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[txt] entdecken. Posted on 17. Mai 20171 Comment

Ich weiß noch, damals, ich war wohl kaum älter als acht Jahre, hat mir mein Opa voller Stolz seinen SS-Ausweis gezeigt. “Schau, das waren noch schöne Zeiten”, hat mein Opa gesagt, in seinen Bart hinein, unter welchen er sonst sehr viel Gram versteckt hielt. Mein Opa hat mir oft von den schönen Zeiten erzählt. Der “Kristallnacht”, so als wär es Weihnachten für ihn gewesen. Der  “Hasenjagd” und wie toll es war, soviel Ungetier zu jagen. Manchmal hat er auch Mensch-ärgere-dich-nicht oder ein Kartenspiel mit mir gespielt. “Spiel nicht immer wie ein Jud”, hat er mich geneckt und mich dann angehalten ein “Ich bin kein Scheißjud” zu schreien, mitten in das Spielbrett hinein, auf das Brett gekotzt und die Karten angespuckt, weil ich kein Scheißjud zu sein habe, und ich ein Arier bin, aber das bleibt unser Geheimnis und ich darf das zu niemanden sagen, weil ein Arier stolz sein kann auf seine Vergangenheit und darüber nobel schweigt.

Den Ausweis habe ich bei jedem Besuch gesehen, mittlerweile war er sehr zerrissen. “Scheiß Russen, gehören alle erschossen, standrechtlich” hat mein Opa dann gesagt, als er sich an seine Gefangennahme in Russland zurückerinnerte, weniger nobel fielen die Erzählungen aus. Ich weiß, was mein Opa zwischen 1938 und 1945 alles gemacht hat, jede einzelne Erinnerung hat er mir geschenkt, nur Russland war unter den Mantel des Schweigens gehüllt worden. Ich bin 10 Jahre alt, ich frage ihn das erste Mal, warum er so einen Hass auf Juden hat. “Die haben dem deutschen Reich alles genommen, und wir fraßen Dreck”, hat er mir geantwortet und ich weiß noch, ich hab mir vorgestellt, wie mein Opa seinen Löffel mit dem seltsamen Muster an der Unterseite zur Hand nimmt und Dreck frisst. Das ganze alte Besteck, die alte Uniform, die Ausweise, die verblichene Medaille hat er sich aufgehoben, in einem Karton. Einmal hab ich den Karton entdeckt und die Motten hatten die Uniform schon mehr als zerfressen gehabt. Mein Opa meinte nur, dass er ohnehin schon zu alt für glorreiche Zeiten wäre. Aber sie kommen wieder, hat er dann gesagt und in seinen dünn gewordenen Bart hinein gelächelt.

Wir saßen einmal bei Kuchen, Oma hat mir Kuchen gebacken, zumeist Guglhupf, weil das mein Lieblingskuchen war und Opa hat sehr darauf bestanden, dass ich verstehe, dass “Heil” kein schlechtes Wort ist, sondern dass das eigentlich sowas wie Gesundheit bedeute, und Gesundheit wünscht man doch jedem. Ich hab “Heil” trotzdem nie gesagt, weil ich das Wort schirch fand, ganz einfach schirch und die ganzen alten Wörter mochte ich ohnehin nicht.

Immer vor der Mittagessen hat mir mein Opa Unterricht erteilt. Kurrent in Wort und Schrift, mein kluges Mädchen, damit du lesen kannst, was wir erschaffen haben, die deutsche Normalschrift kannst du bereits lesen.  In der Schule, ich war etwa 4 Jahre älter, habe ich dann die Schriftzeichen meines Opas in unserem Geschichtebuch entdeckt. Auch sein Ausweis war im Buch enthalten und das ganze Kapitel hat soviel bedrohlicher gewirkt, als dass, was er mir vom deutschen Großreich und dem Krieg erzählt hatte. In der Schule kamen Zeitzeugen vorbei, sie erzählten uns vom Krieg, da war eine Frau dabei, die früher die Nachbarin meines Opas war. Ganz glauben hab ich nicht wollen, was sie mir erzählten, und habe mich daran erinnert, dass mein Opa gemeint hat, dass es immer zwei Wahrheiten gibt, und eine ist für einen persönlich wahrer.

Wir sind in der Schule dort hingefahren, wo mein Opa voller Stolz erzählt hat, dass er Ungeziefer gejagt hat und ich hab feststellen müssen, dass mein Opa zu dieser Zeit bereits in russischer Gefangenschaft war. Aber wie das so ist mit Wahrheiten, man sucht sich die Schönere aus. Irgendwann hab ich gelernt, dass man nicht mehr “Kristallnacht” sagen darf, sondern dass das Novemberprogrom heißt und dass mein Opa da unmöglich dabei sein konnte, weil dort wo er lebte, konnten sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen, aber nicht Juden und die Nazis.

Ich habe meinen Opa an seinem 80. Geburtstag gefragt, ob er denn ein Nazi gewesen ist. Zuerst hat mein Opa etwas entsetzt geschaut, dann herzlich gelacht und mir in die Kehle ein: “Nazi ist man nicht gewesen, Nazi ist man” geworfen. Geflissentlich wurden meine Warum-Fragen ignoriert. Mein Opa hat nicht mehr viel mit mir gesprochen. Manchmal, als er wieder einmal Brot in seinen Kaffee tunkte, sagte er, dass ich auch eine Verrätersau bin und mir nicht mal mehr der Dollfuß heilig ist. Die Oma hast du auch angeschrien, weil ich nicht sehen wollte, wie gut die Welt in seinen Jugendjahren war. Arbeit hatte mein Opa plötzlich, er war irgendwann zum SS-Unterscharführer geworden und er fühlte sich wohl nicht mehr als Bauerntölpel. Wikipedia hat mir damals erklärt, dass mein Opa einer Mannschaft von 8 Personen vorgestanden war. Das war das erste Mal, dass ich ihn belächelt hatte. Es kam mir alles so surreal vor, seine Welt, die er liebte, und die Welt, in die ich mich eingelesen hatte. Irgendwann hat mein Großvater mit mir gebrochen. Er ließ mich seinen kalten Zorn spüren, diese Wut, die er auf mich hatte, weil ich seine Taten verabscheute, und seine Lügen, die er als Wahrheit tituliert hatte. Irgendwann ist mein Großvater gestorben, immer noch wütend auf mich, auf den Grabstein hat er sich Hammer und Schwert einmeißeln lassen.

Ich besuche ihn nicht.

 

Bildnachweis.

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