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[txt] Glück.

[txt] Glück. Posted on 11. August 2017

Wir leben im Glückstaumel
und nennen das bisschen Zeit
die Beste, die wir hatten
während wir an Zuckerwatte
von Anekdoten und Träumen
wie kleine Kinder naschen

 

Wir sind Kinder einer neuen Generation. Wir liegen in Betten, in Autos oder an Stränden. Wir zählen nicht, wir zählen nicht aneinander, von voneinander, wir erzählen nicht. Wir haben Füße und Hände, nebeneinander, nacheinander, ineinander, manchmal rufend. Wir atmen tief.

Dazwischen Tage und Nächte. Tage mit und ohne Wolken, Nächte, die das Gleiche bieten.

Ich höre sagen, ich bin glücklich. Ich höre sagen, ich bin’s nicht.

Wir leben zwischen Wortgefecht und Wortgefecht. Zwischen Träumen, die wir noch nicht leben und nie werden. Wir leben in Eventualitäten, Junge, Mädchen, Junge, Mädchen, Hund, alter Mann, reife Dame, keine Eventualitäten, bloß Gewissheit.

Da ist eine Stadt, in der wir leben. Früher als die Innenstadt noch auf Hochglanz gebracht wurde. Wir glänzen, von der Sonne, die unseren Schweiß aus uns treibt. Tränen, die nicht geweint werden müssen, wir sind zu trocken. Die Vorstellung gefällt. Eine Stadt, die in Hochglanz strahlt, wie ein Magazin, Hochglanz-Magazin, hochglänzend, 144 Seiten, 6842 Straßen, jede einen anderen Namen, jede ganz besonders, andere Art der Glücksdefinition.

Wir, Glück: Nein. Wir haben keine Brunnen, sie sind ausgetrocknet. Wir hoffen, das Glück in der Zukunft zu finden, bei diesen Eventualitäten, andere Städte, Städte mit 400.000 Straßenbäumen, jeder einzelne hat mehr Wasser als die Brunnen, die wir füllen sollen.

Das Glück ist grau. Grau wie der Asphalt, auf dem wir wandern. Als ob wir wüssten, was zu tun ist.

Du! Du! Die Fassaden schreien. Meinen Namen. Grau vom Dreck der letzten Tage. Graue Fassaden, graue Straßen, grauer Dreck auf den Blättern, graue Tiefgaragen, grauen Gassen, Graue Ampel, sie schalten von Grau zu Grau, graue Wolken über der grauen Stadt. Grausam ist das.

Die Welt droht, versucht die Fassaden hoch zu klettern, fällt, flucht, fällt, flüchtet. An den Bäumen hoch, nochmal dasselbe, Flucht nach vorn. Straßenflucht, Straßenbucht. Da ein Buchladen. Wir gehen hinein. In jedem Buch sind 3% Glück, 97% davon sind Schrott. Davon kann man erzählen, davon soll man wissen. 3% nach denen wir suchen, eine Zusammenfassung, Aussortieren. Handlungsanleitung für das Glück, in Buchform, 180 Seiten rausreißen, man braucht nur fünfeinhalb Seiten. Fünfeinhalb Seiten Glück. Etwas von der Mitte. Das Glück ist nie am Anfang und nie am Ende. Es sind immer die besten Zeiten. Mitte. 2 Seiten vorher, 2 Seiten danach. Nächstes Kapitel.

Homo agens. Homo novus. Nicht Homo sapiens. Die Weisheit für später aufsparen oder nicht erlangen. Glück als kognitive Denkleistung. Philosophischer Hintergrund. Handeln, nicht handeln, neuen Status erlangen oder nicht Status erlangen, alles eine Frage der Einstellung.

In Frankreich sagt man „bonne chance“, wenn man jemanden Glück wünscht. Chancen statt Glück. Gute Chancen wünscht man sich, nicht mehr und nicht weniger. Manchmal sagt man auch „bon courage“, wenn man Glück wünsche möchte. Mut. Schönen Mut. Guten Mut. Den Mutigen gehört die Welt. Da wo die Chancen oder der Mut ist, da ist Glück. Glück: Nein.

 

 

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