Posted in Projekt [txt]

[txt] unendlich.

[txt] unendlich. Posted on 10. Februar 2018

Sie ist ein Rätsel in sechs Silben, ein Baum der Selbsterkenntnis. Viel leichter geht das Distanzieren, als das Ertragen, dass der Zustand von etwas nur ein bisschen ist, kaum merkbar, womöglich Einbildung. Die Nächte drücken auf den Kopf, ein ganzer Antlantik oberhalb der Nase und des Jochbeins. Sie will ihm nicht, kann ihm nicht schreiben. Sie ist mutig und wartet. Sie will sehen, was kommt. Vielleicht das Einsehen oder die Bestürznis. Er ist die Akropolis und kein Weltwunder. Sie ist der Leuchtturm von Alexandria. Seinem Erdbeben zum Opfer gefallen. Sie sendet noch Licht aus, in den dunkeln Nächten. Er schweigt, er will stehen und bestaunt werden, in seiner Nichtigkeit, die er im Tagesgeschäft und im Anbetracht der Verhältnisse darstellt.

Er trohnt über ihr, er sieht herab auf sie, er versucht es, sie ist höher, trotzdem. Ein Kampf, den beide verlieren, sie sind Gebäude, die unweigerlich einstürzen. In manchen Momenten hat er ihren Ton gehört, sein Verlangen nach ihm, in seiner Burg war kein Widerhall zu erwarten. Er lässt sich gerne streicheln, die Haare halten, oder lässt es geschehen, wenn ihre Finger über seine Falten gleiten. In guten Momenten, wenn er sie gewähren lässt, wenn sie seine weißen Haare zählt, vorrangig an Bahnhöfen. Ihr Verlangen nach ihm ist unendlich. In seinem Kopf zu wohnen, seinen Thron zu besteigen, von seinen Mauern gehalten werden. Sie will keine Barrikaden, auf die sie sich stellen muss, und keine Burgmauern mehr. Sie ist Elend, zertrümmert, von temporärer Abwendung. Sie braucht keine Mauern, zu hoch und stabil für sie.

Kleinigkeiten einer verlassenen Person, schreibt sie in ihr Notizbuch. Sie hat in Zügen und Straßenbahnen immer seine Muttermale und Leberflecke gezählt. Rechts neben der Nase, daran bleibt ihr Blick immer heften,  auch an der Wand, die sie anstarrt, wenn sie nicht schlafen kann. Seine Postanschrift fällt ihr dann ein. Oder dass sie ihn gerne betrachtet, wenn er Texte formuliert, dann bewegt er lautlos seine Lippen mit. Place du Tetre. Monmatre. Tu me manque. Er greift sich an den Oberarm, wenn er einen wichtigen Gedanken hat, immer den linken auf den rechten, fährt langsam auf und ab. Seine Schultern hängen herab, sie sind vom Schickals gebeutelt, er hat die Last der Anforderungen nicht alleine tragen können. Sie hätte ihm gerne dabei geholfen. Das Gespräch über seine Finger fällt ihr ein. Sie mag sie. Sehr. Er hält die Stifte trotzdem seltsam. Ritualisierung des Alltags. Er ist Menelaos und will die Welt sehen, er landet nicht in Pharos. Sie ist Leuchturm, sie stürzte schon dreimal ein. Ihre Teile liegen verstreut im Meer. Er denkt nicht an Rekonstruktion. Sie denkt an die französische Sprache “phare”, das Wort für Leuchturm und Autoscheinwerfer. Darauf weiß sie auch nichts mehr, wenn sie dann endlich einschläft.

 

Bildnachweis.

 

%d Bloggern gefällt das: