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[txt] tangieren.

[txt] tangieren. Posted on 23. Oktober 2017

Erzählungen verleihen Kraft. Inspiration. Tatendrang. Fantasie. Erzählungen die wir selbst schaffen, neu zusammensetzen. Ein Puzzleteil eines kleines Erlebnisses oder eines Gefühls.

Als ich ein Kind war, war mir nichts wichtiger als meine Bücher, die meine Eltern zum Sprechen brachten und meine Hörkassetten, die mich nach Schlumpfhausen, Gallien, Neustadt oder in eine Wiese voller Klatschmohn brachten. Nie schlief ich danach besser ein als nach dem Hören eines Hörspiels und einer vorgelesenen Geschichte. Nicht, weil es so langweilig gewesen wäre, sondern weil mich jedes Hörspiel auf eine neue Reise mitnahm. Damals habe ich angefangen mir Geschichten auszudenken. So zeichnete ich das Gehörte, schrieb es um, war mehr in Königreichen und fernen Ländern unterwegs als zuhause. Das Erzählte umhüllte mich wie eine Glasglocke, ein Schleier oder eine Decke. Ich war Prinzessin auf der Erbse, König Drosselbart und Karla Kolumna, Obelix, Gutemine, Schlaubi, Clumsy, Pumuckl, Meister Eder genauso wie Fips und Willi. Ich war mindestens hundertmal in Schweden und beste Freundin von Pippi Langstrumpf, Gefährtin von Ronja Räubertochter, das Warnsignal für Michel von Lönneberga oder mit den Kindern von Büllerbü unterwegs. Ich war häufig in Salzburg bei Brezinas Penny und erlebte meine No-Jungs-Phase mit Lissi und Tinka und bis zu diesem Zeitpunkt war ich mir sicher, den Schlüssel von Frau Schicketanz zu haben,der mich zaubern ließ. Ich war Detektivin, war mit Sherlock Holmes unterwegs, war Bandenmitglied von der Knickerbockerbande und jobbte nebenbei bei den Pfefferkörnern.

Es war eine sehr schöne Zeit und dann wurde ich leider erwachsen. Plötzlich tangierte mich das Hören nicht mehr, plötzlich war kein Platz mehr für das Vorlesen von Büchern. Literatur war nun gleich zu setzen mit Bücher lesen, Inhaltsangaben schreiben, Interpretationen verfassen und Kritik üben. Mir tut es schrecklich leid, Franz Kafka nur lesend begegnet zu sein, und auch für Goethe, Flaubert, Süskind, Haushofer, Jelinek und Bernhard. Zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, was mir genau fehlte: Es war das Hören von Geschichten, wie ich nun weiß.

 “Eine gute Geschichte muss einer Rutsche ähneln, auf der man atemlos in die Handlung hineingerät.” Rafik Shami

Vielleicht ist das Erzählen auch sowas wie eine Abenteuerreise vom Mund zu den Ohren. Der/die Erzähler/in ist ein Guide, er/sie leitet dich durch den Dschungel von Abbiegungen, Irrungen, zieht dich in den Bann und du lebst die Geschichte. Wie wichtig das Erzählen ist, merkt man, wenn man neue Menschen und neue Lebenspartner/innen kennenlernt. Der Narrativ der eigenen Geschichte wird essentiell für das weitere Kennenlernen. Beziehungen beginnen damit, indem man von sich erzählt, gemeinsame Geschichte schreibt, weitererzählt, einander erzählt, nicht schweigt, erzählt. Das macht uns erlebbar, fühlbar für uns und für andere. Wir sind, weil wir Geschichten sind. Wir sind, weil wir erzählen.

Irgendwann habe ich anfangen professionell zu schreiben. Fragmente meines Lebens für andere festzuhalten, mich zugänglich zu machen, mir in den Kopf blicken zu lassen. Das Bedürfnis, etwas von mir zu erzählen, formierte sich zu einem Blog wie diesem, den es seit 6 Jahren gibt. Mein Wunsch, ein Gespür für Zwischentöne zu entwickeln, verstehen wollen, warum man sich unverstanden fühlt. Einen Platz schaffen für Geschichten, weil ich ein Teil meiner Geschichten bin.

Irgendwann sind mir hörbare Geschichten wieder wichtig geworden. Ich habe Freunde, Lebenspartner gebeten, mir vorzulesen. Ihre eigenen Texte, Bücher (zuletzt M Train von Patti Smith) oder Gedichte (zuletzt Liebesgedichte von Mayröcker) schaffen für mich nun die Atmosphäre, die ich so sehr misste seit meinen Kindheitstagen. Vorlesen prägt das Miteinander mehr als wir erahnen können – es schafft Nähe. Menschen sind durch den Akt des Vorlesens und Zuhörens auf ewig verbunden, ein Zauber, der nicht verschwindet, ein Band, das einander verknotet. 55 % der Kinder, die vorgelesen bekommen, schätzen vor allem die gemütliche Atmosphäre, den Schutzraum, den das Vorlesen bietet – wie die Vorlesestudie von Stiftung Lesen zeigt. Erwachsene lesen vor, weil sie Zeit mit jemanden verbringen wollen. Geschichten sind also Zeitgeber, ein Raum, der zeitlos ist.

Mittlerweile bin ich eine große Hörerin von Podcasts geworden. Jeden Sonntag höre ich Fest und Flauschig von Jan Böhmermann und Olli Schulz, weil es Spaß macht, Ihnen beim Schnacken zuzuhören. Ich höre wöchentlich eine Stunde History und SWR Wissen, ebenso wie den Soziopod.  Mein Verlangen nach Geschichte lässt mich regelmäßig The history of rome, The history of byzantium, Zeitsprung, in our time oder WDR Zeitzeichen hören. Ich freue mich jedes Monat auf den Radio Tatort und an Weihnachten höre ich den Advent-Podcast. Das Hören hat für mich wieder einen großen Stellenwert bekommen, den ich nicht missen möchte.

Das letzte Jahr habe ich viele Lesungen von meinen Schriftsteller-Freund/-innen aufgesucht und bin ihnen heillos erlegen. Erzählen macht etwas mit mir.  Es ist das Lagerfeuer meiner Kindheit, an dem wir uns jetzt als Erwachsene versammeln und uns gegenseitig Geschichten erzählen. Die Kraft der Geschichten zu erleben, sich mitreißen lassen, das miteinander erleben, zuhören.

Ich hoffe noch auf viele hörbare Geschichten.

 

 

Bildnachweis.

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