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Kollektivsplitter.

Kollektivsplitter. Posted on 3. April 2017

“Jetzt hast du, was du wolltest, nicht?”
“Nein, so kann ich das nicht.”
“Du kannst sehr wohl, du willst nur nicht”
“Ich kann DAS wirklich nicht, verstehst du denn nicht?”
“Ich bin mir sicher, dass du einfach nicht willst.”
“Schön, dann werd ich jetzt wollen wie du willst.”
“Aber ich will das auch nicht so.”

Betretenes Schweigen breitete sich auf dem quadratischen Tisch im Abendgewimmel aus. Es war früh, und doch zu spät, niemand beachtete die beiden, es war eigentlich zu kalt, um jetzt noch im Café  bei offenen Türen zu sitzen, aber dem Frühling zollt man Respekt. Sie fuhr sich durch ihre zerzausten Haare, ihren Cardigan zog sie weiter zu und überkreuzte ihre Beine. Er blickte wütend auf seine Bierflasche, nahm sie und warf sich die ganze Flasche auf einmal ein.

“Bitte nicht”
“Aber manchmal muss man.”
“Anscheinend nicht, wenn man nicht will”
“Nein, ich meine das wirklich so.”
“Ich weiß nich so recht.”

Sie streckte ihm ihre Hand hin. Seine Händen entschieden an der Bierflasche zu bleiben, so als wollte er sich abkühlen. Sie zog ihre Hand zurück, in ihrem Gesicht war die Kränkung deutlich abzulesen.

“Ich hab dich sehr lieb.”
“Darum muss ich es ja tun.”
“Wie unsinnig.”
“Es tut mir so furchtbar leid, dass du das nicht verstehst.”
“Das Schlimme ist ja, ich verstehe es.”
“Du verstehst es?”
“Ja,ich weigere mich nur.”

Dann sagten beide, er und sie, weniger als ein wir, eine Weile gar nichts mehr.

“Du willst nicht, dass ich dich lieb habe.”

“Wir wollen doch keinen Unsinn reden.”
“Aber hören willst du es auch nicht.”
“Das hätte man mir beweisen sollen.”
“Wir wollen doch keinen Unsinn reden. Liebe beweisen.”
“Du bist seltsam.”
“Du auch.”
“Es macht mich ja auch todunglücklich, loszuziehen, wegzulaufen und dich allein zu lassen.”

Der Kellner betrachtete das Geschehen von Weitem. Sein Anzug saß nicht mehr perfekt, er war ins Alter gekommen und der Anzug wurde zu lang und zu eng. Er kannte die beiden, er bediente sie seit Monaten, sie waren immer ins Café gekommen und hatten hier gemeinsam geschrieben, manchmal skizziert und stundenlang einander nicht angeredet. Seit 40 Jahren hatte er viele Gäste bedient und jedes Mal grub sich ein weiterer Dorn in seine Magengrube, wenn er Abschiede beobachtete.In jungen Jahren war er davon überzeugt gewesen, dass ein Café die richtige Athmosphäre hatte, um Menschen einander näher zu bringen, und jetzt hatte er erkennen müssen, dass Cafés traurige Anstalten sind, ein Ort voller Trennungen und Abschiede.

“Kannst du nicht gut zu mir sein und mich gehen lassen?”
“Was denkst du denn, was ich gedenke?”
“Das wirst du mir nie verzeihen, ich weiß.”
“Seine Laster verzeiht man sich auch nicht.”
“Ich wollte nie Laster, nur Obsession sein.”

An der Theke ließ der Kellner heißen Milchschaum in die Tassen laufen, sie hatten ihn vor ihrem Gespräche geordert – “der letzte Kaffee als Kollektiv – den nächsten trinken sie als Individuen, zerfetzen Individuen”, schoss es dem Kellner durch den Kopf.

“Wie soll ich es denn sonst nennen?”
“Das ist bloß dein Namen dafür.”
“Wir sind aus vielen schönen Splittern zusammengesetzt.”
“Das brauchst du nicht nochmal sagen, ich habe verstanden.”
“Aber es erklärt es für mich.”
“Splitter bleiben immer übrig, wenn man etwas sprengt.”

“Aber ich komm zurück.”
“Du wirst zurückkommen, aber nicht zu mir.”
“Ich habe dir doch versprochen, dass ich zurückkommen, wenn du willst.”
“Nein, du wirst sehen, du wirst kommen, aber nicht zu mir.”

“Dann geh endlich.”
“Wirklich, du lässt mich gehen?”
“Geh nur.”

Ihre Stimme klang eisern, nach Metall, ihm femd. Sie hatte sich durchgedrungen, etwas zu sagen, um die Spannung aus dem Kollektiv zu nehmen, die Individuen zu bestärken, sie blickte durch ihn hindurch, fort von hier, weiter weg.

“Du willst also, dass ich jetzt gehe.”
“Ja. So schnell als möglich.”

Er stand auf, drehte sich nicht mehr um, und verschwand zur Tür hinaus. Der heiße Kaffee wurde der Frau wackelig auf einem Tablett serviert. Zwei Tassen, eine zu viel. Der Kellner sah sie bemitleidenswert an.

“Sehen Sie, in mir ist nun ein neuer Mensch.”

“Hmm.”
“Sehen Sie nur, ein neuer Mensch.”

Sie blickte ihn an, dann in den Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Als sie in den Spiegel sah, bemerkte sie, dass sie nun wirklich ganz verändert aussah.

“Wahrhaftig, ein neuer Mensch”, entgegnete der Kellner.

 

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