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[txt] Alkohol.

[txt] Alkohol. Posted on 18. April 2017

Die einzigen Bilder, die ich von dir habe zeigen dich mit einer Flasche Bier. Du mit mir an Weihnachten und die Flasche Bier, du mit mir an Ostern und die Flasche Bier, du mit mir, meiner Geburtstagstorte, Geschenken und die Flasche Bier. Ich hatte die Flasche Bier als vollwertiges Familienmitglied akzeptiert gehabt. Familienmitglieder muss man gut behandeln, hast du immer gesagt, als du dir zum Frühstück eine Flasche aufgemacht hast. Für mich Kakao, für dich Bier. Du warst sehr nett zu mir immer, manchmal hast du den Rest übrig gelassen, für deine Kleine. Ich habe Bier nicht gemocht, aber ich wollte dich nie enttäuschen. Dein Geruch nach Schweiß und Bier war Heimat für mich. Einmal hast du mir ein Geschenk eingepackt, zu meinem sechsten Geburtstag. Du hattest kein Geschenkpapier mehr, erinnerst du dich, wie du dann eine Zeitung genommen hast und Bieretiketten darauf geklebt hast? Du hast das sehr lustig gefunden und ich hab deinetwegen mitgelacht. Oft hast du zu mir gesagt, man muss stark sein, wenn man das Leben gut aushalten will. Ganz verstanden habe ich dich damals nicht, aber ich war sehr stark, wie du mir abends vorm Schlafen gehen, aus Spaß versteht sich, die Hände blau gedrückt hast oder deinen Gürtel nahmst und zu mir sagtest, dass wir jetzt ein bisschen spielen werden, damit ich stark werde, deine Kleine. Ich habe selten geweint, manchmal ein wenig unter der Bettdecke, wenn du eingeschlafen warst und laut schnarchtest.

Deine Freunde rochen für mich nie nach Heimat, auch wenn sie mit dir Bier am Küchentisch tranken. Oft hast du mich herumgereicht, ich soll ein braves Mädchen sein und mich auf jeden Schoß einmal setzen. Sie tun dir nichts, hast du mir gesagt und hast mich daran erinnert, dass wir am Abend wieder spielen, wenn ich nicht nett zu meinen vielen Onkeln bin. Irgendwann wurde ich zu schwer für meine Onkeln und du nahmst es mir permanent übel, dass ich kaum mehr zuhause war und erst abends nachhause kam. Seit du nicht mehr arbeiten gingst, waren deine Tage noch länger als sie ohnehin schon waren, und das Leben war schon lange nicht mehr gut zu ertragen. Egal, wann ich zu dir kam, lagst du auf dem Sofa, schautest Fußball und beklagtest dich, dass dein Couchtisch schon wieder nicht abgeräumt ist, und irgendjemand gefälligst die Bierkästen neben die Couch stellen sollte. Manchmal hast du am Sofa geschlafen und ich habe dich nicht aufwecken wollen, sonst erzählst du in deiner rührseligen Art, wie gemein das Leben zu dir war und den Hass auf deine verstorbene Frau ließest du an mir aus, obwohl ich brav war, und angepasst – oft habe ich mich nun auf die Hände gesetzt, zur Sicherheit.

Eines Tages bist du dann am Boden gelegen und ein Transporter kam und hat dich mitgenommen. Das ganze Haus habe ich damals geputzt und gelüftet, den Uringeruch klinisch geätzt, ebenso die Kotzflecken – den Teppich im Wohnzimmer habe ich weggeworfen, du warst mir deswegen unendlich böse, es tut mir leid, ich wusste nicht, dass ihn dir eine tote Frau geschenkt hatte. Ich habe dich einmal im Krankenhaus besucht und du warst mir böse. Dein Händedruck war kraftlos.

Seit du wieder zuhause bist, kommt Eliza jeden Tag vorbei. Du bist zu ihr auch böse. Das Essen spuckst du ihr absichtlich ins Gesicht und du machst absichtlich ins Bett. Eliza will uns bald verlassen, sagt sie zu mir, oft hat sie Tränen in den Augen. Auf deinem Rücken hast du offene Stellen, wundgelegen bist du, sagt mir Eliza und zeigt mir deine eitrigen Stellen am Rücken und an den Füßen. Meine Hände schlägst du weg, wenn ich komme.

Heute ist dein Begräbnis. Du hattest beschlossen deiner toten Frau eins auszuwischen und dich woanders begraben zu lassen als in eurem Familiengrab. Ein Geschenk habe ich für dich, eine Flasche Bier, die ich dir ins Grab werfe. Sie alle sehen mich fassungslos an, ich wollte dir etwas schenken, dass dein Leben dort dann ertragbarer macht. Heute geben mir viele Menschen ihre Hände, keine davon tut weh.

 

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