, doch du atmest und bist komplett du. Nur für den Moment. Hier war es kalt, deine Lunge setzte sanft den Atem frei, und er war sichtbar im Raum zu sehen, wie er schnell zur Höhe stieg und nicht mehr zu sehen war. Deine Haare schimmerten leicht vom einfallenden Licht der dicken staubbedeckten Glasscheiben. Das Licht umhüllte dich, und doch kämpfte es selbst mit seinem Dasein, seine Minuten waren gezählt, es leuchtete purpurrot und mit Gold durchzogen und das ganze Licht umfasste dich und versuchte dich in seine Gewalt zu nehmen. Es gelang ihm nicht, du hattest selbst viel zu sehr von innen geleuchtet. Deine kalten Finger umschlossen Saite für Saite, so als müsste man Saiten liebkosen, um ihnen einen Ton zu entlocken. So sanft hielten deine Finger die Saiten, ruhten auf ihnen, tanzten auf ihnen, kämpften mit ihnen und manchmal machten sie alles auf einmal. Nur für den Moment.

Deine Augen leuchteten, wenn deine Finger Note für Note perfekt in den Raum spielen konnten, kein Ton zu lange und kein Ton zu kurz, jedes crescendo perfekt inszeniert und jedes decrescendo schlich sich leise ins Herz und machte sich breit, damit keine Stille entstehen konnte. Töne wirbelten durch den Raum, die leisen und auch die lauten, sie hinterließen ein gemaltes Bild ohne auch nur im geringsten die Farben tatsächlich sehen zu können. Jeder Ton ewig und doch wieder flüchtig und deine Finger kämpften, sie ewig zu machen, so eindringlich zu spielen, dass man die Zukunft vergessen konnte und auch die Vergangenheit und gerade nur mehr in der Gegenwart lebte, so voller Leidenschaft spieltest du Ton für Ton.

Deine Augen schlossen sich, du warst wohl an der schönsten Stelle angelangt, du konntest sie auswendig und deine Finger tanzten von ganz alleine, deine Welt von innen sie kam heraus. Niemand war mehr anwesend und präsent, da warst nur mehr du, ganz gehüllt in abendlichen Licht und deinem Stück und deinen Saiten, deinen Zweifel, deiner Liebe, deiner wunderbaren Passion, die du nun Takt für Takt aus dir ließest. Du wurdest immer mehr, gemeinsam mit deinen Saiten, bis ihr schlussendlich den ganzen Raum gefüllt hattet und nur mehr du atmen konntest, weil jedem anderen der Atem stockte. Du wurdest ausgelassener, tänzelnder, fordernder in deiner Tongebung, dein musikalischer Pinsel malte Bild um Bild, deine Augen sprangen mit und freuten sich, selten hatte man dich so ausgelassen gesehen. Du warst gerade viel jünger, als du normalerweise bist, du gabst dich komplett der Musik hin und es schien, als gäbe sie sich auch dir komplett hin. „Jetzt“, flüsterten deine Lippen von selbst ganz leise in dein Tonmalbild hinein.

Deine Finger ruhten erneut auf deinen Saiten. Erstaunt blicktest du auf. Du hattest vergessen, dass du nicht allein warst, die ganze Zeit. Dein Blick wanderte durch die Menge, so als wären sie alle erst gekommen, du sahst sie befremdlich an. Deine Augen lächelten. Nur für den Moment.