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Projekt [Sterbenswörtchen]: Marlies Hübner

Projekt [Sterbenswörtchen]: Marlies Hübner Posted on 4. Dezember 2016

Wo sind die großartigen Autoren und Autorinnen, die die Welt Blick um Blick bereichern? Eine davon ist mittlerweile in Wien wohnhaft und hat ein wunderbares Buch geschrieben: “Verstörungstheorien – Memoiren einer Autistin, gefunden in der Badewanne”. Darin beschreibt sie das komplizierte Da-Sein für Autisten und über all die Kämpfe und Sinnwidrigkeiten, die das Leben für jene Menschen bietet. Über den Tod hat sich Marlies auch Gedanken gemacht:

Was bedeutet Tod für dein Schreiben?

Er ist immer gegenwärtig, aber nie im Vordergrund. Meine Figuren haben in der Regel ein schweres Leben, ich schaffe es nicht, ihnen Unbeschwertheit zu schenken, ihnen gerade, helle Lebenswege zu schaffen. Der Gedanke, sie durch das Sterben zu erlösen, ist oft präsent, ich habe ihn aber noch nie umgesetzt.

Wie politisch ist der Tod?

Der Tod ist ein politisches Instrument. Auf der einen Seite ist er nicht politisch genug, denn nichts wird so einseitig diskutiert wie der selbstbestimmte Tod. Gerade das Thema Sterbehilfe wird meiner Meinung nach noch zu traditionell und christlich betrachtet und vor allem von denen geführt, die es nicht betrifft.
Zeitgleich sehen wir zu, wie Menschen zu hunderten und tausenden umkommen in Kriegen und auf der Flucht vor diesen, und statt uns für sichere Fluchtwege und das Ende der Kriege einzusetzen, denken Menschen hier nur daran, wie man den ohnehin schon hilflosen Menschen noch mehr existenziell wichtige Hilfen verwehrt, indem man Obergrenzen festlegen will und am besten gar keine Asylwerber mehr zulassen möchte. Die einen dürfen nicht sterben, die anderen überlässt man dem sicheren Tod.

Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?

Verändert. Man begegnet ihm in den sozialen Medien meist in Form des öffentlichen Trauerns. Da sind die, die den Tod eines geliebten, fremden, berühmten Menschen betrauern und die, die sich darüber lustig machen. Dazwischen: Schweigen. Vielleicht helfen soziale Medien, mit der den meisten Menschen innenwohnende Angst vor dem Tod umzugehen, indem man sich öffentlich und kollektiv damit beschäftigt. Vielleicht ist diese Art der Trauer aber auch nur ein Mittel, um sich selbst zu inszenieren. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?

Viele Kilogramm organischer Abfall und Erinnerungen.
Ich sollte sagen, dass nach meinem Ableben meine Texte bleiben, doch tatsächlich kann ich das kaum beeinflussen. Ich möchte nicht darüber nachdenken, ob das, was ich schreibe, jemals Bedeutung erlangen wird, denn das würde einen Druck erzeugen, in dessen Folge ich nicht mehr schreiben würde, weil ich jedes meiner Worte schon vorab für unbedeutend erachte.

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?

Bleibe ich, geht die Zeit.
Gehe ich, bleibt die Veränderung, die mein Sein verursacht hat und die für manche bedeutungslos, für andere lebensverändernd sein kann. Ich maße mir nicht an, den Umfang einschätzen zu können, auch, wenn ich nicht anders kann, als mir zu wünschen, dass die Veränderung groß ist.

Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild, Musik) drückt den Tod am besten aus?

Das hängt sehr stark vom Urheber des Kunstwerkes ab, und wie gut er den Tod in seinem Medium vermitteln kann. Sicherlich kann ein Film den Tod am Plastischsten darstellen, gleichzeitig ist die Grenze zur Farce, zur Karikatur schnell überschritten. Aber auch ein Roman über den Tod kann unfreiwillig komisch sein. Deshalb hängt es immer davon ab, wer das Kunstwerk schafft.

Wie viele Tode kann man sterben?

Wir sterben jeden Tag ein bisschen und am Ende doch nur einen Tod.

Welchen Zustand hat der Tod?

Ich verstehe die Frage nicht ganz, aber ich denke, er ist noch immer im Zustand des Wandels. Vor Jahrhunderten war der Tod etwas, das ganz selbstverständlich seinen Teil im Leben hatte. Man gebar, lebte und starb im Kreis der Familie. Heute ist er fremd und beängstigend. Er riecht nach Desinfektionsmittel und Formaldehyd und geschieht irgendwo da draussen, weit weg von uns. Er berührt uns nicht. Nur die Veränderungen, die er in unsere Leben bringt, sind für uns spür- und greifbar.

Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Der Glaube ist ein akzeptables Mittel, um die Sterblichkeit zu akzeptieren. Es macht Menschen scheinbar weniger Angst, vor einem grausamen, richtenden Gott zu stehen, der jeden Moment des gelebten Lebens nach seinen Regeln bewertet und als Maßstab für seinen Richtspruch heranzieht, als in die bloße Nichtmehrexistenz überzugehen.

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Dafür reicht ein Leben nicht.

 

 

Dankeschön für das Interview.

 

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