Posted in Projekt [Sterbenswörtchen]

Projekt [Sterbenswörtchen]: Matthias G. Kreitner

Projekt [Sterbenswörtchen]: Matthias G. Kreitner Posted on 3. Januar 2017

Wer sind die großartigen Autoren und Autorinnen, die die Welt Blick um Blick bereichern? Einer davon ist Matthias G. Kreitner und wohnt derzeit abwechselnd in Bremen und Wien. Matthias beschäftigt sich mit Theatertheorie und widmet sich viel seinen Inszenierungen. Daneben schreibt er auf seinem Blog erstgewesen theoretische Samplings, als auch Icareae, also Arbeitsthesen. Mehrfach wurde Matthias bereits veröffentlicht in Anthologien, als auch in Literaturzeitschriften. Mehr dazu kann man auf seinem Blog lesen. Matthias war so herzallerliebst und hat sich Gedanken über den Tod gemacht:

 

Was bedeutet Tod für dein Schreiben?
Erstmal ist der Tod im Text Perspektive. Ich kann ihn ja mit meinem Schreiben nie erreichen und/oder adäquat beschreiben. Aber gleichzeitig muss mein Text immer auf ihn zusteuern, wenn ich irgendetwas Real-Fassbares rüberbringen will. Er ist im Geschriebenen wie wohl auch im Leben jener Punkt, in dem alle Linien zusammenlaufen und als solcher ist er mir fast schon zwangsweise immer – manchmal an der Oberfläche, öfters unterschwellig – Thema in meinen Texten.
Das Ganze jetzt aber auf ein memento mori festzumachen, wäre aber ein wenig banal und billig. Der Tod taucht nicht in meinen Texten auf, um meine Figuren das Leben beizubringen und die verbliebene Zeit schätzen zu lernen, das müssen sie schon selber hinkriegen. Der Tod ist nur ein Zustand. Ich suche in meinem Schreiben weitestgehend danach, wie Menschen mit Situationen umgehen. Tod ist auch eine Situation, mit der wir Menschen wohl oder übel umgehen müssen.
Abgesehen davon kann ich mich extradiegetisch ehrlich gesagt noch nicht ganz von dem Wunschtraum, was zu schreiben, was mich in irgendeiner Form überdauert, trennen, auch wenn das wohl ein Fragment meiner bürgerlichen Existenz mitten im Markt ist. Aber neben der eigenen Wertfixierung über den Tod hinaus liegt trotzdem noch ein kleines Moment an Subversion drinnen, irgendwo, denke ich. Irgendwer wird dabei ausgetrickst. Ob das der Tod ist oder ich, weiß ich nicht.

 

Wie politisch ist der Tod?
Per se ist der Tod ja gar nichts, erstmal. Aber wir oder unser soziales Gefüge haben den Tod wohl zu einem Politikum gemacht, insofern, als dass das Hauptziel der Politik ein möglichst weitgehendes zeitliches Zurückdrängen des Todes im Sinne des Ermöglichen und Forcieren eines möglichst würdevollen Lebens sein soll. Also ist der Tod eigentlich das große Anti-Politikum. Wenn man Politik als gesellschaftliches Handeln annimmt, dann lässt sich ja auch sagen, dass der Tod das Ende jeder Politik ist. So kommt es auch, dass es eine der großen Herausforderungen und Aufgaben, mit denen sich die institutionelle Politik am schwersten tut, neben einem würdevollen Leben auch ein würdevolles Sterben in den Parametern der sterbenden Person zu ermöglichen. Das führt dann zu untragbaren Zuständen für Sterbende, die Wolfgang Herrndorf in seinem Arbeit und Struktur mit folgendem Satz beschrieb: „[…], und wenn man wochen- und monatelang durch das Labyrinth geirrt ist auf der Suche nach dem sicheren Ausgang, versteht man irgendwann, wie vollkommen vernünftige und zurechnungsfähige Menschen auf die Idee kommen können, sich auf eine ICE-Trasse zu stellen im vollen Bewusstsein, einen Lokführer für den Rest seines Lebens zu traumatisierten.“ (19.11.2012, S. 371)
Die Politik klammert sich ans Leben, solange sie Einfluss auf die Lebenden hat. Das Problem, welches die institutionelle Politik mit dem Tod hat, liegt, denke ich, in der Natur des Todes, der etwas zutiefst Einzelnes ist. Politik kann die Person nicht fassen, sie denkt und handelt immer mit lebenden (oder sterbenden) Massen.

 

Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?
Kurz: Schlecht.
Wir haben ja gerade das inoffizielle Jahr der öffentlichen Trauer in den sozialen Netzwerken hinter uns. Darüber, ob ein Tweet zum Tod einer Person öffentlichen Interesses sinnvoll ist oder nicht, will ich mir kein Urteil anmaßen, ebenso mit den Witzen über eben jene öffentliche Trauer. Jeder und jede trauert auf eine eigene Art und Weise.
Der Tod hat ja immer schon nach Ritualen geschrien, förmlich. Dass soziale Medien unser Trauern beeinflussen und nachhaltig verändern, ist klar- Das hat jede Veränderung des sozialen Raumes zuvor auch getan, sei es die zunehmende Urbanisierung oder die Gemeinschaftsbildung im Neolithikum. Das ist weder die Frage, noch das Problem. Mir scheint aber, dass wir der Veränderung im neuen Trauerraum hin ins Internet in Sachen Ritualbildung noch hinterherhinken. Diese Rituale beschränken sich nämlich scheinbar bisher auf genau solche Trauerbekundungen und die darauf folgenden Witze. Da muss doch noch mehr und auch Differenzierteres drin sein. Aber dieser Entwicklungsstand korreliert ja ganz gut mit dem status quo der allgemeinen Gesprächskultur in diesem Räumen.
Mehr beschäftigt mich jedoch der Umstand, dass es mit der Zeit notwendig geworden ist, seinen Tod online zu managen. Ich zumindest habe mittlerweile zuhause einen Brief deponiert, in dem recht minutiös festgeschrieben steht, welche Accounts im Falle des Falles geschlossen und welche offen bleiben sollen und außerdem mit welcher Ausführlichkeit diese verbleibenden Online-Existenzen von meinem Ableben informiert werden sollen. Da liegt ein struktureller Hund begraben, denn es liegt mir eigentlich nicht besonders nahe, jenen, die mich Überleben, auch noch dieses Management aufzuhalsen. Doch mein Leben online macht diesen posthumen Apparatschik unabkömmlich, so wie die Dinge momentan stehen.

Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?
Erst einmal eine Menge Bürokratie , dann Erinnerungen. Die sind keine absoluten, sie sind Veränderung unterworfen, auch wenn die aktive Produktion dieser Erinnerungen abgeschlossen wird. Nun lässt sich die Bewegung von Erinnerungen nicht allgemein festmachen, ich denke jedoch, dass es eine Tendenz zu einer Entwicklung von zunächst sehr konkreten Erinnerungen auf gedanklicher Ebene hin zu einer mit der zeitlichen Entfernung erstarkenden körperlichen Erinnerung gibt.

Irgendwann wenn die physischen Andenken quasi aufgebraucht sind, bleibt wohl von einem Menschen nur die Lücke, die er lässt. Es bleibt nur das soziale Netz, dessen Teil jemand war und in dem jetzt ein Mensch fehlt. Wenn Menschen gehen, bleiben Menschen, von denen sie gegangen sind.

 

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?
Anschließend an das oben Geschriebene will ich sagen, eine Lücke. Wie groß diese Lücke ist und welche Form und Bedeutung sie für jemanden hat, ist nicht für mich zu entscheiden. Ich als Einzelner kann nur versuchen, mich klar zu machen und Material, sei es Text oder anderes, zu produzieren und irgendwann zurückzulassen. das mögliche Fragen, die jemand an meine Lücke haben könnte, zu beantworten versucht. Darüber hinaus ist alles Spekulation.
Ich hoffe ja, dass sich jemand über meine doch recht gewissenhaft kuratierten Sachen freuen wird, ganz nach John Keats: „My chest of books divide among my friends- -„
Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild, Musik) drückt den Tod am besten aus?

Für die zwei Seiten des Todes habe ich für mich auch zwei herausstechende Werke.
Das Sterben als Prozess habe ich bisher nirgends besser gelesen als im schon vorhin zitierten Blog Wolfgang Herrendorfs, das nach seinem Tod in Druck erschien.
Die andere Seite der Münze, die Trauer, findet sich in Joan Didions The Year of Magical Thinking wie sonst in keinem Text, den ich kenne, verortet. Sie beschreibt darin ihr Jahr, nachdem ihr Mann John Dunne an einem Herzinfarkt starb, während ihre Tochter im Koma lag. Gerade aus dem Wissen, dass Quintana Roo Dunne wenige Tage vor dem Erscheinen ebenfalls von ihr ging, gibt den Reflexionen, die auch oft von fachkräftigen Zitaten unterbrochen sind, etwas schwer Fassbares. Ansonsten findet meine Auseinandersetzung mit dem Thema oft sehr vage statt, oftmals aber auch in wichtigen Zeilen zu dem Thema eher in journalistischer Arbeit wieder. Ein paar Beispiele, die lesens-, hörens- oder sehenswert sind:

“How Social Isolation Is Killing Us”, von Dhruv Khullar, NYT
„Elephant“, Jason Isbell
Nobody’s Son“, Mark Slouka,

Und ganz besonders wichtig: “Body in a Box“, City and Colour, Dallas Green mit der unglaublichen Zeile „It’s like a man’s best party only happens when he dies.“

 

Wie viele Tode kann man sterben?
Physisch einen. Einen einzigen. Zumindest, solange uns noch kein albtraumartiges Hochladen in die Cloud wie in miesen Filmen mit Johnny Depp glückt. Der Tod als Metapher ist aber ständig und er ist überall. Man kann den sozialen Tod sterben, die allermeisten Jugendlieben sterben irgendwann den Beziehungstod und ganze gesellschaftliche Überzeugungen verschwinden periodisch im Systemtod. Der Tod als Begriff für ein unwiderrufliches Ende, ein von der Bildfläche Verschwinden ist unserer Sprache so inhärent wie das Und und das Naja. Manches Mal mag er wohl überstrapaziert sein, aber aus kommen wir ihm nicht.

 

Welchen Zustand hat der Tod?

Nun, den Tod ist ja selbst Zustand, insofern finde ich es schwierig, ihm einen Zustand beizumessen.

Gesellschaftlich, im Sinne eines „State of the Nation“-Zustandes, ist er zwar in Bewegung, aber wohl immer noch eines der großen Tabus. Allerdings nicht eines über das man gar nicht reden darf, man darf nur die Konditionen des Darübersprechens nicht anzweifeln oder gar ändern, sonst schreit irgendwer. Glücklicherweise nehmen in dieser Materie immer wieder Personen, die wissen, wovon sie reden, sei es aus Erfahrung oder aus theoretischen Zugängen, Schreie in Kauf.

Ich würde sagen, den Zustand könnte man als „in flux“ beschreiben.

 

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Ich denke, (stark ausgeprägter) Glaube kann erheblichen Einfluss auf sehr viele Bereiche und Entscheidungen im Leben von gläubigen Menschen haben, so auch auf ihre Wahrnehmung von Tod. Das Pendel kann natürlich in beide Richtungen ausschlagen: Glaube kann einem Hoffnung auf ein Danach geben und so das Loslassen einfacher gestalten, er kann einem aber auch Angst vor göttlicher Vergeltung machen und so problematisieren. Ähnliches lässt sich vermutlich in den meisten religiösen Traditionen beobachten.

Ob mein Nichtgläubigsein meine Idee vom Sterben als solche maßgeblich beeinflusst, weiß ich nicht und kann es von innen nicht sicher sagen, aber Abwesenheit von Religiosität heißt nicht Abwesenheit von Reflektiertheit. Nichtglauben heißt traditionell nicht Nihilismus jeglicher Überzeugungen, sondern schlichtweg die Abwesenheit einer speziellen Überzeugung, namentlich des Glaubens an die Anwesenheit eines göttlichen Prinzips irgendeiner Form. Lange Rede, kurzer Sinn: Mein Nichtgläubigsein hindert mich nicht, mir ab und zu Gedanken über diverse Szenarien nach dem Ableben zu machen, sie sehen nur vielleicht anders aus, als bei religionsgeleiteten Menschen.

 

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Ich.

Dankeschön für das Interview.

 

Matthias im Internet:  twitter / facebook / instagram / blog

%d Bloggern gefällt das: