Posted in Allgemein Projekt [Sterbenswörtchen]

Projekt [Sterbenswörtchen]: Dominik Leitner

Projekt [Sterbenswörtchen]: Dominik Leitner Posted on 26. Oktober 2016

Das Projekt [Sterbenswörtchen] lädt jeweils einen Autor/eine Autorin ein, Fragen über den Tod und über das Leben zu beantworten. Der Oberösterreicher und Wahlwiener Dominik Leitner war mein Gast im Monat Oktober. Dominik, ein großartiger Journalist als auch Autor, ist das Sterben und der Tod  nicht unbekannt.  Auf seinem Literaturblog schreibt Dominik zum Teil autobiographische Sachen, die sich mit dem Thema Abschied nehmen und Sterben beschäftigen, sowie poetische Auseinandersetzungen wie das Gedicht “Augen auf” .

Hier gehts zum Interview!

Was bedeutet Tod für dein Schreiben?

In meinem literarischen Schaffen musste der Tod schon allzu oft als Inspiration herhalten. Er ist ein ständig begleitendes Thema. Vor ungefähr zehn Jahren begann ich damit, Texte von mir online zu stellen und nicht ohne Grund waren die ersten davon Briefe an Menschen, denen ich auf ewig verbunden sein werde, obwohl sie schon Jahre bevor ich das Licht der Welt erblickte, bereits von hier verschwunden waren. Der Tod ist für mich als literarisches Thema auf einer Ebene mit der Liebe. Die Liebe verfolgt einen auf Schritt und Tritt; der Tod macht nichts anderes.

Wie politisch ist der Tod?

Wenn ich die Frage richtig verstehe: Sehr. Wer bestimmt, wann es okay ist zu gehen? Das Thema Sterbehilfe wird bis heute in unserem Land nicht ernsthaft diskutiert. Mich haben dabei die letzten 100 Seiten von Kluuns Buch “Mitten ins Gesicht” nachhaltig verändert. Darin geht es um eine junge Familie, die zerbrechen wird, weil die Frau an Krebs erkrankt ist und schlussendlich keine Heilung mehr in Sicht ist. Sie beschließt Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen. Das war das erste und bislang einzige Buch, bei dem ich irgendwann zu weinen begann und nicht mehr aufhören konnte. Weil eine Krankheit das vermeintliche Idyll zerstört und weil die mutige Frau selber entscheiden möchte, wann es zu Ende sein wird. Dass ein Ende kommen wird, ist absehbar, aber sie hat durch die Sterbehilfe die Möglichkeit, in Würde zu gehen. Wenn die Krankheit schon Besitz vom ganzen Leben ergreift, so behielt sie trotzdem die Macht, über ihren Tod zu entscheiden. In Österreich kann man nur mittels Patientenverfügung entscheiden, dass keine lebensverlängernden Maßnahmen ergriffen werden. Das ist gut und wichtig, aber ich würde mir wünschen, dass es noch weitere Möglichkeiten gibt.

Wie wirkt der Tod in sozialen Medien?

Ich hasse den Tod in sozialen Medien. Zumindest in den letzten Jahren. Sterben Berühmtheiten, so fühlt sich scheinbar jeder dazu verpflichtet ein RIP-Posting zu veröffentlichen. Diese kollektive Trauer ist mir zuwider. Andererseits sehe ich manchmal auch Texte über persönliche Schicksalsschläge, über Todesfälle in der Familie. Da ist es immer schön zu beobachten, wie viel Anteilnahme, wie viel Empathie und Mitgefühl da geschenkt wird, von Menschen, die man vielleicht nur auf virtuellem Wege kennt, mit denen man aber durchaus auf mehreren Ebenen verbunden scheint.

Was bleibt von Menschen, wenn sie nicht mehr sind?

Am Anfang bleiben diese beschissenen Kleinigkeiten. Dinge, die einem zuvor nie aufgefallen sind, die einem aber kurz nach dem Tod plötzlich auffallen. Die einen unvermeidlich mit dem Verschwinden konfrontieren und den unmessbaren Schmerz noch vervielfachen.

Danach werden einem die Erinnerungen an den Tod mit Erinnerungen an das Leben der Person vermischt. Jedes Mal, wenn man an den Menschen denkt, denkt man unvermeidlich auch an den Tod. Eine brutale Mischung.

Und irgendwann, manchmal dauert das viel zu lange, aber irgendwann kommt dann der Punkt, wo die schönen Erinnerungen überwiegen. Das ist auch der Punkt, an dem vieles zu verblassen scheint. Aber das sind auch die Momente, wo man an den Menschen denkt und ein Lächeln die Erinnerung wach hält.

Was bleibt, wenn du gehst? Was geht, wenn du bleibst?

Mein Traum? Wenn ich einmal nicht mehr bin, soll es ganze Bücherregale mit meinen Geschichten geben. Ich möchte Erzählungen hinterlassen, die noch Generationen nach mir zum Denken anregen werden. Ich möchte kurze Anekdoten hinterlassen, über die meine Nachfahren noch einige Zeit schmunzeln. Es ist eine große Angst von mir, dass ich genau das nicht erreiche, bevor ich sterbe. Und vielleicht erlaube ich es mir deshalb auch nicht, diesen Traum jemals aufzugeben.

Welches Kunstwerk (Buch, Film, Text, Bild) drückt den Tod am besten aus?

Ben Harpers Lied “Walk away” ist für mich ein unglaubliches schönes, berührendes Lied über Tod. Wo sonst hört man so ehrliche Textzeilen wie diese: “They say if you love somebody / Then you have got to set them free / But I would rather be locked to you / Than live in this pain and misery”. Manche Menschen sehen darin ein irdisches Trennungslied, für mich hatte der Text aber seit dem ersten Hören die Bedeutung, dass Harper hier über den endgültigen Abschied sing.

 Wie viele Tode kann man sterben?

Keinen. Man wird einen Tod sterben, aber man kann ihn nicht sterben. Selbst, wenn man sich für den Weg selbst entscheidet, den Tod selbst kann man nicht kontrollieren. Der wird einfach nur sein.

 Welchen Zustand hat der Tod?

Der Tod bringt die letzte Entspannung. Ich erinnere mich immer gerne an die Erzählung meiner Mama. Sie war mit dabei, als mein Opa vor fast fünfzehn Jahren gestorben ist. Nachdem er jahrelang an Alzheimer, Parkinson und mehreren Schlaganfällen zu leiden hatte, nachdem er in den letzten Jahren kaum mehr Worte formen konnte, und sich im abschließenden Kampf seine Gesichtmuskeln mehr und mehr verkrampften, so sah er nach dem letzten Atemzug wieder jung aus. Seine Falten glätteten sich, seine Lippen entspannten sich. Ich habe ihn dann im Sarg gesehen und er sah entspannt aus. Fast glücklich.

 Inwieweit beeinflusst der Glaube/Nichtglaube den Tod?

Den wirklichen Todesakt, diesen Übergang vom Sein ins Nichts, der passiert einfach. Da hilft kein Gott oder Nichtglaube. Der ist einfach. Aber ich denke, dass der Glaube einem den letzten Weg erleichtern kann. Einem die Angst nehmen kann. Oder man an diesen Gott da oben die Bitte richten kann, einen zu erlösen. Ich weiß es nicht wirklich. Aber das Sterben passiert, ob mit oder ohne Gott.

Was bedürfe einer Änderung in der Welt bevor man geht?

Ach, es gibt so vieles, was sich verändern soll, bevor ich gehe. Ich würde mir wünschen, dass die Menschen nicht aus so vielem ein Tabu machen. Niemand redet gerne darüber, dass er Angst vor dem Tod hat. Oder dass er eine Therapie in Anspruch genommen hat, um Verluste zu verarbeiten. Alle schweigen über Schwächen, dabei sind es doch gerade die, die uns so menschlich machen. Also, wenn ich mir etwas wünschen darf, dann hätte ich gerne, dass man von diesem “Funktionieren” wieder abrücken könnte und zu einem “Sein” zurückkehren würde.

 

Vielen Dank für deine Worte.

Dominik im Internet: Blog // Instagram // Facebook // Tumblr // Twitter

%d Bloggern gefällt das: