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[txt] nächtelang.

[txt] nächtelang. Posted on 12. Februar 20174 Comments

Ich saß in einem Arbeitszimmer, mein Mann war im Nebenzimmer, seine Sonntagszigarette rauchen. Es tut nichts zu Sache, dass es sein Neujahrsvorsatz war, mit dem Rauchen aufzuhören. Der Sonntag zählt nicht zu den Jahren, erklärte er mir, und eine Zigarette am Sonntag sei daher tragbar. Ich war müde, die Nächte waren wie immer zu kurz. Seit Tagen erbaute sich in meinem Kopf ein gewaltiges Stück. Man muss dazu erwähnen, dass ich eine gescheiterte Schriftstellerin bin, so titulieren es andere, ich für meinen Teil würde sagen, ist es mehr die Festlegung auf ein bequemes Leben.  In meinem Kopf wurde gerade ein aufregendes Stück gespielt, es war so aufregend, dass ich nächtelang schon nicht mehr geschlafen hatte. Dieses Stück würde mich gewiss vorantreiben in meinem Schaffen, dann würde es heißen, sie war eine hervorragende Theaterschriftstellerin, sie schuf ein Meisterwerk nach dem anderen etc. pp., nach meinem Ableben, und als Frau in den Vierzigern hat man heute das halbe Leben vor sich, meine besten Stücke erwachsen daher noch in mir.

Es hatte sich in meinem Kopf herauskristallisiert, dass es eine Verbindung zwischen dem Einzelnen oder Kollektiven gab. Nicht so sehr auf meinen Mann bezogen, wir waren Individuen und hatten nur Berührungspunkte, für mehr hatte es nie gereicht. Mir ging es darum, dass Einzelne und Kollektives nicht als Gegenpole der Welt zu betrachten seien, nein vielmehr waren sie flüssige Übergänge, die sich in performativen Akten je nach Anlass wandelten. Mein Mann hatte diese Idee bereits verworfen und mir erklärt, dass er mir eine Brüstung erbaue, damit ich meine schlechten Stücke darüber werfen könne. Mein Gedankengebäude wuchs und wuchs. Pluralisierung von Individuen war nicht automatisch Kollektives, und jede Teilung eines Kollektiven war nicht zugleich als Ausgangspunkt für das Endstadium eines Einzelnen festzumachen.  Mein Material erbrach sich aus meinem Kopf, aus den Winkeln meiner Gedankengänge, aus den Türen, die ich in meinem Gedankengebäude öffnete und wieder verschloss, Subgedanken ordnete ich in Schubladen und öffnete sie bei Bedarf. Manches Mal passierte es, dass ich eine Schublade vergaß wieder zu schließen, in der Nacht zog ich umher und dekonstruierte diesen Gedanken solange, bis er in Einzelteile zerlegt war und ich beruhigt morgens ins Bett gehen konnte. Einzelteile waren bei weitem nicht so gefährlich wie Gedankenkonstruktionen, von Theorien ganz zu schweigen.

Heute war Sonntag und so erbot es sich festzustellen, dass mein Gedankengebäude in meinem Kopf keinen Platz mehr hatte. Seit Wochen spürt ich diesen Umstand eintreten. Mein Kopfweh wurde von Tag zu Tag stärker und machte mich an manchen Tagen arbeitsunfähig. Wie ein Löwe kämpfte ich gegen diesen Umstand an und dachte noch mehr und noch genauer nach und befüllte und bepackte mein Gedankengebäude weiterhin mit Gedanken. Mein Kopfweh steigert sich mittlerweile exponential. Ich spürte, wie mein Gedankengebäude im Hinterkopf schmerzte, die alten Gedanken waren in Aufruhr und streikten, dass ich sie so lange schon nicht gedacht hatte. Ich setzte alles daran, meinen alten Gedanken mehr Aufmerksamkeit zukommen zu lassen und dachte sie schnell alle einmal an. Das war ihnen zu wenig, mein ganzes Gedankengebäude fing an zu rebellieren. Mein Kopf war zu eng für die vielen Gedanken und sie beklagten sich alle in lauten Stimmen,dass die Schubladen zu schmal waren oder die Zimmer zu unkomfortabel und schönere und bessere Zimmer erhofften. Die größten Gedanken schrieen mich an. Was ich mir erlaubte, die Gänge falsch zu bauen, so wie mein Gedankengebäude aussah, war es schlicht falsch gebaut, ein Baufehler nach dem anderen, warum ich mir nie einen Architekten dazugeholt habe, und ein Baumeister wäre auch nicht schlecht gewesen, bei der miserablen Ausführung.

Mein Mann öffnete eine der Flügeltüren, als er mich so sitzen sah, mit beiden Händen auf den Kopf, die Haare leicht im Raufen begriffen, die Zähne gefletscht, das Gesicht schmerzvoll verzogen. Ob ich denn eine Kopfwehtablette bräuchte und ob es denn sinnvoll wäre, etwas Tee zu trinken oder mich doch einen Moment ins Bett zu legen, damit mein Kopfweh besser würde. Aber er verstand nicht, dass mein Gebäude zu groß geworden ist, er verstand nie. Er würde auch in Zukunft nicht verstehen, es wäre besser, man würde ihn erschießen, seine Satellitenspritzer hätten mehr Verstand als er.

Es war ein Leichtes gewesen, meinen Mann zu erschießen. Es wird ein Leichtes, mich zu erschießen, Gedankengebäude kann man nicht schrumpfen, mein Kopf würde weiterhin rebellieren, meine Gedanken waren falsch, haben mir die Stimmen gesagt, mir wurde bereits schwarz vor Augen. Ich drückte am Abzug.

 

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4 thoughts on “[txt] nächtelang.

  1. Sehr interessant geschrieben – so ähnlich fühlt es sich auch an, wenn sich eine Migräne den Weg durch den Kopf bahnt und alles aufstapelt und türmt, was man in den letzten Tagen an Eindrücken und Erfahrungen aufgenommen hat und nächtens leider nicht wieder losgeworden ist. Das Ende hat mich überrascht – ich dachte, der Mann muss sterben ;-). LG Marion

    1. Danke! Ja, ich dachte auch, dass es sehr interessant wäre, einmal über stechendes Kopfweh und Migräne zu schreiben. Und freut mich, dass man überraschen kann 🙂

  2. Soso, dein Wort zum Sonntag oder eher Mord…ich hätte mich auch noch länger in diesem Kopf befinden können. Einen längeren Blick in die Gedankenwelt über Worte ohne Verstand und über falsche Abzweigungen und Gänge. Ich lese den Text und sehe eine Person zwischen Jack Torrance und William Foster (Shining + Falling down), allerdings mit weniger Wahn und einer grazilen Art (vermutlich lasse ich mich dabei vom Geschlecht leiten). Der angedeutete Suizid am Ende hatte mich überrascht, dennoch finde ich ihn nachvollziehbar.

    Wie genau funktioniert dieses Projekt [txt]?

    1. Dankeschön! Ich lese gerne Thriller. Merkt man gar nicht 😉
      das Projekt*.txt funktioniert Folgendermaßen: Ein Wort wird vorgegeben, du hast 4 Wochen Zeit etwas einzureichen, es wird dann via Facebook, Twitter, Whatsapp, Telegram geteilt. Magst du mitmachen? Wäre super!!!! Hier sind alle Infos: http://www.projekttxt.net
      Würde mich echt freuen, wenn du mit an Bord bist 🙂

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