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[txt] Kitsch me if you can.

[txt] Kitsch me if you can. Posted on 10. Dezember 20171 Comment

Ein Buch legt neben mir im Bett. Heute hat es geschneit bis in das Buch hinein, ich sehe die Flocken zwischen den Seiten. Seitenweise erzählt es, ein Reisetagebuch, es wäre unsere fünfte gewesen. Reise. Zwischen den Schneeflocken und auf der Autobahn zwischen den Autos, die Winterorte und Schneelandschaften besuchen, zwischen den Bergen und Tallandschaften, die sich in die Länge ziehen. Ich wäre wie ein Kind im Auto gesessen, und hätte gejubelt, weil es auf die Autoscheibe schneit, dicke Flocken,sie werden weggewischt, es kommen neue, neue Flocken, die Welt sieht mit Schnee viel schöner aus. Ich sehe Mundwinkeln, die nach oben geben wegen des Schnees, es sind nicht meine.

 

Damals sind wir am See gesessen. Man sagt, Fische kann man auch mit der Hand fangen, wenn man geschickt ist. Hände sind wie Harpunen, meine kleinen Hände schnell und flink. Am Seeufer gesessen, ins eiskalte Wasser gegriffen, rote Hände, blaue Hände, ins 10 Grad kalte Wasser gefallen, zitternd weg, vor Lachen, vor Kälte. Es war ein schöner Novembertag schlussendlich, im Bett bei Abfahrtübertragung und Tee mit Schnaps. Warme Socken und der erste Schnee am Balkon. Es war unsere erste Reise.

 

Das Meer sieht wie ein riesengroßer Bottich aus. Soweit wie das Meer reicht, kann ich nicht sehen. Ich stelle mir dann vor, wie das Meer irgendwann einfach ansteht, am Horizont, nicht weiter kann, wie in einem großen Bottich und ich stehe am Bottichrand. Das Meer war an diesem Tag besonders schön, aber das Meer ist immer schön, wenn man nicht am Meer wohnt, und es nur ein paar Tage im Jahr sehen kann. Die Fischkutter und Fischerboote am Hafen erinnern mich an Camus und immer wenn ich das Meer rieche, erzähle ich die Novelle “Der Fremde” nach. Am Schönsten muss das Meer in Algier sein. Ich fühle mich an diesen Tag nicht mehr wie Meursault, auch wenn ich gottlos und gleichgültig bin. Das Meer macht mich ehrfürchtig. Es war unsere zweite Reise.

 

Ich fühle mich fremd hier. Es ist nicht meine Stadt und ich merke, wie die Stadt mich nicht willkommen geheißen hat. Honigmond, Honigmund, Honigbad. Ich liege in der Badewanne und höre aus meiner Betthälfte das Gurren und vergnügte Lachen aufgrund ewiggestriger Filme, es läuft wohl Tom und Jerry. Meine Beine stehen leicht angewinkelt im Wasser, sie tun mir weh, die Straßen der Stadt kommen mir nicht entgegen. Betrachtungsweisen gibt es in den meisten Fällen viele, mein Körper kann in keiner Betrachtungsweise als schön argumentiert werden. Mein Körper hängt schlaff weg von meinem Geist. Gestern wurde mein Körper dafür bestimmt, eine Familie zu gründen, noch nicht jetzt, aber in fünf Jahren vielleicht. Ich trommle auf meinem Bauch herum. Er wird sich bald runden, ich will nicht. Es war unsere dritte Reise.

 

Einmal habe ich von einem Traum erzählt, dass ich in meiner Lieblingsstadt war, und mich der Schlaf in der Dachkammer übermannte, ganz so wie Egon Schiele früher. Der Tod und das Mädchen, das Mädchen und ihre Wünsche, ich saß alsbald in gewünschter Kammer, Na Louži, vorher böhmisches Bier und Knödel mit Saft. Meine Augen werden Wasser, sind Wasser, Pastellkreiden und Malblock auf dem Nachtkästchen. Der Regen fällt hörbar vor den Kastenfenstern nieder. Den Tod habe ich gemalt, in die Moldau geworfen, es war unsere vierte Reise.

 

Heute stehe ich vor dem Ringelspiel und möchte erahnen, wie sich die Kinder auf fliegenden Elefanten, Pferden und kleinen Volieren fühlen. Sie lachen, es ist kalt. Ich fotografiere sie, für später. Es wäre unsere fünfte Reise.

 

 

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