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[txt] Anfang.

[txt] Anfang. Posted on 5. Januar 2018Leave a comment

Er setzt sich auf ihren Lippenrand, damit er aufhört sich zu kräuseln, damit er still ist, damit er nicht immer das Leid predigen muss, das ihm widerfahren ist. “Sei still” zischt er zwischen ihren Zähnen hindurch, sie war still, nur in Gedanken nicht, da war sie nie still. Sie war immer laut und wird immer laut bleiben. Sie beißt zurück, eine Farce, ihre Lippen sind ohnehin schon wie alte Lumpen zerschlissen, die Hautfetzen hängen herab, er lässt sie trotzdem nicht los. Sie setzt sich auf ihn, genauso leise wie ihr sensibles Tastorgan im Gesicht. Ihr Gewicht will sagen: Das ist alles, was ich dir geben kann. Eine Möglichkeit, ein Anfang. Eine Studie, ein Auftrag, nenn wie du es willst. Nimm, was du dir willst. Das hast du immer schon getan. Dabei will sie das Unermessliche von ihm: Das Ablegen des Konjunktivs, das Unermessliche einer Sympathie, das Ertragbare eines Lebens. Die Bestimmtheit, genug zu sein, schwerer als das, was gerade auf ihm sitzt. Das weiß er nämlich noch nicht, dass das was, was in einem Menschen innerhalb vergraben ist, viel größer und schwerer ist als jede Hülle. Die einen meinen, es wären Päckchen, aber das sind sie nicht. Es ist hinunter geschluckte Tatsachen, Demütigungen, Verletztungen, die sich in den Windungen des Darms und in den Narben des faustdickgroßen Muskels festgesetzt haben, dass das ein Gewicht ist, dass man nicht tragen kann, das weiß er noch nicht. Seine Hände wandern zu ihrer Hüfte, und sie weiß: Sie ist der Aussichtsturm, sie ist das begehrliche Ausflugsziel in einer Stadt, die er emotional gerne besuchen würde. Er weiß nicht, dass ihn das Gewicht innerhalb und unterhalb  ihrer zwölf Rippenpaare bald erdrücken wird, dass er keine Luft bekommen wird, weil jedes ihrer Küsse Wasser enthält, soviel, dass er bald daran ersticken wird, seine Lungen füllen sich jetzt schon mit Wasser, aber es ist ein erträgliches Maß. Sie ist gerne eine Sirene, gerne ein Leuchtturm, auch. Sie würde ihn retten, aber in jedem Menschen steckt etwas Hereinbrechendes. Sie ist eine Flut, er ein niedriger Damm, er wird bald brechen. Weihnachtsflut 1717, Januar 2018, es macht keinen Unterschied, wo die Dämme brechen, auch er wird sterben, das eiskalte Wasser wird ihn holen, er wird verzweifelt sein Dach anzünden, er wird jämmerlich ertrinken. In seinem Selbstmitleid, dass ihr die Genugtuung verschafft, eine Flut gewesen zu sein, der Teufel soll ihn holen. Sie will nicht bremsen: Ihm nicht erklären müssen, dass es nicht Besitzanspruch ist, sondern Übereinkunft. Sie denkt: Mein Geliebter. Sie lacht: Über das Altmodische darin. Mein Geliebter. Ihn über alles stellen, und doch ersaufen lassen. Sie will sich nicht schon wieder wie ein Betonkotz fühlen. Sie will seine Armbanduhr sein. An seinem Handgelenk, damit er die Zeit nicht vergisst, damit er sie fühlt: tick, tack, tick, tack. Sie ist eine lebende Bombe.

 

Bildnachweis.

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