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Meine Zeit mit Sylvia.

Meine Zeit mit Sylvia. Posted on 11. Juli 2017

Ich habe mich jetzt 2 Monate mit der Literatur von Sylvia Plath in Verbindung mit der Lyrik von Cornelia Travnicek auseinandergesetzt. Drei Tage vor Schluss möchte ich die Zeit etwas nutzen, über Plath und intensiver Lyrikauseinandersetzung zu resümieren. Das meiste davon habe ich aus Zeitgründen nicht hier, sondern bei lovelybooks.de geschrieben, welches hier nachzulesen ist.

Die zwei Monate haben mir manchmal gut getan, manchmal weniger. Mir hat es gut getan, Lyrikstrukturen beider Autorinnen anzusehen, die Machart von Gedichten näher zu beleuchten, das Lyrikhandwerk näher zu erfahren und davon zu lernen. Ich habe gute Metaphern gelesen, gute Vergleiche, gute Personifikationen, die mich in dieser Zeit auch zu einem großen Output führten, der nun nach und nach veröffentlicht wird – Print wie digital.

Weniger gut getan haben mir manchmal die Inhalte. Cornelia kann ich diesbezüglich nicht zur Verantwortung ziehen, ihre Gedichte waren immer ein Gegenpol zur Plath-Literatur und ausgleichend formuliert. Mit Plath habe ich gerungen, bereits nach 3 Wochen die ersten psychischen Abnutzungserscheinungen gezeigt. Ich war traurig gestimmt, wütend auf die Welt, in einer schwarzen Wolke getragen von Plaths permanenten Suizidbeschreibungen und Depressionen. Mir war trotz des Wetters kalt, und habe mehr einsame Buchten gesehen, als die, die ich je bereisen werde. Ich habe Tiere kennengelernt, die liebenswürdiger erscheinen als Behandlungen von einem Menschen, den man liebt. Sich auf diese Lyrik einlassen heißt auch: seine gesellschaftlichen Zwänge in Frage zu stellen. Ich habe mich in Plath verlieben können, weil ich so gut verstehe, was sie gebrochen hat:

“I am afraid of getting older,  I am afraid of getting married. Spare me from cooking three meals a day. Spare me the relentless cage of routine and rote. I want to be free…I want, I think, to be omniscient…I think I would like to call myself ‘The girl who wanted to be God.’ Yet if I were not in this body, where would I be—perhaps I am destined to be classified and qualified. But, oh, I cry out against it. I am I—I am powerful—but to what extent? I am I. [1]

Viele Stunden verbrachte ich damit, Essays über Plath auf Englisch zu lesen, von Universitätsprofessoren und Dozenten, von Studenten, von Lyrikbegeisterten und habe so eine Ahnung bekommen, welches Leben ihr in den Sechzigern blühte.

Derzeit bin ich so alt wie Plath damals, als sie “Der Koloss” schrieb. Plath war im Gegensatz zu mir zu diesem Zeitpunkt bereits 3 Jahre verheiratet, unterrichtete in Cambridge als Dozentin. Ein Jahr würde es noch dauern, dann würde ich wie sie mein erstes Kind zur Welt bringen, drei weitere um einen Sohn zu gebären. Ein Jahr würde es dauern, ehe ich dahinter käme, betrogen worden zu sein. Ich würde wohl so wie Plath nie erfahren, dass sich die Nebenbuhlerin ebenso mit dem Herd das Leben nehmen würde. All das würde mich genauso brechen. Ich habe mich so gut in diese Lebensverzweiflung einfühlen können, besonders wenn man die Umstände ihrer Zeit bedenkt.[2]

Was es mir brachte, mich in Plath so hineinzuversetzen war zweifelsohne die Wut zu spüren, die ihr Schreiben antrieb. Plath schrieb seit ihrem 11. Lebensjahr Tagebuch, einige davon zerstörte ihr Ehemann posthum, mit der Begründung so etwas den gemeinsamen Kindern nie zumuten zu wollen. Sie schrieb im Alter von 16 Jahren bereits mehr als 400 Gedichte, tausende hatten sich bis zum Alter vom 32 Jahren angesammelt. Die ersten Gedichte schrieb Plath, als sie acht Jahre alt war. [2]

Was ich daraus lernte war, dass das Schreiben oft einem höheren Zweck dienlich ist, so wie bei Plath das Hinarbeiten auf den eigenen Suizid. Ihr Schreiben hatte nie etwas Weinerliches, nie etwas Naives, immer sehr kühn und düster, immer sehr das Leben ertragend. [3]

Ihr Talent lag zweifelsohne darin, dass sie alltägliche Situationen und Begebenheiten in kunstvolle Lyrik transformieren konnte. Auch Erinnerungen, wie die an Familienmitgliedern fanden immer wieder Platz. [4]

Besonders mitgenommen hat mich ihr Suizid im Februar 1963. Es ist in London so kalt wie seit 150 Jahre nicht mehr, mittlerweile ist sie alleinerziehende Mutter. Die Glasglocke, mittlerweile ein Literaturklassiker, wurde gerade verlegt. Plath geht es zu dem Zeitpunkt wirklich schlecht. Ihr Nachbar in der neuen Wohnung eilt ihr nicht zu Hilfe, als sie darum gebeten hat. [5] Sie legte ihren Kindern Brot und Milch zurecht, legte ihren Kopf in den Ofen und drehte den Hahn auf. Daneben das Manuskript für ihren berühmtesten Gedichtband Ariel. [6]

Besonders wütend machte mich der Fakt, dass Ted Hughes, ihr Ehemann, trotz Trennung seine Rechte an Plaths Schreiben besonders in Anspruch genommen hat. Mehrere Tagebücher wurden zerstört, viele Passagen gestrichen, auch den letztgenannten Gedichtband hat er nach seinen Vorstellungen editiert. Posthum brachte er auch das Buch “Die Glasglocke” unter ihrem Namen heraus, obwohl Plath darauf bestand, ihre Familie zu schützen und ihn unter einem Synonym zu veröffentlichen. Mit Hughes wurde in der Wissenschaft besonders hart ins Gericht gegangen, es nutzten auch seine Versuche, wie Ursprungsfassungen zu publizieren, kaum noch etwas. [6]

Plath hat mich mit einer Passage aus ihren Tagebüchern sehr getroffen, welche ich auch nicht vorenthalten möchte:

“Writing, then, was a substitute for myself: if you don’t love me, love my writing & love me for my writing. It is also much more: a way of ordering and reordering the chaos of experience.” [7]

Da möchte ich Sylvia zustimmen, wenn man nicht geliebt wird, dann wenigstens für sein Schreiben.

 

Referenzen //

[1] SANDRA M. GILBERT; SUSAN GUBAR: No Man’s Land: The Place of the Woman Writer in the TwentiethCentury, p. 270 In: America Poetry Review. The heroics of style pt 1. 

[2] TED HUGHES: Zum ersten Mal schreibt der englische Lyriker Ted Hughes über seine tödliche Ehe mit Sylvia Plath. Die Zeit, Artikel vom 5. Februar 1998

[3] DENIS DONOGHUE: You could say she had a calling for death. New York Times, Essay vom 22. November 1981.

[4] ROSEMARY M.; CANFIELD REISMAN (Ed.): Sylvia Plath – Sylvia Plath Poetry: American Poets Analysis

[5] FABIENNE HURST: Sylvia Plath: Wie die junge Frau auf einer Kochreklame. Der Spiegel, Artikel vom 11. Februar 2013

[6] o.A.: Die Bienen nehmen es, wie es kommt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung, Rezension vom 24.Januar 2009

[7] SYLVIA PLATH: The Unabridged Journal of Sylvia Plath. Tagebucheintrag vom 12. Dezember 1958.

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