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[txt] Wald.

[txt] Wald. Posted on 12. Juli 2017

Vater hat ein blaukariertes Hemd an und schwere Stiefel, mit Stahlkappen ausgestattet. Mit Zugseil, Axt, Keil, Motorsäge und einem dreckbeschmierten Helm packt er seinen Traktor und mich und zieht mich in die Tiefen seines Waldes. Grundbesitz muss man wahren, sagt mein Vater immer. Mein Vater hält viel auf Grundbesitz und Ehre. Meine Mutter schweigt in die Luft, dass mein Vater eigentlich mit der Ehre verheiratet ist, aber das würde sie nie laut sagen. Meine Mutter hat Angst vor meinem Vater. Mein Vater ist der ehrenwerteste Mann im Dorf, sagt mein Bruder Jurk. Jurk darf mit meinem Vater in das Dorf gehen und darf Geschichten hören, und kann immer erzählen, was sich zwischen unseren Wäldern zugetragen hat. Meine Mutter und ich hören bloß die Geschichten, die sich die Schellenten auf der Durchreise erzählen.

Ich stehe im Wald und habe die abgetragenen Schuhe von Jurk an. Mein Vater möchte mir keine neue Kleidung kaufen, weil ich ein Mädchen bin und Jascha heiße. Ich glaube, mein Vater hat Jurk lieber als mich. Jurk muss meiner Mutter nämlich nie im Haushalt helfen. Eines Tages, so sagt Jurk, will er wie mein Vater werden. Jurk ist bald so stark wie mein Vater. Seine Arme sind jetzt schon so stark wie die Tatzen von den Braunbären, die in unseren Wäldern umherjagen und er ist schnell und geschickt wie ein Tigeriltis.

Gib mir das Seil, hol mir die Axt, sagt mein Vater. Ich darf nichts sagen, mein Vater will nicht, dass im Wald jemand spricht außer ihm. Vater darf alles, er darf in die Zweige drohen, Bäume beschimpfen, fallen und fluchen. Bevor man einen Baum fällt, muss man die Umgebung sichern. Mein Vater sichert die Umgebung, niemals mich. Jurks Helm ist mir zu groß, er rutscht mir immer vom Kopf. Man Vater erklärte mir einmal, dass man beim Fällen von Bäumen die Fallrichtung des Baumes einschätzen muss. Mein Vater ist unser Baum, aber ich weiß nie, in welche Richtung er fällt. Manchmal fällt mein Vater nieder, wenn er im Dorf zu viel von der durchsichtigen Flasche getrunken hat, manchmal fällt mein Vater über meine Mutter her, oder er prügelt mich und meinen Bruder, bis einer von uns in Ohnmacht fällt.

Beim Fällen eines Baumes braucht es immer eine Rückzugsbahn, die keine Stolpersteine enthält. Meine Rückzugsbahn ist hinter unseren Schuppen, etwa 200 m entfernt, ein verlassener Fuchsbau, mein Vater hat alle Füchse vertrieben. Wenn man Vater wütend ist, benutze ich meine Rückzugsbahn, laufe und spähe, krieche und beobachte bis ich in meinem Fuchsbau bin. In meinem Fuchsbau habe ich Sachen, die mein Vater nicht sehen darf, weil er sie mir schon wegnimmt. In einer blauen Metallkiste bewahre ich Steine und Federn auf, die ich gefunden habe, ein Bild von Milosz, ein Bild von Lenka, eine Brosche von Babuschka, die sie mir vor ihrem Tod schenkte, ein getrocknetes Blatt, das golden glänzt. Mein Vater würde die Brosche nehmen und sagen, dass Geld mehr wert ist, als alles Gold der Welt. Aber meine Mutter sagt, dass Schweigen Gold ist und am meisten ist das Schweigen wert.

Mein Vater nimmt die Axt und schneidet den Fallkerb in den Baum. Zunächst ein waagrechter Schnitt, dann die Fallkerbsohle, dann das Fallkerbdach. Mein Vater sagt immer, so etwas lernt man in der Schule nicht, und er ärgert sich, dass Mädchen in die Schule gehen dürfen. Eigentlich sollte ich meiner Mutter helfen, und nicht in die Schule gehen, es gibt genug zu tun. Mein Vater wechselt auf die andere Seite des Baumes. Ich weiß, dass er nun den Fällschnitt machen wird. Ich weiß, dass ich jetzt am besten die Luft anhalte, weil mein Vater jetzt besonders wütend wird, wenn der Fällschnitt nicht gelingt. Zwischen Fällschnitt und dem Fallkerb muss noch etwas Holz bleiben, damit der Baum wie durch ein Schaniergelenk kippen kann. Man Vater flucht, ich soll den Keil holen, der Baum hat den Schnitt nicht angenommen. Ich glaube ja, mein Vater hat nicht ordentlich geschnitten. Ich hole den Keil so schnell ich kann, mein Vater nimmt den Keil, nimmt die Axt verkehrt, schlag, schlag schlag auf meinen Kopf, schlag, schlag, schlag auf den Keil. Der Baum knackst, kracht, fällt langsam, fällt schneller, fällt zu Boden, fällt fast auf mich.

Mein Vater zerrt mich weg vom Baum, zerrt mich an meinen Haaren zu einem Baum, zerrt seine Axt hinterher, schlägt meinen Kopf auf die Rinde, einmal, zweimal, dreimal, viermal, bis mir das Blut über die Stirn herunter rinnt, bis meine Nase blutet, Vater nimmt den Stiel der Axt, schlägt einmal, zweimal, dreimal, viermal, fünfmal, ichweißnichtmehrmal. Ich bin ein Baum, der in Ohnmacht fällt.

Mein Vater trägt mich, wirft mich ab in seinen Anhänger, bringt mich zuhause. Ich bin ein Stück Stammholz, bald werde ich zerspalten sein.

 

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