Allgemein,  Prosa

Herz eines Löwen.

Wir sind Löwen, eingesperrt in unserem Habitus erlebter Erfahrungen. Das Gefängnis haben wir uns selbst gebaut, der Ritus die Nachgeburt unseres Seins, nachdem wir geworden sind, wie wir jetzt sind. Du bist ein Löwe, du kämpfst, um dein Ansehen, deine Macht, dein Gehabe. Ich bin Löwe, weil ich muss. Ich wollte immer sein wie eine Eule, weise, doch ein Jäger und sehr umsichtig. Ich bin ein Löwe, weil du mich zwingst.

Tag für Tag tragen wir unsere Kämpfe aus, jeden Tag greifst du mich an. Du näherst die beinahe lautlos, zumeist belanglos, doch dann schlägst du zu. Prankenhieb um Prankenhieb erfahre ich deine Emotionen, mein Fell hast du mir ausgerissen, die Wunden an meiner Brust tief sichtbar. Du bist wütend, du bist doch so ein junger Löwe. Dein Hunger auf mehr ist so unersättlich, du reißt, was dir in den Weg kommt. Emotion um Emotion, Mensch um Mensch. Du wirst immer noch wütender, weil das, was dir in den Weg kommt, nicht bleibt. So oft lässt du die Wut an mir aus, packst meine Mähne, reißt mir mein Haupthaar in Büscheln aus. Deine hehren Gründe nennst du nicht. Jeden Tag setze ich mich an das andere Ende des Käfigs zu meinem Rudel. Du bist so wütend, so unglaublich wütend, du beneidest meinen Rudel. Mein Rudel weiß mich zu schätzen, während dein Rudel nicht nur respektiert, weil du ihnen das Fürchten gelehrt hast. Täglich spüre ich deine Zähne in meinem Fell, tief an mein Fleisch, du willst mich schikanieren, weil du viel größer bist als ich. Mein Rudel sieht mich bemitleidenswert an, die Wunden, die du mir täglich zufügst werden mehr, und sie werden mehr immer tiefer.

Jeden Tag brüllst du mich an, weil ich vor Schmerzen wimmere, du lachst mich aus, weil du der Ansicht bist, sie sind nichts gegen die Demütigungen der Einsamkeit, die du tagtäglich ausharrst. Du brüllst mich an, wenn ich die Sonnenstrahlen genieße, obwohl ich oft so wenige davon sehe. Du brüllst mich an, wenn ich meine Wunden im Teich der Rückgezogenheiten wasche und mich im Abstand bade. Die Hoffnung stirbt zuletzt, wenn ich dann an dir gescheitert bin, gestorben für deinen Seelenfrieden. Wenn mich deine Prankenhiebe einmal zu wütend getroffen haben und deine Krallen zu tief in meinen Emotionen stecken, wenn du mir mein Herz zum Fraß herausgerissen hast. Es ist dann wertlos.

Ich wollte, dass wir uns diesen Käfig teilen können, ich gebe dir etwas von meinem Siegeszug ab, damit du nicht alles Lebendige reißen musst und ein tiefer See an Einsamkeit zurückbleibt. Mittlerweile stecke ich im Delirium, ich mag nicht mehr kämpfen, aber nicht kämpfen bedeutet, dass du kommst und mich holst und mich erst zerstörst. Kämpfe ich, so habe ich die Aussicht auf Hoffnung. Ich kämpfe für dich, jeden Tag. Ich habe der Wut den Kampf angesagt, jeden Tag. Ich kämpfe für die Hoffnung.

Die Frage ist, wie lange noch.