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Objekt und Frau.

Objekt und Frau. Posted on 3. September 2017

Objekt und Frau. Was mehr nach Kunstausstellung klingt, ist das Resultat nach längeren Diskussionen dieser Woche. Häufig lese ich Kurzgeschichten und anderweitige Prosa von Freund/-innen, Bekannten und anderen literaturbegeisterten Menschen. Was mir besonders in letzter Zeit aufgefallen ist, ist das Selbstbild, das sich in den Texten wiederfinden lässt und die gesonderte Zeichnung eines „Lyrischen Du“.

Kurzum – recht begeistert war ich von der Zeichnung des „Lyrischen Du“ nicht, zumal es häufig zu einer Objektifizierung gekommen war. Ganz so schlimm wie in der US-Serie „Mad Men“ kann dieser Objektifizierungsgrad nicht angegeben werden, aber er hinterlässt selbst in jungen Autor/-innen immer noch unüberlegte Gender Bias. Dies ist vor allem dann schmerzlich für Frauen, wenn man das Umfeld ebenjener Autor/-innen bedenkt, künstlerisches-akademisches, linksliberales Niveau. Auf Geschlechtergerechtigkeit wird in Diskussionen geachtet, sexistische Strukturen werden für gewöhnlich vehement abgelehnt. Informell werden diese Strukturen aber in den Texten weiterreproduziert. Diese hegemonialen Stellungen werden aber keineswegs von Männern alleine eingekommen, auch Frauen prägen diese Vormachtsstellungen. Diese Machtpositionen werden vorrangig sprachlich vermittelt, welche Michael Meuser unter dem Begriff der Scherzkommunikation zusammenfasst. [1]

Gerade von Menschen, die mit vielen Privilegien ausgestattet sind, erwartet man sich das Bewusstsein. Dieses Bewusstsein wird geschärft wenn man zuhört, ausreden lässt, reden lässt. Gerade das vermisse ich in vielen Texten, die ich so lese. Das „Lyrische Du“ wird häufig in ebendieser Scherzkommunikation angeredet, und darf selbst nicht zum Wort kommen. Es darf schweigen, ist aber manchmal Schuld an der lakonischen Haltung des Lyrischen Ich. Für eine Schuldzuweisung im Text reicht es allemal. Dass man damit auch noch erfolgreich ist, zeigt die Longlist des deutschen Buchpreises. 15 Männer, die in diese Liste aufgenommen worden sind, 5 Frauen sind auch dabei. Also dreimal soviele Männer als Frauen werden in das Bewusstsein gerückt. [2] Zuletzt wurde dieser Sachverhalt im Rahmen von Aufschrei 2014 diskutiert [3] Was damals als auch heute der springende Punkt an der Sache ist: Männliche Autoren werden nicht nur häufiger gelesen, sie werden auch von Kritikern häufiger besprochen und häufiger wahrgenommen. Zudem „Frauen-Literatur“ immer noch marginalisiert wird und alles in der Begrifflichkeit zusammengefasst wird, was eigentlich unter dem Titel Schundliteratur Eingang finden sollte und als das Gegenstück von anspruchsvoller Literatur gesehen wird. [4] Für mich war das dieses Jahr beobachtbar bei den Lesungen auf denen ich war und auch in meiner eigenen Tätigkeit als Leser, da ich dieses Jahr mehr männliche als weibliche Autoren gelesen habe (ein Selbstwink daran etwas zu ändern!).  Positiv hingegen hat mich die Lesung von Katharina Winkler [5] gestimmt und auch mit der Auswahl des Wiener Werkstättenpreises bin ich sehr zufrieden. Dieser beweist seit Jahren, dass man ausgewogen auswählen kann [6].

Um auf Kathrin Weßling hinzuweisen, sei es keinesfalls die Aufgabe „seichte Unterhaltungsliteratur über die Liebe zu starken Männern“ zu verfassen, noch das bei Männer als Einfühlsamkeit hochzustilisieren. [7] Eine kritische Auseinandersetzung mit den eigenen Texten und dem eigenen Leseverhalten kann dabei nur hilfreich sein.

 

[1] Sexismus im Literaturbetrieb, Süddeutsche Zeitung, vom 27.7.2017

[2] Longlist des deutschen Buchpreises, vom 15.8.2017

[3] Auch in der Literatur ist ein #aufschrei nötig, vom 9.8.2014

[4] Frauenfeindlicher Literaturbetrieb. Ich mach dich fertig, vom 26.4.2015

[5] Suhrkamp Verlag. Blauschmuck von Katharina Winkler, vom 8.2.2016

[6] Preisträgerliste des Wiener Werkstättenpreises für Literatur, vom 3.9.2017

[7] Kathrin Weßling, deutsche Schriftstellerin

 

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