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[Sterbenswörtchen]: Martin Peichl.

[Sterbenswörtchen]: Martin Peichl. Posted on 6. Juni 2017

Wer sind die großartigen Autor/-innen, die hie und da ein Sterbenswörtchen verlieren? Mein Gast für den Monat Juni ist Martin, vielen bekannt als @untergeher83 von Twitter. Neben seinem Brotberuf als Gymnasiallehrer für Deutsch und Englisch schreibt Martin jeden Dienstag neue Texte im reading room bei den Dienstagsschreiber/-innen. Martin veranstaltet regelmäßig Lesungen, von beziehungsweise:gelogen  oder Dicht.Dichter.Prosa, auch über österreichische Grenzen ist Martin mittlerweile bekannt, so war er zum Hörgang Bogenhausen als Literat eingeladen worden. Auch Literaturzeitschriften, wie das DUM, lassen Spuren von Martins literarischem Schaffen finden. Ein persönliches Erlebnis veranlasste den aufstrebenden Autor bei 1000Tode, ein Sammelsurium an Literatur über das Sterben und den Tod mitzuschreiben. Sein  Ziel ist der Bachmannpreis 2019, wenn nicht, dann 2020.

Was bedeutet Tod für dein Schreiben?

Der Tod ist ein Thema, das in einigen meiner Texte vorkommt, aber oft nur am Rande, oft nur in einem Nebensatz oder zwischen den Zeilen. Was vielleicht viel über meinen Umgang mit dem Thema aussagt beziehungsweise wie wir als Gesellschaft damit umgehen. Oft ist Schweigen, also eine leere weiße Seite zum Beispiel, die einzige Sprache, um den Tod zu beschreiben. Weil selbst wenn man die Seite mit Text schwärzt, reichen die Wörter und Sätze oft nicht aus.

Wie politisch ist der Tod?

Politik und Tod haben für mich persönlich keine Berührungspunkte. (Verlässt man jedoch diese private Ebene stellt man schnell fest, dass das vielleicht ein wenig naiv ist.)

 Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?

Wie ein Fremdkörper. Was aber weniger mit dem Tod zu tun hat als vielmehr mit der Art und Weise wie wir soziale Medien nutzen. Ich denke der Tod ist etwas sehr Persönliches, Trauer etwas sehr Privates, eher leise als laut. Soziale Medien sind das Gegenteil, sie machen Lärm, sie teilen und zerteilen, fragmentieren das Erlebte. Und was übrigbleibt ist nur ein Splitter.

Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?

Unsichere Erinnerungen. Verfälschte, zum Teil nachträglich konstruierte Erinnerungen. Die vermischen sich dann mit dem tatsächlich Erlebtem und man blättert schlussendlich in einem Fotoalbum, in dem nur jedes zweite oder dritte Bild stimmt, man wühlt in Erinnerungen wie in Kisten und hofft unterscheiden zu können, was echt ist davon und was nicht. Dabei macht es keinen Unterschied, ob wir uns richtig erinnern. Weil Erinnern dann doch auch Trost ist.

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?

Nichts bleibt, wenn ich gehe. Ich werde nichts hinterlassen, nicht einmal eine Lücke. Aber bis dahin werde ich mit dem Tod und dem Sterben leben, mit der Tatsache, dass man manche Menschen nicht festhalten kann, dass man manche Menschen vielleicht sogar umbringt.

Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild) drückt den Tod am besten aus?

Ich denke der Tod in der Kunst hat viele Gesichter. Persönlich fasziniert mich die Sage von Orpheus zum Beispiel: Sein Scheitern beim Versuch, die Liebe seines Lebens zurückzuholen, und sein eigener Tod, als er zerrissen wird. Auch denke ich an Rilkes Zeilen: „Er wusste nur vom Tod, was alle wissen: / dass er uns nimmt und in das Stumme stößt”.

Als Student habe ich das erste Mal Peter Handkes Wunschloses Unglück gelesen. Ich finde es zeigt sehr anschaulich, was der Tod mit uns Hinterbliebenen macht: Er bringt uns dazu, Geschichten über die Verstorbenen zu erzählen, ihr Leben, ihre Biographien zu rekonstruieren. Wie bereits gesagt: Oft weiß man nach Jahren nicht mehr genau, was davon wahr und was davon Fiktion ist.

Unbedingt erwähnen muss ich an dieser Stelle auch die Serie Six Feet Under. Sehr einfühlsam und vielschichtig werden hier verschiedene Aspekte des Themas behandelt. Man darf sich nur nicht vom furchtbaren deutschen Untertitel „Gestorben wird immer“ irritieren lassen. (Ein schönes Beispiel übrigens dafür, wie Übersetzungen Bedeutung umbringen können.)

Wie viele Tode kann man sterben?

In einem Text über meinen verstorbenen Vater heißt es: „Wie oft bist du gestorben, wie oft haben sie dir beim Sterben zugeschaut, wie oft haben sie dich sterben lassen? Es gibt keine Antwort auf den Tod, es gibt danach auch kein Weiterleben. Manchmal gibt es auch im Leben kein Weiterleben.“

Um die Frage zu beantworten: Meinem erweiterten Verständnis von Tod zufolge kann man viele Tode sterben. Ich denke, dass man in seinem Leben immer wieder das Gefühl hat zu sterben oder bereits gestorben zu sein. Und Gefühle schaffen – wie Sprache – Wirklichkeiten. Man kann sterben, weil man emotional an seine Grenzen gedrängt wurde und darüber hinaus, man kann sterben, weil man zunehmend verschwindet und irgendwann unsichtbar wird, man kann sterben, weil man abstumpft und nicht mehr fühlt. Es gibt viele Variationen.

Welchen Zustand hat der Tod?

Das Unheimliche am Tod ist, denke ich, dass er ein Nicht-Zustand ist. Wir reden zwar manchmal vom „schönen Tod“ oder vom „plötzlichen Tod“ oder verpacken ihn in Euphemismen wie in Geschenkpapier. Für mich jedenfalls ist der Tod zustandslos. Ein Ende, das kein Ende ist, weil Enden uns immer die Hoffnung eines Anfangs in den Raum stellen. Aber der Tod ist kein Raum. Und auch keine Endstation, weil kein Weg zurückführt.

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Ich kann mich an eine Zeit erinnern, in der ich an ein Leben nach dem Tod geglaubt habe, aber das waren in erster Linie kitschige Vorstellungen und kindliche Fantasien. Ein Abziehbild vom Leben nach dem Tod, das ich mir zusammengebastelt hatte aus den Geschichten aus der Kirche, aus den Geschichten der Erwachsenen. Es hat nicht lange gedauert, da hatte ich jeglichen Glauben an Gott und damit verbunden auch an ein Jenseits verloren. Es macht den Gedanken an den Tod nicht leichter, aber auch nicht schwerer. Ich will im Leben Trost erfahren, nicht vertröstet werden. Und Religion habe ich leider oft als bloß vertröstend erlebt.

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Hier darf ich jetzt kurz träumen, okay? Ich würde mir wünschen, dass wir Sprache als Werkzeug verstehen, mit dem wir positive Veränderungen herbeiführen können. Oft reichen schon ein paar Worte, ein paar wenige Sätze. Und ich wünsche mir, dass wir Menschen davor bewahren, ihre Sprache zu verlieren, dass wir den Sprachlosen ihre Sprache zurückgeben, dass wir die Unsichtbaren sichtbar werden lassen und den Verschwindenden einen Weg zurück aufzeigen. Das klingt alles sehr utopisch, ich weiß, aber davon träume ich.

 

 

Danke für die tollen Worte, und obwohl wir uns kennen, freu ich mich, dass wir befreundet sind 😉 <3

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